Wenn der Lärm teuer wird

UMWELT ⋅ Autos, Lastwagen, Busse, Flugzeuge, Eisenbahnen: Es ist laut in der Schweiz. Allem voran Strassenlärm sorgt für gehörigen Krach. Und der Lärm kostet auch viel Geld.

25. Februar 2016, 07:34

Andreas Lorenz-Meyer

In der Schweiz ist laut Bundesamt für Umwelt (Bafu) tagsüber jede fünfte und in der Nacht jede sechste Person am Wohnort von schädlichem oder lästigem Strassenverkehrslärm betroffen – je weit über eine Million Menschen. Autos und Lastwagen sind die Hauptkrachmacher im Land. Hinzu kommen Eisenbahn- und Fluglärm, unter denen mehrere zehntausend leiden. Die Folgekosten, die Lärm verursacht, belaufen sich jährlich auf 1,8 Milliarden Franken, schätzt das Bafu (siehe Grafik). 60 Prozent davon sind der Wertverlust von Immobilien, 40 Prozent sind Gesundheitskosten, denn dauerhafte Lärmbelastung kann krank machen, etwa zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.

Leisere Zeiten nicht in Sicht

Urs Walker, Leiter der Abteilung Lärm beim Bafu, beurteilt die Situation so: «Lärm dehnt sich auf immer grössere Flächen aus. Wir machen Fortschritte bei der Bekämpfung, aber die Belastung besonders durch Strassenverkehr ist an vielen Orten gewachsen. Die Anzahl PKW stieg um über eine halbe Million in den letzten zehn Jahren, auch die damit gefahrenen Personen-Kilometer gehen nach oben. Kurz- und mittelfristig zeichnet sich keine Entwicklung ab, die diesen Trend brechen würde.»

Lärmeindämmung durch weniger Mobilität scheint nicht möglich. Also sorgt man für leiseren Verkehr. Lärmquellen beim Fahrzeug sind das Antriebsgeräusch und das Abrollgeräusch. Bei PKW erzeugt das Abrollgeräusch bereits ab etwa 30 km/h mehr Lärm als der Motor. Strassen, an denen es zu laut ist, müssen gemäss Gesetz lärmsaniert, der Lärm vor Ort also reduziert werden. Massgeblich sind die Immissionsgrenzwerte. Diese betragen für Wohngebiete 60 Dezibel (dB) am Tag und 50 dB nachts. Der Alarmwert beginnt bei 70 dB am Tag und 65 dB in der Nacht. Lärm lässt sich am besten direkt an den Quellen reduzieren. Denn, so Walker: «Lärm, der gar nicht entsteht, muss auch nicht mit Schallschutzwänden wieder begrenzt werden.» Zu den technischen Lösungen gehören leisere Strassenbeläge und leisere Reifen (siehe Box). Hinzu kommen tiefere Geschwindigkeiten und ein leiseres Fahrverhalten.

Wertverlust geltend machen

In lärmarmen Belägen, auch Flüsterbeläge genannt, steckt das grösste Potenzial. Der ganze Siedlungsraum wird dadurch entlastet, nicht nur ein Einzelgebäude. Die Gesteinszusammensetzung eines lärmarmen Belags besteht aus kleineren Körnern, zusätzlich wird er weniger stark verdichtet, was zu Hohlräumen im Belag führt. Durch die feinere Körnung gibt es geringere Schwingungen des Reifens und des Rades, die zusätzlichen Hohlräume im Belag absorbieren einen Teil des Lärms. Moderne lärmarme Beläge bringen im Anfangszustand eine Lärmminderung von über 6 dB gegenüber einem Normbelag. «Dies entspricht dem gleichen Effekt, wie wenn nur noch ein Viertel des Verkehrs vorhanden wäre», so Walker. In der Schweiz sind rund 400 Streckenabschnitte mit lärmarmen Belägen eingesetzt, insgesamt etwa 200 Kilometer Strasse. Wären sie flächendeckend im Einsatz, hätte das auch grosse volkswirtschaftliche Vorteile. Dann wäre rund ein Drittel der heute Lärmbelasteten im Sinne des Gesetzes geschützt. Viele Menschen würden zum Beispiel nicht an Lärm erkranken. Dadurch fielen laut Bafu pro Jahr, grob geschätzt, 300 Millionen Franken an Folgekosten weg, welche sich aus dem Wertverlust von Liegenschaften und Gesundheitskosten zusammensetzen.

Schweizweit betragen die verkehrslärmbedingten Wertverluste von Liegenschaften gemäss Studien rund 1 Milliarde Franken pro Jahr. Immobilienbesitzer sollten sich bei Behörden informieren, welche Massnahmen zur Lärm­begrenzung vorgesehen sind. Sie haben auch die Möglichkeit, den Wertverlust ihrer Immobilie geltend zu machen. Dazu müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein, so Urs Walker vom Bafu. Die Immissionsgrenzwerte für den Lärm werden überschritten, die Lärmbelastung war nicht vorhersehbar, und die Werteinbusse erreicht eine gewisse Höhe. Welche Höhe, das hängt vom Einzelfall ab. Wegweisende Gerichtsentscheide zur Entschädigung des Wertverlusts durch Strassenlärm stehen noch aus.

