Der Urner Industriekonzern Dätwyler schärft seinen Fokus

ALTDORF ⋅ Der Urner Industriekonzern Dätwyler legt wieder stark zu. Das einst anvisierte Umsatzziel bleibt aber in weiter Ferne. Höher zu gewichten scheint der neue CEO die Margen.
06. Februar 2018, 20:56

Raphael Bühlmann

Dätwyler gelingt etwas, wozu in der Schweiz heute nur sehr wenige im Stande sind: Der Konzern schafft Arbeitsplätze im Industriesektor. Millionen flossen dazu in die Werke Alt- und Schattdorf. Massgebend dafür war der Auftrag von Nespresso, welcher just vor einem Monat verlängert werden konnte. Sämtliche weltweit verkauften Nespresso-Kapseln durchlaufen zwecks Abdichtung heute die Anlagen im Reusstal. Einen Viertel fertigt Dätwyler komplett. Weltweit betrachtet ist das Kapselgeschäft aber nur ein – dafür wertschöpfungsträchtiger – Unternehmensbereich.

Dieser zählt zur Division Sealing Solutions, dem lukrativeren der beiden wichtigsten Standbeine von Dätwyler. Die Gewinnmarge (Ebit-Marge) beträgt hier 18,2 Prozent. Bei Technical Components ist sie mit 2,4 Prozent wesentlich tiefer.

Kein Auto, das keine Teile von Dätwyler enthält

Im Bereich Sealing Solutions stieg der Nettoumsatz organisch um über 6 Prozent auf 833 Millionen Franken. Zur positiven Entwicklung trugen nebst den Aufträgen aus dem Konsumgüterbereich auch Bestellungen aus der Medizinal- und der Autobranche bei. Dabei sei vor allem der weltweite wirtschaftliche Aufschwung und – zumindest als Zulieferer von Autoherstellern – auch die Prosperität Chinas für den Erfolg der Division entscheidend. «Es gibt heute kaum ein Auto, in welchem nicht Teile aus unseren Werken verbaut sind», erklärte CEO Dirk Lambrecht an der gestrigen Bilanzmedienkonferenz in Zürich.

Schwieriger gestalte sich der Markteintritt in Fernost mit Dichtungslösungen für den Bereich Health Care. Hier sei man an der Zusammenarbeit oder Akquisitionen mit lokalen Firmen interessiert. «Bei anhaltender freundlicher Wirtschaftslage warten aber potenzielle Verkäufer die Markteuphorie erst mal ab», erklärt Lambrecht. Derselbe Umstand sei bei der Division Technical Components zu beobachten, für welche Dätwyler seit langem nach einem geeigneten Partner Ausschau hält. Nach einem sicher geglaubten, aber schliesslich doch geplatzten Zukauf eines britischen Unternehmens im vorangegangenen Jahr ist das einst definierte Umsatzziel von 2 Milliarden Franken bis im Jahr 2020 kaum mehr realisierbar. «Wir stehen in Kontakt mit einer breiten Palette von Firmen. Wir wollen uns aber nicht verbiegen, und ein Zukauf muss zu unserer Strategie passen», erklärt Lambrecht.

Allgemein scheint man es bei Dätwyler nicht mehr so eilig zu haben, den Umsatz zu erweitern. Der CEO sprach an der Bilanzmedienkonferenz lieber von Margen oder Rentabilität. «Die starke Nachfrage nach Dichtungskomponenten aus der Health-Care- und der Automobilindustrie sowie die Neupositionierung der Online-Distribution bieten attraktive Chancen. Ich bin überzeugt, dass wir mit den geschärften strategischen Prioritäten den profitablen Wachstumskurs in Zukunft weiter beschleunigen können», erklärte der seit gut einem Jahr amtende CEO. Die Zielmarge soll neu auf 12 bis 15 Prozent liegen, die Dividende soll auf eine Pay-out-Ratio von 40 Prozent erhöht werden. Unter dieser Prämisse reduzierte man bei Dätwyler auch die Ausgaben bei weniger lukrativen Geschäften. So sind im vergangenen Jahr bei der Division Technical Components konsequent Kosten eingespart worden, sodass trotz eines 4 Millionen tieferen Umsatzes ein fast 2 Millionen grösserer Ebit in der Höhe von 20,7 Millionen Franken resultierte. «Damit haben wir in dem Bereich die Talsohle durchschritten», so Lambrecht.

Zu den «geschärften Prioritäten» zähle eine noch konsequentere Ausrichtung am Kunden. Auch was Innovationen oder Marktbearbeitung angehe, sei man bei Dätwyler noch etwas schwach auf der Brust, erklärt der CEO. Dabei böten gerade die digitalisierten Märkte viele Möglichkeiten. Ausserdem wittere man betreffend Abgasfilterung bei Dieselfahrzeugen Potenzial, wo Dätwyler in der Abgasnachbearbeitung einen Wachstumsmarkt ortet. Dies gelte im Besonderen seit den bekannt gewordenen manipulierten Werten bisheriger Systeme. «Ich bin überzeugt, dass die Zukunft sehr viele Möglichkeiten bietet», so Lambrecht. Deshalb sei die Agilität des Unternehmens als angestrebtes Ziel formuliert.


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