Blendende Schönheiten an der Börse

AKTIENBOOM ⋅ Nach sechsjähriger Rekordfahrt lassen sich Spreu und Weizen am Aktienmarkt kaum mehr auseinanderhalten. Wir wagen trotzdem einen Versuch.
08. Oktober 2017, 08:48

Daniel Zulauf

Reihum fallen Rekorde, und das schon fast im Wochentakt: Der Swiss-Performance-Index oszilliert seit wenigen Tagen erstmals über der Marke von 10500. Der Dax schaffte am Mittwoch den Satz über 13000. Und in New York könnte der Dow Jones demnächst über 23000 kommen, nachdem er im Anschluss an seinen jüngsten Rekordsprung in der zurückliegenden Woche nur haarscharf unter jener Marke gewendet hatte. Der Aktienboom scheint keine Grenzen zu kennen und seit den dunklen Tagen im Herbst 2008, als der Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers den Kollaps des Weltfinanzsystems hervorzurufen drohte, geht es mit den Kursen nur noch aufwärts. Trotzdem beklagen die Banken immer noch das passive Verhalten ihrer Kunden. Statt das Geld an der Börse anzulegen und das Vermögen wachsen zu sehen, lassen es viele Privatanleger offenbar weiter auf dem Konto liegen, wo es keinen Zins abwirft.

Die passiven Kunden berauben die Banken um lukrative Geschäftsmöglichkeiten. Vor allem aber bleiben die Kunden selber Zaungäste eines Wettbewerbs, in dem es mindestens theoretisch möglich gewesen wäre, den Wetteinsatz mit einer perfekt getimten Aktieninvestition zu verdreifachen. Kann man jetzt noch Aktien kaufen, wo sie schon so lange gestiegen sind und im historischen Bewertungsvergleich auf Höchstständen notieren? Die Frage stellen sich viele, doch klare Antworten gibt es keine – wie immer an der Börse.

Qualität ist teuer geworden

Statt nur die Hände in den Schoss zu legen und dem fahrenden Zug weiter sehnsüchtig hinterherzublicken, haben wir dennoch den Versuch unternommen, unter den vielen blendenden Schönheiten am Schweizer Aktienmarkt ein paar Titel ausfindig zu machen, die neben ihrem strahlenden Äusseren auch ein vertretbares Preis-Leistungs-Verhältnis versprechen. Es sei vorweggenommen: Qualität ist sehr teuer geworden. Schnäppchen lassen sich in diesem Markt keine mehr finden. Selbst die sogenannten Nebenwerte, die vom internationalen Publikum gerne gemieden werden, sind längst kein Geheimtipp mehr.

Es gibt viele Methoden, wie sich die sportlichsten, die beständigsten oder auch die sichersten Titel aus dem mehr als 200 Titel umfassenden Börsentableau herausdestillieren lassen. Wir haben uns für ein Vorgehen entschieden, das dem aktuellen Formstand der Aktien und ihrer Beständigkeit gleich viel Gewicht einräumt. Alle ausgewählten Titel figurieren sowohl in der kurzen Sicht (seit Anfang Jahr) wie auch in der längeren Sicht (seit fünf Jahren) unter den 50 besten Valoren am Schweizer Aktienmarkt. Von den 20 Papieren, die diese beiden Selektionskriterien erfüllen, wählten wir jene 10 Titel aus, die das niedrigste Verhältnis zwischen Aktienkurs und Eigenkapital pro Aktie (Kurs-Buch-Verhältnis) aufweisen. Herausgekommen sind die zehn am wenigsten teuren Aktien, die an der Börse mit grossen Tempo- und Dauerlaufqualitäten auffallen. Qualität ist den selektionierten Firmen kaum abzusprechen. Doch diese hat einen hohen Preis. So werden solide Investments zum Risiko.

Fall 1: Der Zofinger Pharmazulieferer Siegfried hat im Zuge einer Expansionsstrategie den Umsatz innerhalb von nur drei Jahren mehr als verdoppelt. Das Vorhaben der Aargauer ist vielversprechend. Doch mit dem starken Kursanstieg seit zwei Jahren nimmt die Börse den Erfolg längst vorweg. «Die Lorbeeren sind verteilt, bevor die Leistung bestätigt ist», fast Anton Zahner, Spezialist für Schweizer Aktien bei der Zürcher Investmentfirma AMG Analysen & Anlagen, seine Bedenken zusammen.

