Der Nachrichtenläufer

UMSTRITTEN ⋅ Moritz Kraemer sagt bei Standard & Poor’s, wie viel Kredit ein Land verdient. Dafür wird er in Regierungskreisen gefürchtet. In Italien stand der Chefanalyst dafür einst sogar vor Gericht.
18. Juni 2017, 08:23

Daniel Zulauf

Moritz Kraemer? Routiniert empfängt der Mann in einem Hinterzimmer des Hotels St. Gotthard an der Zürcher Bahnhofstrasse seine Gäste. Zuerst die Investoren und die Finanzanalysten, die sich für die Kreditwürdigkeit von Staaten und Banken interessieren. Dann ein paar Journalisten, denen das Thema fünf Jahre nach dem letzten Höhepunkt der europäischen Schuldenkrise immer noch ein paar Zeilen wert ist.

Moritz Kraemer ist Chefanalyst für Regierungsanleihen bei der internationalen Kreditbewertungsagentur Standard & Poor’s. Unauffällige Businesskleidung, keine Allüren – einzig das Tempo, mit dem der Deutsche die Qua­lität der wirtschaftspolitischen Programme von Rom über Paris bis London und Washington abhandelt, lässt erkennen, dass hier ein profunder Kenner auftritt.

Damals, in jenen trüben Tagen im Herbst 2011, wurde dieser freundliche Herr mit dem leicht gelangweilten Blick fast über Nacht zu einem «hochgefährlichen Brandbeschleuniger», zu «einem jener Scharfrichter, die ganz Europa destabilisieren». So wollte es jedenfalls «Der Spiegel» direkt aus dem Munde von Kraemers Kritikern gehört haben. Kraemer habe mächtige Gegner, schrieb das Magazin. «Die Bundeskanzlerin gehört dazu, der EU-Präsident, der französische Staatschef, um nur einige zu nennen.»

Kraemer war damals Dauergast in den wichtigsten Businessmedien. Auf Bloomberg TV, CNN oder NTV waren seine Analysen der Schuldenkrise fast wöchentlich zu hören – dramatisch im Inhalt, aber stets nüchtern im Ton: Wenn sich die europäischen Staaten nicht schnell auf einen glaubwürdigen Plan zur Bewältigung der Schuldenkrise einigten, werde Standard & Poor’s die Bonitätsnoten aller Staaten der Eurozone um wenigstens eine, wenn nicht gar zwei Stufen heruntersetzen, drohte er im Dezember 2011, unmittelbar vor einem wichtigen Eurogipfel.

Der zunehmende Stress im Finanzsystem habe die Ankündigung notwendig gemacht, sagte Kraemer. Die Politiker sahen dies freilich anders: Jean-Claude Juncker, damals Chef der Eurogruppe, sprach von einer überzogenen und ungerechten Reaktion. Er empfehle, die Ratings nicht so ernst zu nehmen. Österreichs Notenbankchef Ewald Nowotny erkannte in dem Auftritt von S&P bedenkliche Motive politischer Natur. EU-Kommissar Michel Barnier versuchte die Bedeutung Kraemers und seiner Kollegen herunterzuspielen: «Das, was Standard & Poor’s verkündet, ist nur eine Meinung unter vielen.» Es war für ihn dennoch eine Legitimation, die Ratingagenturen enger an die Leine zu nehmen.

Kraemer sieht eine «robuste Erholung» der Eurozone

Der Stress in der Eurozone hat deutlich nachgelassen. Eine «robuste Erholung» der Konjunktur sei im Gang, stellt Kraemer in Zürich fest. Dass sich diese noch nicht in deutlich höheren Kreditbewertungen manifestiert habe, liege an der langen politischen Pendenzenliste in Europa. Die Reformwilligkeit der Euroländer habe abgenommen, gespart werde immer weniger, und die nötigen Strukturreformen würden hinausgeschoben. Der Druck der Kapitalmärkte habe abgenommen, erklärt der Chefanalyst. Dies bedeutet auch, dass die Stimme der Ratingagenturen an Gewicht verloren hat. Vor fünf Jahren betrug die Zinsdifferenz zwischen einer deutschen und einer spanischen Staatsanleihe fast 3 Prozentpunkte. Jetzt sind es 0,5 Prozentpunkte.

Kraemer legt zwar einen Haufen Zahlen auf den Tisch, die zeigen, dass es in Europa bald wieder brennen könnte. Doch das will kaum mehr einer hören.

Im Frühling wurde Kraemer mit fünf Kreditanalysten von einem italienischen Gericht in Apulien vom Vorwurf der Marktmanipulation freigesprochen. Ei­ne Berlusconi-nahe Konsumentenorganisation hatte die Ratingspezialisten eingeklagt. Der Staatsanwalt forderte zwei Jahre Gefängnis und eine Busse von 300000 Euro. Italien sei 2011 besser da gestanden als fast jedes andere Land. Erst mit der Androhung der Ratingagenturen, die Kreditnote zu senken, sei das Land auf die schiefe Bahn geraten: höhere Zinsen, mehr Schuldendienst etc. 2011 war Italien im Urteil von S&P ein A-klassiger Schuldner. Seit Januar 2012 bewegt sich das Land im oberen Mittelfeld der B-Klasse – eine Stufe über dem Status von Ramschanleihen. «Das ist kein Zeichen von übersprühendem Optimismus», bemerkte Kraemer vergangene Woche bei seinem Besuch in Zürich.


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