Neue Beläge in Luzern

Wie sieht es im Kanton Luzern aus? Etwa 15 Prozent der Bevölkerung, knapp 60 000 Menschen, leiden unter Lärmbelastung oberhalb der Grenzwerte. 3800 Personen sind sogar über dem Alarmwert lärmbelastet. Am lautesten ist es entlang von Kantons- und Nationalstrassen. Somit sind häufig auch Ortsdurchfahrten lärmbelastet. Bei der Lärmsanierung der Kantonsstrassen geht es gut voran. Werner Stalder, Teamleiter Lärmschutz bei der Dienststelle Verkehr und Infrastruktur: «Zu einem grossen Teil, vor allem im Stadtgebiet und in der Agglomeration, sind die Arbeiten bereits abgeschlossen.» Die aktuelle Lärmsanierungskarte zeigt im Norden des Kantons jedoch einige Strassen, deren Sanierung noch aussteht. Im Kanton geht es vor allem darum, Lärm direkt an der Quelle zu verringern. «Davon profitieren alle Lärmbelasteten», erklärt Korintha Bärtsch, Teamleiterin Lärm bei der Dienststelle für Umwelt und Energie. Lärmarme Strassenbeläge als wirksamste Massnahme geniessen erste Priorität. In der Stadt Luzern, in Horw, in Reiden, in Meggen sind bereits oder werden noch solche Beläge auf Gemeindestrassen eingesetzt. In diversen anderen Gemeinden sind sie ebenfalls vorgesehen. Auch Kantonsstrassen bekommen neue Beläge. Aktuell baut man dort den AC8 ein, einen Belag mit feinerem Korn. Stalder: «Damit erzielen wir gegenüber dem in der Vergangenheit eingebauten AC11 eine Lärmminderung in der Grössenordnung von 1 Dezibel.»

Je niedriger die Geschwindigkeit, mit der Autos und Lastwagen eine Strasse befahren, desto geringer die Lärmbelastung vor Ort. Darum sind auch Temporeduzierungen von 50 auf 30 km/h beim Lärmschutz von Bedeutung. Für Tempo 30 kommen nur Gemeindestrassen in Frage. Reduzierungen sind dort ein Thema, sofern sich dadurch auch die Verkehrssicherheit oder die Aufenthaltsqualität verbessert. Tempo 30 statt 50 wurde in der Stadt Luzern umgesetzt, in mehreren anderen Gemeinden prüft man es. Bärtsch: «Dadurch wird der Lärm vor Ort um 2 bis 3 dB gesenkt. Für Anwohner eine spürbare Erleichterung.»

Wände bringen nicht viel

Lärmschutzwände bekämpfen Lärm nicht an der Quelle, sie verhindern nur dessen Ausbreitung. «Bei Lärmschutzwänden profitieren nur diejenigen hinter der Wand», bringt es Korintha Bärtsch vom Kanton Luzern auf den Punkt. In Wohngebieten gibt es jedoch Einschränkungen, wie Werner Stalder erklärt. Die betroffenen Gebäude stehen meist direkt an der Kantonsstrasse, sodass Zufahrten und Hauszugänge teilweise direkt zu diesen Strassen führen. Darum sind durchgehende Lärmschutzwände oft nicht möglich. Zudem vermögen die Wände in der Regel nur die Erdgeschosse ausreichend zu schützen. Erst ab einer Lärmminderung von mindestens 7 dB erwägt man den Bau einer Wand. Wird das Ortsbild zu stark beeinträchtigt, sieht man davon ab. Bisher stehen rund 20 Wände entlang der Kantonsstrassen im Kanton Luzern oder sind in Planung. Die Kosten: rund 5,5 Millionen Franken.

Sind alle Massnahmen ausgeschöpft, helfen nur noch Schallschutzfenster. Der Kanton Luzern teilfinanziert diese entlang von Kantonsstrassen anteilsmässig ab 66 dB. Bei Erreichen des Alarmwertes von 70 dB übernimmt der Kanton die Kosten ganz. Bisher übernahm der Kanton die Finanzierung von 21 000 Schallschutzfenstern bei Gebäuden, die in einem Alarmwert-Gebiet liegen. Es waren nicht nur Fenster in Wohnungen, sondern auch in Büros, Hotels und vereinzelt in Schulen. Kosten: 30 Millionen Franken. Weitere rund 10 000 Fenster ersetzten Gebäudeeigentümer mit Kantonsbeiträgen.

Bei den Gemeindestrassen sieht die Regelung etwas anders aus, weil es hier kein Beitragsmodell für Werte ab 66 dB gibt. Eine Gemeinde muss Schallschutzfenster erst bei Erreichen des Alarmwertes von 70 dB finanzieren, dann komplett. Die Dienststelle für Umwelt und Energie empfiehlt den Gemeinden, das Modell des Kantons zu übernehmen, was die meisten auch tun.

Leisere Reifen

alm. Wie viel Lärm verursacht wird, hängt auch von den Reifen ab. Die Differenz zwischen lauten und leisen Reifen kann 4 bis 5 Dezibel betragen. Jeder Reifen muss in der Schweiz mit einer Etikette gekennzeichnet sein. Sie gibt unter anderem über die Lärmemissionen Auskunft. Weitere Informationen dazu auf www.reifenetikette.ch.


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