Wenn das Alter die Jobsuche erschwert

ARBEIT ⋅ Auf den ersten Blick ist die Lage für Personen ab 50 Jahren auf dem Arbeitsmarkt gut. Verlieren sie aber gegen Ende des Berufslebens ihren Job, wird es schwierig.
18. Juli 2013, 11:13

30 545 Personen über 50 Jahre waren Ende Juni in der Schweiz arbeitslos. Hans Huber* (55) ist einer von ihnen. Seit knapp sechs Jahren ist der zweifache Familienvater auf der Suche nach einer neuen Festanstellung – trotz grosser Anstrengungen ohne Erfolg. «Insgesamt habe ich über 500 Bewerbungen geschrieben», sagt er. Doch mehr als eine Hand voll Bewerbungsgespräche habe nicht rausgeschaut. «Es ist entwürdigend und frustrierend», sagt Huber, der auf 35 Jahre Berufserfahrung zurückblickt.

Die Kündigung sei ein Schock gewesen, sagt er. Zumal sie überraschend und ohne Vorgespräch erfolgt sei. Dennoch habe er den Jobverlust nicht nur negativ gesehen. «Dann suche ich mir halt etwas anderes», so sein erster Gedanke am Tag seiner Entlassung, die notabene einen Monat vor seinem 15. Dienstjubiläum ausgesprochen wurde.

Dass es so schwierig werden würde, das hätte sich der damals 49-Jährige niemals vorgestellt. «Wieso auch? Ich hatte einen guten Job, bin gut qualifiziert und motiviert», sagt Huber. Zumal er als ehemaliger Personalvermittler ja über das notwendige Know-how verfügte. «Ich habe Hunderten Stellen­suchenden einen Job vermittelt. «Auch vielen über 50-Jährigen», betont Huber.

Nach wie vor attraktiv

Ohne Chancen ist Hubers Wunsch nach einer Festanstellung nicht. Markus Theiler, Geschäftsführer der Jörg Lienert AG, weiss aus Erfahrung, dass über 50-Jährige nach wie vor gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. «Bei unseren Stellenausschreibungen haben in den letzten Jahren immer wieder über 50-Jährige das Rennen gemacht», sagt Theiler. Er räumt aber ein, dass viele Firmen nicht mehr bereit sind, in ältere Arbeitnehmer zu investieren. «Quereinsteiger über 50 Jahre haben es besonders schwer», weiss er. Wenn Firmen die Wahl zwischen einem jüngeren und einem älteren Kandidaten haben, so würden sie fast immer den jüngeren vorziehen, sagt Theiler. «Firmen investieren dann lieber in junge als in ältere Mitarbeiter – das ist für sie interessanter.» Er rät über 50-Jährigen deshalb, sich auf diejenigen Stellen zu bewerben, «wo das Jobprofil 1:1 mit dem angeeigneten Wissen und den gemachten Erfahrungen zusammenpasst».

Keine Sicherheiten mehr

Um auf dem Arbeitsmarkt attraktiv zu bleiben, sei es wichtig, sich regelmässig weiterzubilden und wach zu bleiben, sagt Theiler. «Man sollte auch eine persönliche Agenda haben, was man im Fall der Fälle zu tun gedenkt», rät der erfahrene Personalvermittler. Er betont jedoch, dass es die totale Sicherheit nicht gibt. «Heute ist man nicht einmal mehr bei einem öffentlichen Arbeitgeber gegen eine Entlassung gefeit», sagt Theiler.

Beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) ist man sich der Schwierigkeiten von älteren Personen auf dem Arbeitsmarkt durchaus bewusst. Aber: «Grundsätzlich sind ältere Personen gut im Arbeitsmarkt integriert», sagt Seco-Sprecherin Antje Baertschi. Dies belege die Arbeitslosenquote, die bei den über 50-Jährigen tiefer ist als der Durchschnitt. Ende Juni lag die Arbeitslosigkeit schweizweit bei 2,9 Prozent und für die über 50-Jährigen bei 2,5 Prozent.

Verlieren Personen um die 50 jedoch ihre Stelle, dann harzt es. «Der Wiedereinstieg fällt älteren Personen deutlich schwerer als jüngeren», bestätigt Baertschi. Das zeigen die Zahlen zur Langzeitarbeitslosigkeit: Von den schweizweit 20 468 Personen, die seit einem Jahr oder mehr ohne Stelle sind, sind 8409 Personen über 50 Jahre alt. Das sind hohe 41,1 Prozent.

