Netzbetreiber rüsten sich für Sonnenfinsternis

20. MÄRZ ⋅ Die partielle Sonnenfinsternis vom kommenden 20. März könnte zu Stromausfällen führen. Netzwerkbetreiber in ganz Europa rüsten sich - auch in der Schweiz.

15. März 2015, 13:09

Die Wetteraussichten sind gut, um das Spektakel am kommenden Freitagmorgen, dem 20. März, beobachten zu können: Dann wird sich die Sonne über Europa für gut zwei Stunden verdunkeln.

Vor allem Länder, die einen grossen Teil ihrer Stromproduktion aus Solarenergie beziehen, müssen in dieser Zeit mit einem markanten Abfall der Stromleistung rechnen.

"Das Problem ist nicht, dass es während der Sonnenfinsternis zu wenig Strom gäbe. Es ist vielmehr die Geschwindigkeit, mit welcher der Schatten des Mondes an einem wolkenlosen Tag die Leistung aller Photovoltaik-Anlagen in ganz Europa erst reduzieren, und dann wieder steigern würde", erklärte Christian Schubert von der Schweizer Netzgesellschaft Swissgrid der Nachrichtenagentur sda.

Konventionelle Gas-, Kohle- und Wasserkraftwerke in ganz Europa müssten deshalb gleichzeitig hoch- und wieder runtergefahren werden. "Betroffen sind insbesondere Länder mit einem hohen Anteil an Photovoltaik wie Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien", sagte Schubert.

Plötzlich wird Leistung von 14 AKW eingespiesen

In Deutschland rechnen die Netzbetreiber am Anfang der Sonnenfinsternis mit einem Rückgang der Solar-Einspeisung um bis zu 12'000 Megawatt. Nach Ende des kosmischen Schauspiels erwarten sie dann eine plötzlich wieder dazukommende Einspeisung von 19'000 Megawatt aus den weit über einer Million Solaranlagen in Deutschland.

Der Grund für den deutlichen Unterschied: Die Sonne steht zur Mittagszeit höher, das erhöht die solare Stromproduktion. Die 19'000 Megawatt entsprechend der Leistung von rund 14 grossen Atomkraftwerken.

Vernetzte Schweiz betroffen

In der Schweiz ist der Anteil an Solarstrom mit rund einem Prozent gering. Weil die Schweiz Bestandteil des europäischen Übertragungsnetzes ist und direkt an drei Länder mit hohem Solarstromanteil grenzt, sei aber auch unser Land betroffen, sagte Schubert. Wie in anderen Ländern auch wurde eine Task-Force eingesetzt. Diese untersuchte die Einflüsse der Sonnenfinsternis auf das Stromnetz.

Am Tag der partiellen Sonnenfinsternis steht mehr Personal im Einsatz. Die Swissgrid ist dann permanent in Kontakt mit den Netzleitstellen der umliegenden Länder.

Sinkt die Stromproduktion aus Photovoltaikanlagen wegen der Sonnenfinsternis, werden möglichst rasch andere Kraftwerke hochgefahren. "Es besteht das Risiko von Frequenzschwankungen im Netz. Deshalb sind wir sind gut vorbereitet", sagte Schubert.

Die potenziellen Auswirkungen einer Sonnenfinsternis seien noch nie so gross gewesen wie jetzt. "Bei der totalen Sonnenfinsternis von 1999 machte die Photovoltaik in Europa gerade einmal 0,2 Prozent am Strommix aus, heute sind es 10 Prozent."

Wetter ist entscheidend

Wie "dramatisch" die Folgen der Sonnenfinsternis tatsächlich ausfallen, hängt gemäss Schubert vor allem vom Wetter ab. Scheint in ganz Europa die Sonne, und fällt diese dann plötzlich aus, ist der Abfall der Stromleistung markant. Bis zu 30 Gigawatt könnten dann plötzlich ausfallen - das entspricht etwa 30 Mal der Leistung des Kernkraftwerks Leibstadt.

Ist es am Tag der Sonnenfinsternis hingegen bewölkt, wird das Netz ohnehin bereits von anderen Kraftwerken gespiesen. Die Schwankung fällt deutlich geringer aus - und damit sinkt das Risiko für einen Stromausfall.

Vorsorglich können die Photovoltaikanlagen im Übrigen nicht vom Netz genommen werden, um die Schwankung zu vermeiden. "In der Schweiz gibt es vor allem kleinere Photovoltaikanlagen, die in privater Hand sind. Die Produktion aus diesen Anlagen lässt sich kaum regeln", sagte Schubert.

Fast 75 Prozent bedeckt

Die partielle Sonnenfinsternis beginnt in der Schweiz um zirka 9.25 Uhr und dauert bis 11.45 Uhr, wie die Schweizerische Astronomische Gesellschaft (SAG) auf ihrer Homepage schreibt. Die maximale Bedeckung von fast 75 Prozent erreicht die Sonne zwischen 10.30 und 10.36 Uhr.

In einem breiten Streifen zwischen Island und Norwegen ist für fast drei Minuten sogar eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten. Die SAG warnt davor, das Schauspiel ohne Spezialbrille mitzuverfolgen.

Die nächste Sonnenfinsternis mit einem vergleichbaren Bedeckungsgrad wird es erst 2048 geben. Dann könnte die Herausforderung auch für die Schweiz noch grösser werden - falls die Energiestrategie 2050 dannzumal wie vorgesehen umgesetzt ist.

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Sonnenfinsternis und Aberglaube

Um die Sonnenfinsternis ranken sich von jeher Mythen und Aberglauben. Früher konnten sich die Menschen nicht erklären, warum die lebenspendende Sonne plötzlich verschwand, und bekamen Angst. Auch heute noch sehen manche in dem Phänomen ein böses Omen.

DRACHEN: Einem Aberglauben in China und anderswo zufolge wird die Sonne bei einer Finsternis von einem Drachen oder einem anderen Ungeheuer verschlungen. Mit Geschrei und Getöse wurde das Untier vertrieben.

RITUELLE BÄDER: Die indische Mythologie besagt, dass bei einer Sonnenfinsternis der Dämon Rahu versuche, den Sonnengott Surya und damit das Leben auf der Erde in Gefahr zu bringen. Gläubige Hindus vermeiden es dann, nach draussen zu gehen und zu essen. Viele nehmen rituelle Bäder, um sich von etwaigen Folgen reinzuwaschen.

SCHLACHT: Mitten in der Schlacht zwischen den westiranischen Medern und den kleinasiatischen Lydern 585 v. Chr. wurde plötzlich der Tag zur Nacht. Die Truppen beider Seiten, die sich schon seit sechs Jahren bekriegten, hielten inne und beschlossen, Frieden zu schliessen. Das berichtet der griechische Geschichtsschreiber Herodot über die Sonnenfinsternis.

PROPHEZEIUNG: Der Pariser Modeschöpfer Paco Rabanne zog bei der Sonnenfinsternis 1999 Spott auf sich. Der Esoterik-Anhänger hatte den Absturz der russischen Raumstation Mir auf Paris unter der «Schwarzen Sonne» vorhergesagt. Der Absturz kam erst 2001 - planmässig und kontrolliert ins Meer.

SEKTEN: Manche Sekten erwarten bei einer Sonnenfinsternis den Weltuntergang. So hatten Anhänger einer dubiosen Glaubensgemeinschaft 1999 für den Tag des Himmelsereignisses eine Sintflut vorausgesagt und deshalb einen Bunker auf einem Hügel in der Nähe der spanischen Stadt Tarragona gebaut. Es passierte bekanntermassen nichts.

(sda)


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