Blumen aus Afrika: Wo der Aufpreis Wirkung zeigt

FAIRTRADE ⋅ Blumenzucht ermöglicht vielen Kleinbauern in Afrika ein Einkommen. Das Gütesiegel der Max-Havelaar-Stiftung soll die Arbeit so ökologisch und sozialverträglich wie möglich machen. Eine Reportage.

26. November 2016, 11:22

Der Wind pfeift durch die Kaffeeplantagen und lässt die Teebüsche an den Berghängen zittern. Hier entstand sein Traum. Es war ein Traum nicht nur für seine Heimat Kenia, für dessen Freiheit er kämpfte. Der Traum von Magana Mungai ging weiter. Politische Freiheit war für den Arzt und Kenias ersten Gesundheitsminister erst erreicht, wenn alle Kenianer etwas zu essen hätten und ihre Kinder die Schule besuchten. Mungai war Grossunternehmer. Trotzdem stand für den 2014 verstorbenen Staatshelden eine Investition ausser Frage: eine Fairtrade-Zertifizierung für seine Rosenfarm.

«Meine Farm macht keinen Direktgewinn durch Fairtrade. Tatsächlich habe ich eine Menge Geld investiert», sagt Igal Elfezouaty. Der Texaner mit kenianischen Wurzeln ist ein «Suitcase-Farmer»: Mehrmals im Jahr pendelt er zwischen seinen Immobilienprojekten und seiner Blumenfarm Panda Flowers am kenianischen Naivashasee. Hinter ihm reihen sich Gewächshäuser, in denen Arbeiter bald die Rosen für den Valentinstag vorbereiten. Zwei Monate brauchen die Blumen, um zu voller Grösse heranzuwachsen, danach geht es per Flieger nach Europa. Gelb, rot, weiss mit rosa Blütenrändern – die Abgaben, die Elfezouaty dem Züchter für jede Rose zahlt, machen den kleinsten Kostenanteil aus. Das meiste Geld kostete den Un­ternehmer der aufwendige Prozess zum Fairtrade-Zertifikat. Schutzkleidung, höhere Löhne und garantierte Arbeitszeiten: Wer den hohen Fairtrade-Standards entsprechen will, muss investieren. Erst an zweiter Stelle, so Elfezouaty, komme der wirtschaftliche Nutzen in Form von Kundenbindung und «langjährigen, motivierten Arbeitskräften».

Immer mehr Menschen sind von der Landwirtschaft abhängig

Jacob Odhiambo, der Sohn einer Fischerfamilie, ist 25 und arbeitet seit einem Monat als Pflücker bei «Panda Flowers». Wie er leben 40 Prozent der Kenianer von der Landwirtschaft, in ländlichen Regionen sind es bis zu 70 Prozent. Dem Sektor verdankt der ostafrikanische Staat mehr als ein Viertel seines Bruttoinlandprodukts. «Rechne das rasante Bevölkerungswachstum dazu, und du erhältst eine Situation, in der immer mehr Menschen von der Landwirtschaft abhängig werden», sagt Robert Allport, Programmkoordinator der UN-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO) in Kenia. Das berge Chancen, aber auch Herausforderungen.

Naivasha im Juni 2015: Die rote Erde bebt, als 1000 Arbeiter auf der Farm Twiga Roses, einer von Hunderten nicht Fairtrade-zertifizierter Rosenfarmen in der Region, Schere und Harke niederlegen. Sie protestieren gegen Ausbeutung. Zudem beschweren sie sich über miserable Wohnverhältnisse und den Ausbruch von Krankheiten. Es kommt zu Schlägereien mit den Sicherheitskräften. Über Nacht entlässt das Management Hunderte Demonstranten. «Wir erwachten wie an jedem anderen Tag – nur um Polizisten anzutreffen, die uns aus unseren Häusern warfen», sagt der Arbeiter Bernard Shikhanda gegenüber der Zeitung «The Star». Die Max-Havelaar-Stiftung, die das Fairtrade-Gütesiegel für den Schweizer Markt vergibt, setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen ein. Die Farmarbeiter sollen gestärkt und Entwicklungsmöglichkeiten geschaffen werden. Das geschieht etwa über die Fairtrade-Prämie: Zusätzlich zu ihrem Gehalt erhalten die Arbeiter auf zertifizierten Farmen mehrere Rappen für jeden Bund Blumen. Wofür das Geld am dringendsten benötigt wird, entscheiden die demokratisch organisierten Prämienkomitees.

