Die Krux mit den Reisebüros

REISEN ⋅ Wer früher eine Reise buchte, ging ins Reisebüro. Heute kann alles auch übers Internet erledigt werden. Und trotzdem gibt es den stationären Verkauf noch. Doch rentiert er auch?
17. September 2017, 07:40

Dominik Buholzer

TUI-Suisse-Chef Martin Wittwer hat im vergangenen Frühjahr mit dem Velo sämtliche Reisebüros seines Unternehmens in der Deutschschweiz abgefahren. Ein Stück weit sei dies eine Fahrt in eine vergangene Epoche gewesen, sagt Wittwer. Haben die Reisebüros keine Zukunft mehr?

Das Reisebüro wurde schon oft für tot erklärt. Doch selbst die Digitalisierung machte es nicht überflüssig. Zwar hat sich die Zahl der stationären Verkaufsstellen in den letzten zehn Jahren in der Schweiz halbiert und liegt jetzt bei knapp unter 2000, doch die Talsohle scheint erreicht. «Es ist nur noch mit leichten Korrekturen gegen unten zu rechnen», sagte Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbandes, am Dienstag in Zürich.

Vermehrt Junge, aber noch lange kein Trend

Eine aktuelle Umfrage von Allianz Global Assistance zeigt: Noch immer buchen Herr und Frau Schweizer mindestens eine Reise im Jahr im Reisebüro. Doch der Abstand zum Internet als wichtigsten Buchungskanal ist gross: 67 Prozent aller Reisen werden online abgewickelt, der stationäre Verkauf mag sich mit einem Marktanteil von 22 Prozent behaupten. Es sind dabei längst nicht mehr Senioren, die die Reisebüros aufsuchen. Die Filialen berichten über vermehrt jüngere Kundschaft. Von einem Trend will DER-Touristik-Suisse-CEO Dieter Zümpel aber nicht sprechen. «Wir gehen ja jetzt nicht alle offline», wendet er ein. DER Touristik Suisse betreibt unter anderem die Kuoni-Filialen.

Reisebüros vermochten sich also behaupten. Aber sind sie auch ein Geschäft? «Wenn wir mit unseren Reisebüros kein Geld verdienen würden, würden wir sie nicht betreiben», pflegt Hotelplan-Suisse-CEO Kurt Eberhard auf entsprechende Fragen zu antworten. Differenzierter tönt es bei TUI-Chef Martin Wittwer: «Wir betrachten unsere Reisebüros betriebswirtschaftlich nicht isoliert. Sie sind Bestandteil der Marketing- und Betriebsplattform der TUI Suisse», sagt er. Dies ist für ihn nicht allein entscheidend. Für Wittwer braucht es ein neues Verständnis. Der TUI-Suisse-Chef will die Reisebüros zum einen noch stärker als erste Anlaufstation bei Kundenanliegen einsetzen und sie «als verlängerter Arm des Hauptsitzes» mit mehr Kompetenzen ausstatten: «Das Profitcenterdenken muss den Kundenbedürfnissen Platz machen.»

Bei DER Touristik Suisse wird im Gegensatz dazu alle drei Monate das Filialnetz überprüft: Welche Filialen laufen gut? Wo müssen Massnahmen ergriffen werden? An Toplagen steht der Gewinn nicht an vorderster Stelle. «Sie haben auch einen hohen Marketingeffekt», sagt Zümpel. Alle drei grossen Reiseanbieter haben gemein, dass sie online und offline mit ihren Reisebüros noch stärker verknüpfen wollen.

Einen ganz anderen Weg hat André Lüthi von der Globetrotter-Gruppe eingeschlagen. Auf der Website von Globetrotter können keine Reisen auf der Einstiegsseite gebucht werden. Der Webauftritt soll vielmehr dazu dienen, zu inspirieren und dann in einem persönlichen Beratungsgespräch dem Kunden eine Reise zusammenzustellen. Die Rechnung geht für Lüthi, das einstige Enfant terrible der Reisebranche, auf. Seit Jahren vermag er sich mit seinen mittlerweile 14 Firmen im Wettbewerb mit den grossen Anbietern behaupten. Entgegen kommen ihm das Gespür für Nischen und der Trend nach Individualreisen. Auf einem Businessplan fusst seine Strategie nicht. «Es ist Leidenschaft und Glück», sagt er. Reisen sei etwas Emotionales, so Lüthi: «Umso wichtiger ist der Mensch.»

Bei TUI Suisse überlegt man sich derweil, das Wort Reisebüro zu verändern. «Reisebüro» klinge nicht mehr zeitgemäss, sagt Martin Wittwer. Stattdessen sollen sie neu TUI Stores heissen. Der Schweizer Reise-Verband hat den Schritt bereits 2014 voll­zogen. Er trat früher unter der ­Bezeichnung «Schweizerischer Reisebüro-Verband» auf.


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