«Titos Werkbank» gewinnt an Bedeutung

INDUSTRIE ⋅ Bosnien-Herzegowina bietet für Schweizer Unternehmen viele Vorteile. Nun eröffnet dort auch Perlen Papier CPH einen Produktionsstandort. Ein Unternehmer gibt einen wichtigen Tipp.

18. Oktober 2016, 05:00

Polen, Tschechien oder die Slowakei. Das sind gängige Destinationen für Schweizer Industriefirmen, die angesichts der Frankenstärke ihre Produktionskosten tiefhalten müssen. Bosnien-Herzegowina hört man hingegen kaum. Doch genau dort wird die CPH Chemie + Papier Holding AG mit Hauptsitz in Perlen nächstes Jahr eine Niederlassung eröffnen. Ihre Chemietochter Zeochem hat in Zvornik – einer Stadt im Nordosten – ein 5400 Quadratmeter grosses Industrieareal gekauft und wird dort ein Produktionswerk errichten. 40 Personen werden in Zvornik ab Ende 2017 unter anderem Molekularsiebpulver und Chromatografiegele herstellen. Das Investitionsvolumen liegt im höheren einstelligen Millionenbereich.

Für CPH-Chef Peter Schildknecht gab es vor allem zwei Gründe für eine Investition in Bosnien: «Unser Rohstofflieferant befindet sich gleich vor Ort. Ausserdem sind die Infrastruktur- und Arbeitskosten wesentlich tiefer als in anderen Ländern», sagt Schildknecht. CPH war bislang nicht selber in Bosnien tätig; die Firma unterhält aber eine langjährige Partnerschaft mit dem bosnischen Zulieferer Alumina. Dieser beliefert den Chemiebereich von CPH mit sogenannten Filterkuchen. Auf den Standort in Perlen soll der Aufbau in Bosnien keine Auswirkung haben. Die CPH-Tochter Zeochem hat ihren Hauptsitz im zürcherischen Uetikon, doch dieser wird bekanntlich Ende 2017 geschlossen. Den grössten Teil der Fertigungsprozesse verlagert CPH nach China. Mit dem neuen Standort in Bosnien könne man «die vom bisherigen Produktionsstandort Uetikon gewohnte Qualität gewährleisten», sagt Schildknecht.

Tiefe Steuern und Produktionskosten

Zwar dürften die Gründe für eine Auslagerung oder Expansion nach Bosnien von Firma zu Firma unterschiedlich sein. Doch es gibt Faktoren, die wohl allen Industriefirmen Vorteile bieten: Die Schweizer Botschaft nennt in erster Linie die tiefen Produktionskosten, die Nähe zur Europäischen Union und ein attraktives Steuerregime. Die Handelskammer Schweiz-Mitteleuropa weiss von einigen Investitionen von Schweizer Industriebetrieben zu berichten. Für Bosnien-Herzegowina ist die Schweiz zwar im Hinblick auf Handelsaustausch und Direktinvestitionen ein wichtiger Akteur, doch aus Schweizer Sicht sind die Handels- und Investitionsvolumen noch relativ bescheiden. Hauptexportprodukte in die Schweiz sind Möbel und Holzwaren, aber auch Bekleidung sowie Aluminium.

Drei Ethnien berücksichtigen

Im alten Jugoslawien unter Staatschef Josip Broz Tito galt Bosnien als «Werkbank Titos». Noch heute prägen viele Maschinenfabriken das ethnisch gespaltene Land. In der Stadt Mostar, die nach der Zerstörung einer historischen Brücke während des Bosnienkrieges traurige Berühmtheit erlangte, sind viele Firmen angesiedelt, die sich mit Aluverarbeitung beschäftigen. Hier stossen europäische Industriebetriebe auf viel Know-how.

Das Land kämpft jedoch mit grossen Herausforderungen im Bereich Bürokratie, Korruption, und Infrastruktur. Ausserdem führen die hohe Arbeitslosigkeit und der niedrige Lebensstandard dazu, dass viele gut ausgebildete Bosnier das Land verlassen. Zudem sind die ethnischen Differenzen auch zwanzig Jahre nach dem Ende des Bosnienkrieges nicht überwunden.

Wichtig sei, betont ein Unternehmer im Gespräch, dass man bei der Rekrutierung die drei Volksgruppen gleich stark berücksichtige. Unter dem Strich habe sich die Situation in den letzten Jahren verbessert. Zwischen der Schweiz und Bosnien besteht seit Anfang 2015 ein Freihandelsabkommen.

Maurizio Minettimaurizio.minetti@luzernerzeitung.ch


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