Zwei Stunden nördlich der Hauptstadt Nairobi liegt im Schatten von Bananenstauden die Gatunyu-Grundschule. 950 Schüler lernen hier. Normalerweise. Jetzt sind Ferien. Nur in einem Klassenraum trainieren die Kinder an der Nähnadel ihre motorischen Fähigkeiten, denn die Schule ist eine der wenigen im Umkreis, die auch für geistig und körperlich behinderte Schüler sorgt. Die Klassenräume sowie eine Rampe für einen Lehrer im Rollstuhl wurden durch Fairtrade-Prämien finanziert. Bei einem nahe gelegenen Spital sicherten die Prämien den Umbau der Geburtsstation. Infolgedessen sank die Sterblichkeitsrate unter Neugeborenen um die Hälfte. «Die Mütter kommen von weit her, um bei uns zu gebären», sagt die diensthabende Hebamme. Wo früher jeden Monat 300 Kinder zur Welt kamen, sind es heute doppelt so viele. Die Arbeiter stellen einen Entwicklungsplan auf und übernehmen die Verantwortung für Langzeitprojekte, die sie mit dem kleinen Aufpreis realisieren. «Das ist der Sinn von Fair­trade», sagt der Kenianer James Mwai, zuständig für Strategie und Forschung bei Fairtrade Afrika. Zusätzlich profitierten die Arbeiter an Kenias Fairtrade-Farmen von strengen Arbeitsstandards. Dazu gehörten Schutzkleidung, Arbeitsverträge und ein Mutterschaftsurlaub von zwölf Wochen.

Biogas aus Rosenblättern

Wilson Wambugu arbeitet seit drei Jahren auf der Farm Simbi Roses bei Nairobi. «Ich stamme aus Nyeri, einer der grössten Anbauregionen des Landes. Für mich stand früh fest, dass ich mein Leben durch die Landwirtschaft bestreiten werde.» Erst pflückte er Rosen. Heute verarbeitet er deren Blätter zu Biogas, mit dessen Hilfe die Farm umweltfreundlich Strom erzeugt. Doch der 28-Jährige träumt gross. Von einer Autowerkstatt. Oder einer Technikfirma. Vor kurzem begann er ein dreijähriges Ingenieurstudium – die Hälfte der Gebühren wird aus Fairtrade-Prämien bezahlt.

Allerdings hat selbst die fair gehandelte Rose Dornen. Zuweilen steht Fairtrade in der Kritik, Farmarbeiter zwar vor extremer Armut zu schützen, jedoch ohne ihnen einen sozioökonomischen Aufstieg zu gewähren. Am härtesten geht der frühere Fairtrade-Mitarbeiter Ndongo Samba Sylla in seinem Buch «The Fairtrade Scandal» mit dem System ins Gericht. Fairtrade neige dazu, «die Ärmsten auszuschliessen», so der Senegalese. Hartnäckig hält sich auch das Bild der Klimakiller-Rose. Dies, obwohl der CO2-Ausstoss einer kenianischen Rose Untersuchungen nach kleiner ist als der einer im schweizerischen Winter produzierten Blume.

Bei Max Havelaar nimmt man die Vorwürfe ernst, stellt aber klar, dass Fairtrade allein nicht alle Probleme lösen könne. Aufgabe von Fairtrade sei es nicht, ein neues Handelssystem zu schaffen, sondern dazu beizutragen, den Welthandel fairer zu gestalten. Für die Geschäftsleiterin der Organisation, Nadja Lang, steht fest: «Eine Anstellung auf einer Fairtrade-zertifizierten Farm bietet einen sicheren, stabilen Arbeitsplatz und soziale Absicherung.» So ermögliche Fairtrade auch sozioökonomischen Aufstieg. Bestes Beispiel sind die Arbeiter von Panda Flowers. Einige lernten von fest angestellten Trainern die Hühnerzucht, andere können dank Nähkursen ihre eigenen Stoffe verkaufen. Die Arbeit in der Biogasanlage macht Wilson Wambugu Spass. Einen Schritt näher an seinen Traum bringt ihn aber das Fairtrade-Stipendium für sein Studium.

Hinweis

Die Reportage wurde durch die Max-Havelaar-Stiftung Schweiz ermöglicht. Sie lud Medienschaffende zur Besichtigung der Blumenfarmen nach Kenia ein.

Markus Schönherr/Naivasha, Kenia


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