Teilzeit auf dem Vormarsch

WORK-LIFE-BALANCE ⋅ Immer mehr Beschäftigte wollen Teilzeit arbeiten. Schweizer Unternehmen gehen je nach Branche unterschiedlich auf das neue Bedürfnis ein. Gerade die grossen Firmen tun sich schwer damit.
20. April 2017, 07:49

Andreas Lorenz-Meyer

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Eine bessere Work-Life-Balance, mehr Zeit für die Familie. Gute Gründe, den klassischen 100-Prozent-Job nur noch als zweite Wahl zu betrachten. Die Zahl der Arbeitnehmer, die Teilzeit arbeiten wollen, steigt. Zudem finden Mütter über eine Teilzeitanstellung besser in den Arbeitsmarkt zurück. Was auch volkswirtschaftlich zu begrüssen ist, stellt die Boston Consulting Group in einer Studie von 2016 fest. 50 000 hochqualifizierte Akademikerinnen würden nach der Geburt des Kindes zu Hause bleiben. Ihr Wissen und Engagement fehlen der Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft. Und die rund 5,75 Milliarden Franken, die der Staat in die Ausbildung der Frauen investiert hat, fliessen nicht in den Wirtschaftskreislauf zurück.

Wer Anstellungen jenseits der 100 Prozent sucht, findet sie auf teilzeitkarriere.ch. Jüngst hat das Portal, das Teilzeit «salonfähig» machen will, die Rangliste «Top 100 Teilzeit-Arbeitgeber 2016» veröffentlicht. Unter den ersten zehn Unternehmen gibt es einen «signifikanten Anstieg» von Teilzeitstellen: 12 000 gegenüber 8700 im Vorjahr. Jedoch sagt die reine Zahl nichts über die Offenheit eines Unternehmens für Teilzeit aus, denn die Rangliste basiert auf absoluten Zahlen. «Daher sind grosse Unternehmen mit vielen Beschäftigten im Vorteil», sagt Andy Keel, Betreiber des Portals. «Gerade die Grossen tun sich extrem schwer mit flexiblen Arbeitszeitmodellen und besonders mit Teilzeit.»

Vollzeitjob im Teilzeitpensum

Der Grossteil der Teilzeitstellen hierzulande bezieht sich auf ein Pensum von 80 bis 100 Prozent. Keel geht davon aus, dass maximal jede dritte dieser Stellen wirklich in Teilzeit besetzt wird. Meist handelt es sich dann doch um einen Vollzeitjob. In der Schweiz gebe es nur wenige Firmen, die hochqualifizierte Stellen in Teilzeit ausschreiben. Anders sieht es bei KMU aus. Da seien zumindest einige flexibler und besetzen die Leitung eines Rechtsdienstes mal mit 40 Prozent. Was die Entwicklung hin zu mehr Teilzeit in der Schweiz bremst? «Allen voran ein veraltetes Hierarchie- und Präsenzdenken», meint Keel. «Nur wer Vollzeit leistet, ist mit dabei im Club der Performer.» Hinzu kommt, dass viele Firmen nach wie vor nicht in der Lage seien, flächendeckend mobil und in der Cloud zu arbeiten. Das würde Teilzeit aber vereinfachen. Flexible Arbeitsorte seien zum Beispiel wichtig, wenn die Kinder mittags von der Schule nach Hause kommen.

Detailhandel, öffentliche Verwaltung und Gesundheitsbranche sind im Ranking am stärksten vertreten. Rang 18 nimmt das Kantonsspital Luzern ein. «Wir haben sowohl absolut durch Personalwachstum wie auch relativ Teilzeitstellen geschaffen», berichtet Barbara Flubacher, Leiterin Human Resources. Die Teilzeitquote liegt derzeit stabil bei 55 Prozent. Wobei Frauen mehr als doppelt so oft Teilzeit arbeiten wie Männer. Die Anstellungspalette reicht von 20 bis 100 Prozent. Der Linienvorgesetzte entscheidet über die Pensenzusammen­setzung in seinem Team. «Grundsätzlich muss es mit vertretbarem Aufwand hinsichtlich Informationsfluss und Wissens­aktualisierung führbar sein», erklärt Flubacher. Im Gesundheitswesen seien je nach Funktion eine hohe Präsenz und die Erreichbarkeit notwendig. Wie attraktiv Teilzeit für jemanden ist, hänge weniger vom Geschlecht ab als vielmehr von der Lebenssituation. Ist der Mann der Hauptverdiener der Familie, liessen die Rahmenbedingungen häufig keine Teilzeitanstellung zu. Für das Kantonsspital bringt Teilzeit organisatorische Vorteile, wenn Angestellte dadurch flexibel einsetzbar sind, zum Beispiel eher einspringen können. Teilzeit eignet sich dort, wo die Übergabe wenig Aufwand benötigt.

