Die Pendler im Visier

DETAILHANDEL ⋅ Die Volg-Gruppe setzt auf kleinflächige Läden auf dem Land und zeigt Supermärkten und Städten die kalte Schulter. Mit langen Öffnungszeiten zielt man auf die Dorfbevölkerung ab, die zur Arbeit fährt.
11. April 2018, 07:49

Thomas Griesser Kym

Bei Volg herrscht der pure Wildwuchs. Und zwar betreffend die Ladenöffnungszeiten. Hier hat ein Dorfladen bis 21 Uhr offen, dort bis 19 Uhr. Der eine macht um 6.30 Uhr auf und ist durchgehend bis am Abend geöffnet. Im anderen gehen die Lichter schon um 6 Uhr früh an, dafür verabschiedet sich dann das Personal in corpore in die Mittagspause. Das gleiche Bild am Samstag: Es gibt Läden, in denen die Kunden bis 20 Uhr einkaufen können, andere sperren schon um 13 Uhr zu.

Was steckt dahinter? Diese Frage geht an Ferdinand Hirsig, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Volg Konsumwaren AG, die als Grossistin 930 kleinflächige Läden im ländlichen Raum beliefert, davon 582 Volg-Verkaufsstellen. Hirsig verweist zum einen auf die Vorschriften über die Ladenöffnungszeiten, die kantonal unterschiedlich geregelt sind. Zum anderen kennt der Volg-Absatzkanal drei verschiedene Formate: 306 der 582 Volg-Läden werden von der Volg Detailhandels AG betrieben und damit in Eigenregie. 231 Volg-Läden werden von den Landi-Genossenschaften geführt, die wie Volg zum Agrarkonzern Fenaco gehö­ren, und 45 von privaten Detaillisten als Franchisenehmer. Wie Hirsig sagt, reizt Volg bei den eigenen Läden die gesetzlichen Öffnungszeiten in der Regel aus. Die einzelnen Landi-Genossenschaften und die Privaten hingegen entscheiden innerhalb des Rechtsrahmens nach eigenem Gusto, wann und wie lange ihr Laden offen hat.

Nach der Büez noch auf einen Sprung ins Dorflädeli

Machen sich denn Öffnungszeiten von 6.30 bis 21 Uhr, also über 14,5 Stunden, überhaupt bezahlt? Hirsig sagt, «kein Händler macht auf, wenn es sich nicht lohnt. Andernfalls wird er die Öffnungszeiten wieder reduzieren.» Wer früh öffne, locke als Kunden Pendler an, die auf dem Weg vom Dorf zur Arbeit ihren Morgenkaffee, den Znüni oder Lunch einkaufen. Und lange Öffnungszeiten am Abend erlaubten es den Konsumenten, sich noch rasch was für den Znacht zu besorgen.

In dieses Muster passen auch die ersten Erfahrungen mit dem Projekt volgshop.ch. Auf dieser Website können Kunden in der Deutschschweiz seit Mai vergangenen Jahres Waren aus einem reduzierten Sortiment von 700 Artikeln bestellen, die vom Personal im örtlichen Volg bereit­gestellt werden. Die Kunden können wählen zwischen Heimlieferservice durch den Pöstler, oder sie holen den Einkauf im Volg-­Laden ab. Laut Hirsig entscheiden sich unüblich hohe 70 Prozent für die Selbstabholung, «oft nach Feierabend auf dem Nachhauseweg». Auf Nachfrage räumt Hirsig aber auch ein, dass dieses Geschäft eine winzige Nische ist. «Der Umsatz ist sehr klein. Pro Monat gehen insgesamt 50 bis 60 Bestellungen ein.» Und: «Geld verdienen werden wir damit so wenig wie die Konkurrenz.» Dennoch gewinnt der Volg-Chef dem Projekt im Zeitalter der Digitalisierung Gutes ab: «Wir sind dabei und lernen viel.»

Die Volg Konsumwaren AG hat vergangenes Jahr den Umsatz um 1 Prozent auf gut 868 Millionen Franken gesteigert (siehe Tabelle). Die von ihr belieferten 930 Läden setzten 1,486 Milliarden Franken um. Das entspricht trotz leicht gesunkener Preise einem Zuwachs von 1,3 Prozent gegenüber Vorjahr, was Hirsig angesichts des harten Konkurrenzkampfs im Schweizer Detailhandel als «gutes Ergebnis»taxiert. Die Volg-Gruppe, die insgesamt rund 4000 Mitarbeitende hat, ist dabei in allen drei Verkaufskanälen gewachsen: So nahm der Umsatz der 582 Volg-Läden um 1 Prozent auf 1,131 Milliarden Franken zu, die 90 Agrola-Tankstellen­shops legten um 2,8 Prozent auf 257 Millionen Franken zu, und die 258 freien Detaillisten (davon 162 unter dem Label Prima) steigerten sich um 1 Prozent auf 98 Millionen Franken.

Hirsig sieht noch Wachstumspotenzial

Im Volg-Kanal gab es vergangenes Jahr vier neue Läden und sieben Schliessungen. Dieses Jahr kommen im Rahmen der laufenden Expansion in die Romandie und ins Oberwallis dort zumindest drei neue Läden hinzu, und als Volg-Läden weiter betrieben werden im Kanton Jura sechs bis acht von 30 Mini-Marché-Verkaufsstellen, von deren Genossenschaft Volg das operative Geschäft übernimmt. Die restlichen Mini-Marchés sollen von den bisherigen Ladeninhabern weitergeführt werden, beispielsweise als Prima-Läden. Das Netz der Agrola-Tankstellenshops ist vergangenes Jahr bloss um einen neuen Standort gewachsen, dieses Jahr indessen sollen vier bis fünf Shops dazukommen. Diese sind jeweils kleiner als Volg-Läden, setzen aber pro Quadratmeter und pro Shop deutlich mehr um. Unter den freien Detaillisten sind mehrere Kleinstverkaufsstellen weggefallen. Laut Hirsig hat das primär mit fehlender Nachfolge oder mit nicht finanzierbarem Investitionsbedarf zu tun. «Wer in solchen Fällen nicht einer Gruppe angehört, hat es schwer.» Kompensiert hat Volg diese Geschäftsaufgaben mit den Tankstellenshops des LV-St. Gallen, die man seit vergangenem Jahr beliefert. Gewachsen ist zudem die Zahl der Postagenturen, die in Volg-Läden integriert sind in Dörfern, aus denen sich der gelbe Riese mit seiner Poststelle zurückgezogen hat. Vergangenes Jahr kamen 49 Postagenturen dazu, mittlerweile finden sie sich in 331 Volg-Läden.

Per Ende März 2018 liegen die Umsätze der Volg Konsumwaren AG und jene im Detailhandel auf Vorjahresniveau. Wo sieht Hirsig noch Wachstumspotenzial? «Auf der Fläche.» Will heissen: Das Sortiment ist noch nicht überall so vollständig, wie es sich der Chef wünscht. So zeigt er beispielsweise kein Verständnis für Läden, in denen der Kunde am Nachmittag «die Auswahl hat zwischen keinem oder kaum ei­nem Sandwich». Ferner verweist Hirsig auf Volgs Weissfleckenkarte mit Dörfern mit 1000 bis 1200 Einwohnern, wo man noch nicht präsent ist. Da sei ein Potenzial von «sechs bis zehn neuen Läden pro Jahr». Weitergehen soll die Expansion in die Westschweiz.


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