Fall 2: Beim Industrie- und Handelskonglomerat Conzzeta liegt viel Geld für Übernahmen bereit. Nicht nur rechnet die Börse fest damit, dass Käufe tatsächlich erfolgen werden. Der hohe Aktienkurs lässt erkennen, dass die Investoren auch hier hohe Wetten auf eine Arbeit abschliessen, die teilweise noch nicht einmal begonnen hat. Obwohl sich Conzzeta über viele Jahre hinweg den Ruf einer sehr soliden Firma erarbeitet hat, steckt für den Experten Zahner nun viel Luft und Hoffnung im Aktienkurs.

Fall 3: Die Zürcher Bellevue Group, die sich von ihrem ehemaligen Kerngeschäft, dem Brokerage mit Aktien, getrennt hat, fährt heuer nach zwei Verlustjahren wieder deutlich in die Gewinnzone ein. Das Management sagt, man habe sich in den vergangenen drei Jahren «konsequent auf die neue Realität in der Finanzindustrie eingestellt». Für unseren Aktienspezialisten ist deren Suche nach einem neuen, tragfähigen Geschäftsmodell aber noch zu wenig weit fortgeschritten, als dass er sich eine Investition ernsthaft überlegen würde.

Fall 4: Lonza ist ein Top-Unternehmen, das sich in den vergangenen fünf Jahren mit grossem Erfolg neu aufgestellt hat. An der Börse ist die Firma ein Drittel höher bewertet als die altbewährte Roche. Die Roche-Titel vermochten dem Gesamtmarkt in den vergangenen zwei Jahren zwar nicht zu folgen, aber im Zehnjahresvergleich liegen sie weit über dem Durchschnitt. Ist Roche zu billig oder Lonza zu teuer? Mindestens im historischen Vergleich sind die Papiere von Also nachweislich teurer (Fall 5). Der IT-Dienstleister hat sich mit akquisitorischer Hilfe zum drittgrössten IT-Distributor in Europa emporgeschwungen, was der Börse nicht entgangen ist. Eine hohe Aktienbewertung birgt bei Handelsfirmen naturgemäss besondere Risiken. Logistiker wie Also handeln typischerweise mit sehr hohen Umsätzen und minimalen Margen. Jede Panne kann schnell auf den Gewinn durchschlagen. Deshalb sind Aktien wie jene von Also traditionell tiefer bewertet als Titel von Firmen mit höheren Margen. Der Bewertungsunterschied sei in der jüngeren Zeit stark abgeschmolzen, gibt Zahner zu bedenken. Bossard, Bobst, AMS, Comet, Georg Fischer, der Investmentprofi hat zu jedem Papier seine Vorbehalte: «Die aktuellen Bewertungen im Markt setzen voraus, dass bei den Unternehmen weiterhin alles rund läuft. Es gibt wenig Spielraum für Fehlentwicklungen.»

Bessere Performance bei kleineren Firmen

Dass viele Aktien von kleineren Unternehmen inzwischen teurer sind als sogenannte Large-Cap-Titel wie Roche oder Novartis, ist für Nebenwerte-Kenner wie Zahner keine Überraschung. Schliesslich ist empirisch nachgewiesen, dass Aktien von kleineren Firmen langfristig eine bessere Performance erzielen als die Titel von Grossunternehmen. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass kleine Gesellschaften über mehr Entfaltungspotenzial verfügen als Grosskonzerne, die sich ihre weitgehend gesättigten Märkte weltweit mit ein paar wenigen Konkurrenten teilen müssen. Und am besten laufen Nebenwerte typischerweise, wenn sich das konjunkturelle Klima aufhellt und die Marktrisiken kleiner werden. Genau das ist die Situation, wie wir sie in den Industrieländern seit mehreren Jahren beobachten. Man sollte sich die Schnäppchen also unter den Blue-Chips suchen. Aber wer will schon daran glauben, dort fündig zu werden. Auf Nestlé & Co. schaut schon die ganze Welt.


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