«Wer will schon eine Quotenfrau sein?»

KARRIERE ⋅ Professorin in Harvard, Verwaltungsrätin der Credit Suisse und Mitglied des Universitätsrates in Luzern. Iris Bohnet, aufgewachsen in Emmenbrücke, hat eine steile Karriere hingelegt.

22. Januar 2014, 14:08

Iris Bohnet, in Harvard haben die Obamas, George W. Bush oder Mark Zuckerberg studiert. Wie wird eine Schweizerin Academic Dean und damit Chefin von 120 Kollegen an der Harvard Kennedy School?

Iris Bohnet: Wissenschaft ist im idealen Falle ein internationaler Markt. Harvard schaut weltweit nach den besten Köpfen. Ich bin zufällig Schweizerin, ich könnte aber auch eine andere Nationalität haben. Was ungewöhnlich ist, ist, dass ich nicht an einer US-Eliteuniversität studiert habe.

Wie haben Sie es nach Harvard geschafft?

Bohnet: Wie immer braucht es Glück im Leben. Ich habe meine Karriere nicht von langer Hand geplant. In der Zeit, als ich in Berkeley ein Post-doc machte, war ich umringt von Doktoranden, die sich für Assistenzprofessuren beworben haben. Das hat mir die Augen geöffnet, dass dies auch für mich möglich ist. Und so habe ich mich in Harvard für eine Assistenzprofessur beworben – und sie erhalten.

Heute sind Sie ordentliche Wirtschaftsprofessorin. Glück allein hat kaum ausgereicht. Arbeiten Sie viel?

Bohnet: Ich arbeite viel, ja. Wie viele Stunden, das weiss ich nicht. Wer nach Harvard will, der muss sich über seine Arbeit beweisen.

Und wie viel unterrichten Sie noch?

Bohnet: Mit meiner Rolle komme ich etwas weniger dazu, ein Grossteil meiner Arbeit besteht aus Führung und Organisation. Ich unterrichte aber nach wie vor und mache es sehr gerne. Als Professorin kann man Einfluss nehmen auf das Denken der Studierenden und ihnen helfen, einmal bessere Entscheidungen zu treffen. Auch in wichtigen Positionen – als Präsidenten, Ministerpräsidentinnen oder Leiter von Organisationen wie der UNO.

Wie ist das, die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft zu unterrichten?

Bohnet: Da gewöhnt man sich daran. Natürlich ist es eine grosse Verantwortung. Aber genau das macht den Job so spannend! Für Leute, die morgen die Wirtschaftspolitik ihres Landes verändern oder mit ihrem Konzern eine neue Strategie einschlagen können, ist meine Vorlesung über Entscheidungsfindung höchst relevant. Sie könnten schon am nächsten Tag grosse Dinge verändern.

Wieso ist Harvard eine solch erfolgreiche Talentschmiede?

Bohnet: Es ist eine Kombination von Faktoren. Die Professorenschaft ist sehr gut, keine Frage. Harvard hat eine ausgezeichnete Reputation, die sich die Universität in 375 Jahren aufgebaut hat. Dadurch ziehen wir gut ausgebildete und motivierte Studierende an. Es ist ein intellektuell sehr stimulierendes Umfeld. Zudem will Harvard zu offenen Fragen oder Problemen Stellung beziehen. In der Welt einen Unterschied machen, das ist das Credo von Harvard.

Was sind denn die Unterschiede zu einer Schweizer Uni oder ETH?

Bohnet: Der entscheidende Unterschied ist die Grösse. Die Schweizer Universitäten sind für alle Maturanden offen. Es sind Institute mit einer grossen Studierendenzahl. Für viele Universitäten ist dies die Herausforderung: Sie haben nicht das Budget, um die entsprechende Anzahl Professorinnen und Professoren anzustellen, die ideal für die grossen Studierendenzahlen wären. Bei uns ist das anders. An der Kennedy School fasst der grösste Hörsaal gerade einmal 120 Plätze. Das Betreuungsverhältnis ist ein ganz anderes. Bei uns kommt ein Professor auf acht Studierende.