Die Gründe dafür seien vielfältig. Der Lohn sei eine Komponente: «Nach wie vor geht man davon aus, dass der Lohn mit dem Alter stets zunimmt, das ist nach einem Stellenverlust aber oft nicht der Fall», sagt Baertschi. Der Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt gelingt oft nur, wenn man einen schlechteren Lohn in Kauf nimmt. «Ältere Arbeitslose mit viel Berufserfahrung haben häufig stärkere Lohneinbussen zu verkraften als jüngere Personen mit weniger Berufserfahrung», sagt Baertschi. Neben dem hohen Lohn können für Firmen auch die mit dem Alter stark ansteigenden Pensionskassenbeiträge ein Grund sein, einem älteren Kandidaten einen jüngeren vorzuziehen. In diesem Punkt hat die Politik bereits Vorstösse lanciert: FDP-Präsident Phi­lipp Müller hat vor Wochenfrist gefordert, dass die Beiträge an die Pensionskassen künftig für alle Arbeitnehmer gleich hoch sein sollen.

Eigentlich ein guter Vorschlag, allerdings ist er nicht von heute auf morgen umsetzbar. Es braucht eine lange Übergangsphase, da man zu Beginn des Arbeitslebens wenig Geld in die zweite Säule einzahlt (7 Prozent des versicherten Lohnes). Mit fortschreitendem Alter steigen die Beiträge dann, bis man ab 55 Jahren 18 Prozent des versicherten Lohnes einzahlt. Änderte man das System nun von einem Tag auf den anderen, hätten viele am Ende ihres Erwerbslebens ein Loch in der Pensionskasse.

Erfahrene Fachkräfte sind begehrt

Antje Baertschi vom Seco betont aber, dass ältere Arbeitnehmer nach wie vor gebraucht werden – insbesondere als Fachkräfte. «Ihre Erfahrung ist begehrt, denn darin spiegelt sich eine höhere Produktivität gegenüber unerfahrenen Arbeitskräften.» Die von der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) am Dienstag veröffentlichten Zahlen zeigen, dass in der Schweiz 70,5 Prozent der 55- bis 64-Jährigen einer Arbeit nachgehen. Gegenüber dem Jahr 2000 ist das eine klare Steigerung. Damals wies die Schweiz für die über 50-Jährigen noch eine Erwerbsquote von 63,5 Prozent auf. Im OECD-Vergleich haben nur Island (79,2 Prozent), Neuseeland (73,9 Prozent), Schweden (73,1 Prozent) und Norwegen (70,9 Prozent) eine höhere Erwerbsquote bei über 50-jährigen Personen als die Schweiz.

Hans Huber glaubt nach wie vor daran, nochmals eine Festanstellung zu finden. Seit Jahren hangelt er sich mit befristeten Angeboten durchs Leben. Das Schwierigste sei, positiv zu bleiben. Wie wichtig eine Stelle sei, merke man erst, wenn man sie nicht mehr habe. «Man muss sich sehr stark zusammennehmen – für meine Partnerin und für meine Kinder», sagt er. Doch der Druck ist hoch: «Wir müssen jeden Franken zweimal umdrehen.»

* Name geändert

Die Brun AG rekrutiertbewusst ältere Arbeitnehmer

Baubranche rom. Dass ältere Arbeitskräfte bei Unternehmen nach wie vor stark gefragt sind, zeigt das Beispiel der Brun-Gruppe aus Emmenbrücke. Das Bauunternehmen hat in den letzten Monaten 12 Personen über 50 Jahre eingestellt. «Wir setzen stark auf gemischte Teams», sagt Geschäftsführer Reto Brun. Mit der Kombination von Jung und Alt habe man sehr gute Erfahrungen gemacht.

Die zwölf eingestellten Personen sind zwischen 50 und 62 Jahre alt, vier Frauen und acht Männer, so Brun. Ob Baumaschinenführer, Sachbearbeiterin, Bauleiter oder an vorderster Front auf der Baustelle: Die erfahrenen Berufsleute werden bei der Brun AG sehr geschätzt. «Die jungen Angestellten können von der Fachkompetenz und der Arbeitserfahrung der älteren viel profitieren», sagt Brun, der zusammen mit seinem Bruder Adrian das Familienunternehmen mit 250 Festangestellten und zurzeit 100 Temporärmitarbeitern in der vierten Generation leitet.

Dank der Durchmischung nehme man etwas den Druck von den jüngeren Angestellten, sagt Brun. Das sei wichtig, denn in der Baubranche gebe es ein Nachwuchsproblem. «Wir haben Mühe, junge Leute nachzuziehen», sagt Brun. Die Durchmischung mache für die Jungen den Job auf der Baustelle attraktiver, ist Brun überzeugt. «In einem solchen Team liessen sich Alltagsfragen schnell klären. Wenn man die Älteren da einsetzen könne, wo sie stark seien, dann müssten diese bei ihrer Neuanstellung auch keine Lohnabstriche in Kauf nehmen. «Wir haben Bandbreiten für die Löhne, wegen des Alters drücken wir aber keine Löhne», betont Brun. Für die Erfahrung ist er bereit, gute Löhne zu zahlen. «Auch Arbeitskräfte ab 50 Jahre sind ihr Geld wert», sagt Brun.


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