Ära Schild geht nach 95 Jahren zu Ende

REORGANISATION ⋅ Die Migros baut unter dem Branchendruck ihr Modegeschäft radikal um. Die Marken Schild und Herren Globus verschwinden ganz. Am Hauptsitz in Spreitenbach fallen 80 Stellen weg. Auch die Schliessung von Filialen wird geprüft.
12. Mai 2017, 22:06

Thorsten Fischer

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Die unzähligen Bestellmöglichkeiten im Internet konkurren­zieren die Warenhäuser vor Ort massiv. Und für den stationären Modehandel gilt das besonders. Die Neuausrichtung von Globus, welche die Migros-Tochter am Freitag vorgestellt hat, ist deshalb nicht zuletzt eine Neuausrichtung im hartumkämpften Bekleidungsmarkt. Und sie führt dazu, dass ein weiterer traditionsreicher Schweizer Name im Bekleidungshandel verschwindet: Die 1922 gegründete Luzerner Schild AG, seit knapp vier Jahren bei Globus, hört als Marke auf zu existieren. Ab Frühjahr 2018 wird Schild, ­zusammen mit den Formaten Herren Globus und Globus, unter der Premium-Dachmarke Globus vereint.

Entschieden hat dies die Verwaltung des Migros-Genossenschafts-Bundes (MGB) an einer Sitzung zur strategischen Neuausrichtung des Segments. Damit soll die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Magazine zum Globus AG, also auch der Warenhäuser Globus, gestärkt werden.Denn die Idee Warenhaus sei keineswegs tot, bekräftigten die Verantwortlichen von Globus und Migros am Freitag vor den Medien. Selbstverständlich falle es ihm nicht leicht, «die Traditionsmarke Schild in Globus überzuführen», hielt Globus-Chef Thomas Herbert fest. Die Entwicklung der letzten Jahre und Markt­analysen hätten jedoch gezeigt, dass die One-Brand-Strategie das Richtige für die Magazine zum Globus sei.

Ein besonders umkämpftes Segment

Die Umsätze sind über die ganze Globus-Gruppe gesehen rückläufig (siehe Grafik). Schild kämpft indessen mit einem spezifischen Problem: In ihrem Stammmarkt, dem mittleren Preissegment, tobt der Konkurrenzkampf ­besonders heftig. Hauptgründe seien der starke Franken und der Einkaufstourismus, aber auch internationale stationäre Konkurrenten sowie neue Online-Anbieter, heisst es in der Analyse von Migros und Globus. Interessanterweise ist es gleichzeitig Globus und Herren Globus gelungen, Marktanteile im schrumpfenden Markt zu gewinnen – weil es sich um ein starkes Portfolio an Premiummarken handle, argumentieren die Verantwortlichen. Globus verfüge somit über gewisse Alleinstellungsmerkmale. Die Ausrichtung geht daher weiter hin zur Warenhaus-Erlebniswelt mit Premiumanspruch. Offline- und Online-Angebote sollen fliessend ineinander übergehen.

Was das konkret heisst, zeigte neben Thomas Herbert auch Beat Zahnd, Präsident des Verwaltungsrates der Magazine zum Globus AG und Leiter des Departementes Handel im Migros- Genossenschafts-Bund (MGB). Die Kunden sollen sowohl in den Geschäften als auch online «ein konsequent vernetztes Sortiment vorfinden». Das Globus-Gesamtsortiment werde somit bis auf wenige Ausnahmen auch über elektronische Kanäle erhältlich sein, wurde versprochen. Beratung soll ebenfalls kanalübergreifend stattfinden, aber individuell bleiben – so wie es von einem Premium­anbieter erwartet wird.

Testläufe für Luzerner Schild-Filialen

Mit Blick auf die im mittleren Segment angesiedelte Schild stellt sich indessen die Frage, wie gut die Transformation in den Premiumsektor gelingt. Oder ganz konkret: Wie sicher ist Thomas Herbert, die bestehenden Schild-Kunden auch unter der Dachmarke Globus halten zu können? «Die Treue der Schild-Kunden zu erhalten, ist ein zen­trales Anliegen von uns», sagt er. Und er fügt an: «Ergebnisse aus einem Testlauf in Luzern stimmen uns zuversichtlich. Die Filiale am Falkenplatz führte während einiger Wochen Marken aus dem Premiumsegment von Globus, die auf regen Zuspruch bei den Kunden stiessen. Der zweite Luzerner Schild-Standort an der Kramgasse führte das reguläre Sortiment und registrierte keinen derart deutlichen Mehrumsatz.» Gleichzeitig wird geprüft, welche zu Schild gehörenden Marken künftig auch im Globus-Universum aufscheinen können. Navyboot beispielsweise dürfte ersten Einschätzungen zufolge dafür in Frage kommen.

