Darum wechseln Schweizer den Job

ARBEITSWELT ⋅ Bei der Suche nach einer neuen Stelle achten Schweizer mehr auf die Freude an der Arbeit als auf den Lohn. Trotzdem könne der Lohn für Unzufriedenheit sorgen, sagt die Expertin.
15. Juli 2017, 05:00

Rainer Rickenbach

Fast jeder dritte Stellensuchende begründet den Jobwechsel mit dem Wunsch, eine echte Veränderung im Berufsalltag zu erreichen. Das geht aus einer Um­frage des Online-Stellenportals JobCloud und dem Institut Link hervor. Bloss jeder zehnte Befragte ist vor allem in der Hoffnung auf mehr Lohn auf der Suche. «Die inhaltliche Veränderung ist den meisten wichtiger als die Bezahlung», heisst es in der Umfrageauswertung.

Die Unterschiede zwischen den Altersgruppen halten sich in Grenzen. Zwar legen bei den Jungen im Alter von 16 bis 24 Jahren doppelt so viele (20 Prozent) Wert auf die Höhe der Summe, die Ende Monat auf das Gehalts­konto überwiesen wird, als der Durchschnitt über alle Alterskategorien hinweg. Doch auch die Jungen gewichten Freude an der Tätigkeit und die Atmosphäre am Arbeitsplatz höher.

Wann der Lohn zum Problem werden kann

Auffällig: Je älter die Stellensuchenden sind, desto geringer ist der Stellenwert des Salärs. Von den 45- bis 60-Jährigen geben bloss noch 8 Prozent an, sich (auch) wegen des Lohnes nach einem neuen Arbeitgeber um­zusehen. «Wenn ein gewisser Lebensstandard erreicht ist, gewinnen neben Geld andere Dinge an Bedeutung. Die herausfordernde Arbeit, ein gutes Team, das Verhältnis zu den Vorgesetzten und die Work-Life-Balance werden dann wichtiger», sagt Verena Glanzmann, HR-Dozentin an der Hochschule Luzern.

Zwar denken die wenigsten Angestellten während ihren täglich acht Arbeitsstunden unentwegt an ihr Gehalt. Trotzdem kann der Lohn schnell wichtig werden, etwa wenn die versprochene Lohnerhöhung nicht Tatsache wird. Glanzmann: «Der Lohn ist ein Hygienefaktor, das weiss man aus der Motivationstheorie. Wenn er den Erwartungen entspricht, tritt seine Bedeutung in den Hintergrund. Erst wenn die Lohnerwartung nicht mehr erfüllt ist, können Mitar­beitende unzufrieden werden.» Gute Vorgesetzte würden darum in Leistungsgesprächen offen mit ihren Leuten über Zielvereinbarung, -erreichung und das Gehalt reden. Thema sind dann auch Lohnversprechen. Wichtig danach: Die Versprechen müssen auch eingehalten werden, sonst droht böses Blut. Wann und warum Arbeit als spannend und sinnvoll empfunden wird, ist sehr individuell. Eine wichtige Rolle spiele dabei auch die Umgebung, vor allem die Führung, sagt Glanzmann. «Jemand kann eine sehr einfache oder gar monotone Arbeit als sinnvoll wahrnehmen. Ich bin überzeugt, dass der Sinn auch über Respekt und Wertschätzung aus der Umgebung geschaffen wird. Bei höher Qualifizierten sind zusätzlich der eigene Ge­staltungsraum und die Einfluss­nahme oft auch sinnstiftend.» Mehr als die Hälfte der befragten Stellensuchenden legen Wert darauf, sich am neuen Arbeitsplatz beruflich weiterentwickeln zu können. Bei den Männern ist dieser Wunsch minim ausgeprägter. Ansonsten gibt es kaum geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Vorstellungen vom neuen Job. Glanzmann: «Die Entwicklung geht hin zur Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen. Flexible Arbeitszeiten und familienexterne Betreuungsformen für Kinder gewinnen darum an Bedeutung.»

Das machen auch die neusten Zahlen der Bundesstatistiker deutlich: Der Zeitaufwand für Haus- und Familienarbeit stieg bei den Männern zwischen 2010 und 2016 von 16,2 auf 17,9 Stunden pro Woche. Der Zeitaufwand für bezahlte Arbeit war hingegen leicht rückläufig. Der Familientauglichkeit des Jobs widersetze sich freilich der Trend in der Arbeitswelt, immer und überall erreichbar zu sein, sagt er.

Soziale Medien gewinnen bei Jobsuche an Bedeutung

Die meisten Stellensuchenden informieren sich über Inserate in Onlineportalen, Zeitungen und Firmenwebsites über freie Arbeitsplätze. Eine wichtige Rolle spielen auch Tipps von Freunden und Bekannten. Stark an Bedeutung zugelegt haben bei der Jobsuche die sozialen Medien wie Xing und LinkedIn. 23 Prozent der Befragten tummeln sich für die Stellen­suche in diesen Netzwerken – Tendenz steigend. «Neuerdings werden diese Netzwerke von den Unternehmen professionell bewirtschaftet. Sie setzen dort gezielt eigene Mitarbeitende für die Suche nach neuen Mitarbeitenden ein. Das geschieht vor allem für Branchen, die mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben», erklärt Glanzmann.

Zusehends beliebter werden Blindbewerbungen. Also Bewerbungsschreiben an Firmen, die gar keine Stellen ausgeschrieben haben. «Es kann durchaus sein, dass eine Blindbewerbung erfolgreich ist, da längst nicht alle freiwerdenden Stellen auch nach aussen bekannt werden», sagt Glanzmann. «Für junge Stellensuchende kann dabei auch eine Praktikumsstelle oder ein Trainee-Programm herausschauen, was ein guter Einstieg sein kann. Blindbewerbungen müssen aber sehr gezielt und unternehmensbezogen formuliert und adressiert sein.»


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