Schweizer hinterfragen das Wachstum als Unternehmensziel

GENOSSENSCHAFTEN ⋅ Die Idee des ungebremsten Wirtschaftswachstums sei überholt, heisst es in einer neuen Forschungsstudie. Davon profitieren die Genossenschaften.

26. November 2016, 17:08

Sie bringen mittlerweile mehr als 25 Milliarden Franken Umsatz auf die Waage. Gut die Hälfte des gesamten Schweizer Detailhandels geht auf das Konto der beiden grössten Schweizer Detailhändler Coop und Migros. Längst verkaufen sie nicht mehr nur Milch, Brot oder Joghurt. Die orangen Riesen tasten sich in immer neuere Geschäftsfelder vor. Der eine besitzt Arztpraxen, verkauft E-Bikes und hält den grössten Onlinehändler im Portfolio. Der andere ist mit einem milliardenschweren Grosshandelsunternehmen europaweit unterwegs und auch Besitzer des Kosmetikunternehmens The Body Shop Switzerland. Im klassischen Detailhandelsgeschäft wachsen die beiden Riesen nur noch gemächlich. Sie suchen daher stetig neue Wachstumsfelder.

In der breiten Schweizer Öffentlichkeit kommt das Streben nach Wachstum der beiden Grossverteiler allerdings nicht mehr ganz so gut an, wie eine unveröffentlichte Studie von GFS Bern im Auftrag der IG Genossenschaftsunternehmen zeigt. Nur 30 Prozent der Befragten sprechen sich bei den beiden Grossverteilern für noch mehr Wachstum aus (siehe Grafik). Einzig bei Swisscom, Mobiliar und Credit Suisse plädieren die Teilnehmer für noch weniger Wachstum. Das grösste Wachstum wünschen sich die Befragten beim Carsharing-Unternehmen Mobility. Offenbar kommt die Mobilität einem gesellschaft­lichen Bedürfnis nach und hat noch nicht das wünschenswerte Ausmass erreicht.

Reale Bedürfnisse

Rund zwei Drittel geben laut Studie an, dass Coop und Migros ihr heutiges Niveau halten sollen. Hilmar Gernet, Mitgründer IG Genossenschaftsunternehmen und Direktor Kommunikation und Politik bei Raiffeisen Schweiz, sieht den Grund für diese Entwicklung in der schieren Grösse. «Nimmt eine Genossenschaft eine monopolähnliche Stellung ein, wird das Wachstum nicht mehr so stark befürwortet. Eine Genossenschaft muss mit realen gesellschaftlichen Bedürfnissen zusammenhängen.»

Im Auftrag der IG Genossenschaftsunternehmen hat GFS Bern 1031 Personen zur Wahrnehmung von Genossenschaften in der Schweiz befragt (siehe Box). Die Studienautoren kommen zum Schluss, dass das Streben nach Wirtschaftswachstum heute zunehmend hinterfragt wird. Nur eine Minderheit von 34 Prozent der Befragten spricht sich gemäss Studie noch für ein Wachstum der Schweizer Wirtschaft aus (siehe Grafik). Mit 58 Prozent plädiert die Mehrheit für den Status quo, also die Beibehaltung des heutigen Niveaus. Trotz aller Wachstumsmüdigkeit – eine schrumpfende Wirtschaft wünscht sich fast niemand.

Eine prosperierende Wirtschaft führe nicht mehr im selben Ausmass wie noch in der Nachkriegszeit zu einer breiten allgemeinen Wohlstandssteigerung, so die Autoren. Heute würden weniger vom Wachstum profitieren als früher. Diese Entwicklung dürfte mit ein Grund sein, weshalb die Genossenschaften in der Bevölkerung ein weiterhin gutes Image geniessen. «Die Akzeptanz von Wachstum besteht ­darin, dass Gewinne in der Genossenschaft nicht abgeschöpft werden, sondern wieder ins Unternehmen fliessen. Genossenschaften sind in ihren Dienstleistungen gesellschaftsrelevant», sagt Gernet.

Mit 71 Prozent gibt eine deutliche Mehrheit an, Kunde einer Genossenschaft zu sein. Das sind 4 Prozentpunkte mehr als bei der letzten Befragung 2011. Gleich geblieben ist die Zahl der Genossenschaftsmitglieder mit 44 Prozent. Vertrauenswürdiger als die Genossenschaft ist einzig das Familienunternehmen.

Selbst wenn die Genossenschaften in der Bevölkerung auf grosses Wohlwollen stossen und rund 16 Prozent zum Brutto­inlandprodukt beisteuern, so müssen sie Acht geben, dass der Genossenschaftsbonus nicht entfällt, wenn Genossenschaften zu marktwirtschaftlich agieren. Grosse Genossenschaften seien gefordert, in der heutigen digitalen Welt die bestehende DNA zu nutzen, um die neuen Instrumente, die diese Welt offeriere, mit einzubeziehen, sagt Gernet. «Ein wichtiges Element ist die Partizipation: Das ist der Kern, der die Identität ausmacht.» Das bedeutet, dass die Basisdemokratie innerhalb von sinnvollen Führungsstrukturen stattfinden soll. «Es müssen Strukturen vorhanden sein, die zeigen, dass die einzelne Stimme des Mitglieds Wert hat.»

Wenige Genossenschaften

Das ist heute allerdings oft nur bei kleineren Genossenschaften der Fall. Und trotz des grossen Vertrauens in sie sinkt die Zahl der Genossenschaften stetig. Coop entstand vor mehr als hundert Jahren als Organisation zur Selbsthilfe, um ärmere Bevölkerungsschichten mit Lebensmitteln zu versorgen. Die Migros stülpte sich dieses Rechtsgewand über, um sich vor einer Übernahme zu schützen. Die jüngeren Konkurrenten sind fast ausnahmslos als Aktiengesellschaften aufgestellt, neue Genossen- schaften sind nicht entstanden.

Die Hürden für die Gründung einer Genossenschaft sind hoch. So braucht es sieben Mitgründer; ferner sind die erschwerte Kapitalbeschaffung und die demokratische Struktur Punkte, die für Grossunternehmen hinderlich sind. STA Travel etwa hat sich in eine AG umgewandelt, weil das demokratische Prinzip für das rasche Wachstum hinderlich war.

Ueli Kneubühler


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