Gibt es organisatorisch statt drei Marken nur noch die Marke Globus, hat das auch eine Kehrseite, wie die Firmenspitze einräumte. In der Zentrale im aargauischen Spreitenbach gehen in den nächsten anderthalb Jahren etwa 80 der 400 Arbeitsplätze verloren. Der Stellenabbau werde wenn immer möglich über natürliche Fluktuation, frühzeitige Pensionierungen und Angebote innerhalb der Migros-Gruppe sozialverträglich aufgefangen. Sollten Entlassungen dennoch unvermeidlich sein, würden die Betroffenen im Rahmen des Gesamtarbeitsvertrags mit einem Sozialplan unterstützt. Gespräche mit den Sozialpartnern laufen demnach bereits. Die Unia mahnte in einem Communiqué, dass die Mitarbeitenden «die Garantie einer vergleichbaren Stelle innerhalb der Migros-Gruppe» erhielten.

«Alle Standorte werden sorgfältig geprüft» 

Nachgefragt bei Thomas Herbert, Chef der Globus-Gruppe


Thomas Herbert, kann man sagen, dass dort, wo es gleichzeitig Standorte von Globus und Schild gibt, die Schild-Filiale geschlossen wird? 
Es trifft keinesfalls zu, dass nun die Schild-Standorte automatisch aufgegeben werden. Zwar wird es künftig die Marke Schild nicht mehr geben. Doch mit unserer Vorwärtsstrategie wollen wir bewusst das bestehende Geschäft unter der neuen Premium-Dachmarke Globus weiterentwickeln. Entscheidend wird sein, welches Potenzial der jeweilige Standort für uns aufweist. Das werden wir in jedem Fall sorgfältig prüfen. 

Was heisst das im Einzelnen?
Es wird bestehende Standorte geben, die nach dem neuen Konzept umgewandelt werden können, andere werden möglicherweise aufgegeben. Zugleich haben wir aber vor, auch neue Standorte zu eröffnen. Das heisst, es geht insgesamt um eine Optimierung unseres Standortportfolios. Es handelt sich auf gar keinen Fall um einen generellen Rückzug.

Die Umsätze der Warenhäuser schrumpfen allgemein. Lässt sich das Blatt wieder wenden?
Klar scheint einzig, dass sich der Umsatzschwund fortsetzen wird, wenn man nichts verändert. Wir packen deshalb unsere neue Strategie an. Dabei wollen wir nicht nur die Umsatzrückgänge aufhalten, sondern in naher Zukunft auch wieder wachsen.

Welche Erwartungen haben Sie ans Geschäft über die digitalen Kanäle?
Wir gehen davon aus, dass wir innert der nächsten fünf Jahre 10 Prozent des Umsatzes online erzielen. In zehn Jahren könnten es gar 20 Prozent sein. Allerdings wird der Zeitpunkt kommen, wo man nicht mehr zwischen Online- und Offlineverkäufen unterscheiden kann. Mit der geplanten Verschmelzung von digitalem und physischem Angebot an unseren Standorten ist das durchaus beabsichtigt. Jemand begutachtet beispielsweise ein Produkt in unserem Laden und bestellt dann eine Variante davon direkt auf unserer App. Wir sprechen daher langfristig lieber von Inline-Verkäufen. Und diese wollen wir kräftig ausbauen. (T. F.)

Schild, ein Luzerner Traditionsunternehmen

Geschichte Unternehmer Adrian Schild wandelt das in der Kleiderherstellung tätige Unternehmen in einen Herrenausstatter mit Filialen in der ganzen Schweiz um. Anfang der 1940er-Jahre wird die Kleiderfabrik am Rotsee erbaut.

Die Produktion von Herren- und Damenmode startete erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Aufgrund einer neuartigen Bautechnik mit pilzförmigen Säulen wurde das Gebäude bis 1945 von der Schweizer Armee in Beschlag genommen. Nach dem Krieg arbeiteten bei Schild phasenweise rund 300 Näherinnen, auf dem Höhepunkt in den 1970er-Jahren betrug der Personalbestand in Luzern 400 Personen.

Bis 1972 war die Firma noch unter dem Namen Tuch AG tätig – am 50-Jahr-Jubiläum wurde der Name auf Schild AG gewechselt. Das Bekleidungsunternehmen war viele Jahre auch in der Uniformenproduktion tätig. 2004 übernahm Schild das in eine Krise geratene Modehaus Spengler. 1996 gab die Gründerfamilie die Führung ab, 2003 stieg sie ganz aus, das Management übernahm. 2014 folgte die Übernahme durch die Migros. Der Hauptsitz wurde 2015 nach Spreitenbach verlegt. (hoe/jvf/fg)


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