Seit letztem Jahr sind Sie im Universitätsrat der Uni Luzern. Wie beurteilen Sie unsere junge Universität?

Bohnet: Ich bin noch zu kurz dabei, um mir ein wirkliches Urteil bilden zu können. Aber ich bin beeindruckt, was in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt wurde. Ein Vorteil der Uni Luzern ist ihre Grösse. Ähnlich wie an der Kennedy School kennt man sich hier noch und pflegt einen engen Kontakt zu den Studierenden. Wie bei anderen Unis, und vielleicht sogar in noch extremerem Ausmass, sind Ressourcen äusserst knapp.

Wie bringen Sie Arbeit und Familie unter einen Hut?

Bohnet: Mein Mann arbeitet als Anwalt. Wir betreuen die zwei Kinder gemeinsam. Wir beide arbeiten zu 100 Prozent. Aber das ist hier üblich. Als Mutter, die voll arbeitet, ist man in den USA in bester Gesellschaft. Dass es üblich ist, zeigen die Ganztagesschulen und die Integration der Kinder in den Berufsalltag. In Harvard zum Beispiel enden die Fakultätssitzungen um 17.30, damit man die Kinder vor 18 Uhr von der Krippe abholen kann. Man muss sich keine Notlüge einfallen lassen, wenn das Kind krank ist. Dann ruft man den Chef oder die Chefin an und sagt: Mein Kind ist krank, ich arbeite heute nicht oder von zu Hause aus.

Ist es für Frauen einfacher, in den USA Karriere zu machen als in der Schweiz?

Bohnet: Ich habe vor allem in den USA Karriere gemacht. Deshalb kann ich das nicht so pauschal unterschreiben. Für mich persönlich trifft es aber wohl zu.

Was war entscheidend, dass Sie die Karriereleiter hinaufgeklettert sind?

Bohnet: Der richtige Partner ist einer der wichtigsten Faktoren für die Karriere, aber nicht nur für Frauen. Will ein Mann Karriere machen und Familie haben, ist seine Frau auch einer der wichtigsten Faktoren, dass es mit der Karriere klappt.

Ärgert es Sie, dass bei erfolgreichen Frauen das Geschlecht thematisiert wird?

Bohnet: Wenn Sie mir diese Frage als Forscherin stellen, stört mich das nicht. Ich forsche ja auf diesem Gebiet. Zudem möchte ich ein Vorbild sein für junge Leute. Mit meiner Karriere oder auch mit derjenigen meines Mannes können wir zeigen, was man als Mutter oder Vater erreichen kann. Die Frage nervt aber, wenn eine Frau auf ihr Geschlecht reduziert wird. Wenn man als Expertin zu einem Podium über Klimawandel eingeladen wird, dann hat die Frauenfrage da nichts zu suchen.

Als Ökonomin beschäftigen Sie sich mit Geschlechterfragen. Kürzlich sagten Sie, die Diskriminierung von Frauen ist ein Fehler im Gehirn. Wie meinen Sie das?

Bohnet: Menschen machen Fehler. Das hat nichts mit Intelligenz zu tun, sondern damit, wie das Gehirn funktioniert. Wir sind von Stereotypen geprägt. Das Geschlecht ist ein Merkmal, entlang dem man schnell etwas zuordnen kann: Weniger Männer sind Krankenpfleger oder Kindergärtner, weniger Frauen sind CEO oder sitzen im Verwaltungsrat usw. Dies beeinflusst unsere Vorstellungen davon, welches Geschlecht für einen Beruf besonders geeignet ist. Viele Leute, die gar nicht sexistisch sein möchten, sind es spontan dann halt doch.

Und wie kann man dies ändern?

Bohnet: Man muss Verfahren einrichten, die es erleichtern, richtige Entscheidungen zu treffen und nicht von irrelevanten Faktoren beeinflusst zu werden. Bei Einstellungen etwa kann man neue Auswahlverfahren einführen. Seit einigen Jahren lassen viele der besten Orchester Musikerinnen und Musiker hinter einem Vorhang vorspielen, um sicherzustellen, dass wirklich die besten ausgewählt werden und Musikerinnen nicht diskriminiert werden. Umgehend wurden signifikant mehr Frauen engagiert. Firmen rate ich, Personalentscheide zusammenzufassen, statt jede neue Stelle einzeln zu besetzen.

