Alarmsignal wegen Kostenexplosion im Gesundheitswesen

KRANKENVERSICHERUNGEN ⋅ CSS-CEO Philomena Colatrella hat mit ihrem brisanten Vorschlag, die Mindestfranchise auf 10 000 Franken zu erhöhen, die gesamte Branche aus dem Busch geklopft.
17. April 2018, 08:11

Das war ein Stich ins Wespennest – und ein gezielter dazu: Philomena Colatrella, CEO des Krankenversicherers CSS, machte am Wochenende via Boulevard publik, sie schlage eine Mindestfranchise auf 5000 oder gar 10 000 Franken vor. Dies, um erstens die Eigenverantwortung der Versicherten im Umgang mit der Gesundheit zur stärken, und zweitens dem ungebremsten Prämienwachstum Einhalt zu gebieten. Behaupteter Einsparungseffekt: 170 Franken pro Person und Monat.

Das tönt gut, ist bei wahrem Licht besehen aber ein Stich ins Mark der Krankenversicherung. Denn das System gewährt per definitionem rechtsgleichen Zugang zum Leistungskatalog der Grundversicherung. Auch für jene, welche die Prämie nicht allein stemmen können und auf öffentlich, das heisst von Bund und Kantonen ­finanzierte Verbilligung ange­wiesen sind. Und so funktionierte es auch für jene, die mit der 10 000er-Franchise nicht zu Gange kämen. Wer Gesundheitskosten bis zu dieser Grenze nicht selber zu bezahlen vermöchte, könnte aus dem Topf der Prämienverbilligung alimentiert werden, sagte Colatrella dem «Blick».

Vorschläge, die von links bis rechts in der Luft zerrissen werden. Selbst SVP-Nationalrat und Santésuisse-Präsident Heinz Brand ortet sozialen Sprengstoff: «Damit würde wohl ein Volksaufstand provoziert», mutmasst er. Denn Personen mit kleinem Einkommen ebenso wie chronisch Kranke würden massiv benachteiligt. Zur Illustration: Knapp die Hälfte der Versicherten wählte 2015 die Minimalfranchise von 300 Franken, nur ein Fünftel die Maximalfranchise von 2500 Franken. Das heisst: Mit dem Selberzahlen von Arztleistungen und Medikamenten für Prämienrabatte ist es hierzulande nicht so weit her.

Dennoch lässt Brand eine Türe offen – denn es ist unbestritten, dass höhere Franchisen im Grundsatz eine kostendämpfende Wirkung haben. Allerdings sind für den Santésuisse-Präsidenten Hunderterschritte bei der Mindestfranchise und eine Obergrenze von 5000 Franken bei der Maximalfranchise das höchste der Gefühle. Darüber hinaus müsste über einen Systemwechsel nachgedacht werden, sagt Brand: Grossrisikoversicherungen für schwerwiegende und teure Krebs- und Herz-Kreislauf-­Erkrankungen auf der einen, Eigenverantwortung und selber zahlen bei gewöhnlichen Arztbesuchen und herkömmlichen Medikamentenkonsum auf der anderen Seite. Doch das ist Zukunftsmusik.

Kosten dort einsparen, wo sie entstehen

Wenn es um das geht, was jetzt nottut, setzt die Krankenversicherung Concordia beispielsweise auf andere Prioritäten. «Die Kosten müssen dort eingespart werden, wo sie entstehen», sagt Sprecherin Astrid Brändlin. Die «drastische Erhöhung» der Mindestfranchise bringe dabei nichts. «Es kann nicht sein, dass einseitig bei den Prämienzahlern und insbesondere bei den sozial Schwächeren und chronisch Kranken angesetzt wird», betont Brändlin. Leistungserbringer, Krankenversicherer, Versicherte und Politiker müssten vielmehr gemeinsam dafür sorgen, dass die Kosten gesenkt würden. (bbr)


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