Industrie: Teilzeit gegen Fachkräftemangel

Auch in der schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie ist Teilzeit ein Thema. 2014 veröffentlichte der Verband Swissmem eine Studie zum Problem des Fachkräftemangels. Dieser resultiert aus den vielen Pensionierungen, die die Branche zu verkraften hat: 20 000 jährlich in den kommenden Jahren. Fünf Berufsfelder, darunter Maschinisten und Ingenieure, seien besonders betroffen. Die Zahl der Pensionierungen dürfte heute ähnlich hoch sein. Dem Fachkräftemangel will die Branche unter anderem mit mehr Teilzeit für Frauen und Männer entgegenwirken. «Teilzeitarbeit entspricht vermehrt dem Bedürfnis der Arbeitnehmer», sagt Ivo Zimmermann vom Verband. «Sie erlaubt es zum Beispiel jungen Eltern, Familie und Beruf besser zu vereinbaren und weiterhin in ihrem Arbeitsbereich tätig zu bleiben.» Teilzeitstellen helfen, Mitarbeiter, besonders Frauen, für die Branche zu gewinnen und sie im Unternehmen zu halten. Zudem verschaffen sie einem Unternehmen den Zugang zu einem neuen Pool möglicher Mitarbeiter.

Laut 2014er-Studie arbeiteten in der Branche 87 Prozent der Mitarbeiter Vollzeit (Schweizer Gesamtwirtschaft: 67 Prozent). Die Quote hat sich kaum verändert. «Die Entwicklung hin zu mehr Teilzeitarbeit braucht Zeit», erklärt Zimmermann. «Das liegt nicht nur an den Unternehmen. Wir haben auch festgestellt, dass sich die Männer in unserer Branche oft noch schwertun, nach einer Teilzeitstelle zu fragen.» In der Regel sei es einfacher, eine Teilzeitbeschäftigung in administrativen Bereichen anzubieten als in der Produktion. Was mit den bereichsübergreifenden Abhängigkeiten zusammenhängt, aber auch mit den engen terminlichen Vorgaben im Projektgeschäft. Der vielzitierte «Wettbewerb um Talente» spielt ebenso eine Rolle. Zimmermann: «Um international wettbewerbsfähig zu sein, ist die Industrie auf die besten Fachkräfte angewiesen. In der Wahl des Arbeitgebers kann Teilzeitarbeit ein Kriterium sein.»

2016 hatte die international tätige Dierikoner Komax AG, die Lösungen für die Kabelverarbeitung herstellt, weniger als zehn Pensionierungen bei den Mitarbeitern in der Schweiz. Gleichzeitig wurden rund 70 neue Stellen geschaffen. «Die Suche nach qualifizierten Fachkräften findet bei uns nur zu einem sehr kleinen Anteil aufgrund von Pensionierungen statt», sagt Roger Müller vom Unternehmen. Der Personalbestand stieg in den letzten Jahren, und auch die Teilzeitstellen nahmen tendenziell zu. In der Schweiz arbeiten von den rund 600 Komax-Mitarbeitern deutlich unter 20 Prozent Teilzeit. «Diese Quote hat bisher keine wesentlichen Veränderungen in den Prozessen nötig gemacht», erklärt Müller. Teilzeitstellen seien auch nur einer von mehreren Faktoren, die zur Attraktivität eines Arbeitgebers beitragen.


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