Wie meinen Sie das?

Bohnet: Es geht darum, dass man bei einer Einstellung Portfolio-Entscheide machen soll. Wenn wir in Harvard über fünf neue Professuren gleichzeitig entscheiden, wird es offensichtlich, dass es nicht optimal sein kann, fünf mal Leute einzustellen, die gleich aussehen, gleich denken, den gleichen Hintergrund haben. Forschung zeigt, dass diverse Teams besser abschneiden als homogene.

Zudem sollen bei Vorstellungsgesprächen die Kandidaten und Kandidatinnen gleichzeitig antreten. Wieso?

Bohnet: Wenn wir Dinge miteinander vergleichen, entscheidet der Mensch rationaler. Wenn man Leute direkt miteinander vergleicht, dann nimmt man eher objektive Kriterien wahr. Also die Qualität einer Bewerberin oder eines Bewerbers. Wenn man nur einen Kandidaten oder eine Kandidatin vor sich hat, spielen Rollenverständnisse eine wichtigere Rolle.

Lehnen Sie eine Frauenquote ab?

Bohnet: Ich lehne die Quote nicht ab, ich propagiere sie aber auch nicht. Eine Frauenquote bringt schnell eine Änderung. Die traditionellen Rollenbilder werden schnell verändert. Das zeigen Studien aus Indien, wo Frauen wegen ihres Geschlechts stark diskriminiert werden. Seit 1993 in Indien gesetzlich verankert wurde, dass ein Drittel aller Bürgermeister weiblich sein müssen, ist es für viele Eltern ein Ziel, dass ihre Töchter in die Politik gehen. Nach 20 Jahren stellt man sich einen «guten» Bürgermeister nicht mehr automatisch männlich vor. Quoten sind ein effektiver Mechanismus, um Rollenverständnisse zu ändern.

Was sind denn die Nachteile?

Bohnet: Wer will schon eine Quotenfrau sein? Meine eigene Forschung konzentriert sich auf andere Wege, wie man über Stereotypen hinwegkommen kann.

Bringen Sie diese Punkte auch bei der Credit Suisse ein?

Bohnet: Natürlich versuche ich, meine verhaltensökonomische Perspektive einzubringen – jedoch nicht nur in Gender- fragen. Als Verwaltungsrätin ist es meine Aufgabe zu schauen, dass wir Fehler in allen Geschäftsfeldern vermeiden.

Was bedeutet die Schweiz für Sie?

Bohnet: Die Schweiz, das ist für mich Familie und Heimat. Meine Eltern Ruth und Paul Bohnet wohnen nach wie vor in Emmenbrücke, meine Schwester Brigitte wohnt im Aargau. Auch wenn ich das Leben in den USA sehr geniesse, wir bleiben Schweizer, die in den USA leben.

Wie nehmen Sie Ihre Heimat wahr?

Bohnet: Wenn man lange im Ausland wohnt, verliert man den objektiven Blick für die Heimat. Ich komme zirka sechs Mal pro Jahr hierher. Ein bisschen wie eine Touristin. Man sieht oft nur das Schöne. Die Landschaft, das gute Brot, das Schweizerdeutsch – und ja, auch meine schöne Heimatstadt Luzern.

 Von Emmenbrücke nach Cambridge

Iris Bohnet ist in Emmenbrücke aufgewachsen. Sie hat 1992 an der Universität Zürich einen Master-Abschluss in Wirtschaftsgeschichte, Wirtschaftswissenschaften und Politikwissenschaft gemacht und einen Doktorabschluss in Wirtschaftswissenschaften 1997 erworben. Bohnet ist seit 2006 Professorin of Public Policy an der Harvard Kennedy School und seit 2011 Academic Dean der Harvard Kennedy School. Die zweifache Mutter sitzt zudem im Universitätsrat der Universität Luzern und ist Mitglied des Beirats der Wirtschaftsuniversität Wien. 


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