Börse versucht Befreiungsschlag

FINANZPLATZ ⋅ Mit einem neuen Chef und einer neuen Strategie will die SIX die Stagnation überwinden und wieder mehr für ihre Eigentümerbanken leisten.
11. November 2017, 09:03

Daniel Zulauf

Das Nervensystem des Schweizer Finanzplatzes erhält eine Frischzellentherapie. Exakt zehn Jahre nachdem sich die damals 160 Eigentümerbanken auf die Gründung einer einzigen gemeinschaftlichen Infrastrukturgesellschaft für die Schweiz einigen konnten, soll die in den vergangenen Jahren zunehmend immobil gewordene SIX Group wieder in Bewegung gebracht werden. Das Unternehmen mit seinen über 4000 Mitarbeitenden sucht extern nach Partnern, sowohl im grossvolumigen Zahlkartengeschäft wie auch in der Entwicklung von Innovationen. Ziel ist eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes, wie sie der unter einem anhaltend ­hohen Kosten- und Ertragsdruck stehende Bankensektor seit Jahren dringend benötigt.

Die Neuausrichtung der SIX geht einher mit einem Wechsel an der Führungsspitze. Konzernchef Urs Rüegsegger, der bereits im Frühjahr seinen Rücktritt angekündigt hatte, wird auf Anfang Januar 2018 durch den Niederländer Jos Dijsselhof (52) ersetzt (siehe Kasten).

Die Unzufriedenheit des UBS-Chefs Ermotti

Rüegsegger stand für eine Strategie der Risikodiversifikation, wie sie der St. Galler mit seinem damaligen Verwaltungsratspräsidenten Peter Gomez entwickelt hatte. Die Strategie entstand vor dem Hintergrund einer drohenden Ertragserosion im Zusammenhang mit der Aufhebung der Monopole für nationale Börsenbetreiber in Europa.

Der Plan ging lange Zeit auf und half mitunter auch, Ertragsausfälle zu kompensieren, welche die SIX im Zuge der Veräusserung wichtiger Beteiligungen an Gemeinschaftsunternehmen mit der Deutschen Börse hinnehmen musste. Doch während der ­Umsatz von 2008 bis 2016 von 1,3 Milliarden Franken auf 1,8 Milliarden stieg, bildete sich der Gewinn still und leise von 306 Millionen auf 221 Millionen zurück. Zeitgleich mit der ­zunehmend schwierigen finanziellen Besitzstandswahrung wurde im Kreis der 130 verbliebenen Eigentümerbanken eine wachsende Ungeduld manifest.

UBS-Chef Sergio Ermotti kritisierte die SIX als ineffizient und teuer und hätte sie gerne für die Etablierung einer «Superbank» für den ganzen Finanzplatz umfunktioniert, um die Kosten der rückwärtigen Dienste mit allen an­deren Banken teilen zu können. Doch Ermotti musste rasch erkennen, dass seine Vorstellungen mit den unterschiedlichen Bedürfnissen im heterogenen Bankensektor nicht vereinbar waren. Ermottis Frustration zeigt das Dilemma, das die SIX zuletzt gelähmt hat. Während die inlandorientierten Kantonal-, Raiff­eisen- und Regionalbanken auf Hilfe zur Lösung ihrer Probleme im Tiefzinsumfeld warteten, erhoffen sich die international ausgerichteten Vermögensverwalter Inputs, wie sie den mit dem Fall des Bankgeheimnisses verlorenen Wettbewerbsvorteil zurückgewinnen könnten.

Im Bestreben, aus dieser Klammer herauszukommen, schlägt die SIX nun neue Wege ein. Mit dem Aufbau einer gruppenweiten Innovationseinheit will das Un­ternehmen seinen Eigentümerbanken die Möglichkeit geben, massgeschneiderte Dienstleistungen in Zusammenarbeit mit der SIX zu entwickeln; dies mit der Option, die daraus entstehenden Geschäftsmodelle auch zu verselbstständigen.

Damit unternimmt das Unternehmen einen Versuch, die gegenseitige Blockade der Eigentümerbanken aufzulösen. Zudem soll die Innovationseinheit ein Budget von 50 Millionen Franken erhalten, mit dem sie sich an zukunftsweisenden neuen Technologien in der Finanzindustrie beteiligen kann.

Das Portfolio und der Name werden verschlankt

Das Zahlkartengeschäft, das Rückgrat der bisherigen Diversifikationsstrategie, soll dagegen in eine «strategische Partnerschaft» mit einem noch zu findenden europäischen Anbieter eingebracht werden. Gemeint sind jene Dienstleistungen der SIX, wenn ein Kunde im Laden per Karte zahlt. Im eigenen Rechenzentrum behalten möchte SIX aber das Volumengeschäft mit der Abwicklung der Kartentransaktionen, die dem teuren Rechenzentrum der SIX eine robuste Grundauslastung sichern.

Sofort sichtbar wird die Verschlankung in der erneuten ­Namensänderung, bei der SIX bleibt und der Zusatz Group wegfällt. In den 21 Jahren, seit Wertpapiere in der Schweiz nur noch elektronisch gehandelt werden, hat die Schweizer Börse als Teil der SIX ihren Namen nun bereits zum siebten Mal geändert. Dies lässt erkennen, wie hoch das Tempo der Veränderungen in diesem Markt seit Mitte der 1990er-Jahre ist.


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