Digitale Zweiklassengesellschaft

TECHNOLOGIE ⋅ Die Digitalisierung verändert sowohl die Arbeitswelt wie auch die Gesellschaft. Am Scheideweg stehen heute in erster Linie mittelständische Unternehmen.
07. Oktober 2017, 09:45

Beat Christen

 

Trotz regelmässiger Cyberattacken und Milliardenbussen gegen Technologiekonzerne führt die Digitalisierung zu immer neuen Höhenflügen an der Welt­börse. Gemäss einer Studie des Beratungsunternehmens EY dominieren das globale Börsenranking nach wie vor Unternehmen der Internet- und Softwarebranche mit Sitz in den Vereinigten Staaten. «Daran wird sich auch in den kommenden Monaten nichts ändern», ist Rico Fehr, Partner und Sitzleiter Luzern bei EY, überzeugt. «Die USA werden in der IT-Branche weiterhin den Ton angeben. Ebenso sicher ist es, dass die Digitalisierung auch in der Schweiz in grossen Schritten voranschreitet. Die Spielregeln werden dabei von den amerikanischen und zunehmend auch von den asiatischen IT-Konzernen vorge­geben.»

Keine klaren Grenzen mehr

Der Digitalisierung kann sich heute niemand mehr entziehen. Für Fehr gibt es dabei kaum mehr Unterschiede zwischen Berufswelt und Privatleben – die beiden Bereiche verschwimmen mit der Entwicklung immer mehr. «Die Schweizer Bevölkerung ist digital versiert und stets online», so Fehr und zitiert dabei aus der «Digital Nations Study» von EY. Diese zeigt auf, dass die Schweizer täglich durchschnittlich acht Stunden und 48 Minuten an digitalen Geräten verbringen, davon nahezu zwei Stunden am Smartphone. «Die digitale Welt durchdringt alle Lebensbereiche der Verbraucher, sodass digitale Mobilität die neue Normalität ist.» Laut dem Luzerner Sitzleiter haben heute 91 Prozent der Haushalte Internetzugang, Tendenz nach wie vor steigend. «Die hohe digitale Netzwerkbereitschaft in der Schweiz bestätigt, dass wir das Potenzial haben, einer der führenden digitalen Hubs in Europa zu sein», ist Fehr überzeugt.

Die hohe Netzwerkbereitschaft erachtet Fehr auch als Chance für die Schweizer Industrieunternehmen. Er ist überzeugt, dass diese mittelfristig zu den Gewinnern der Digitalisierung gehören. «Sie bringen gerade für einen Hochlohnstandort wie die Schweiz ein enormes Potenzial mit sich. Die hier produzierenden Unternehmen werden in den kommenden Jahren die immer engere Verzahnung der industriellen Produktion mit den IT-Systemen vorantreiben, um Produktivitätsfortschritte und Kostenvorteile zu erzielen.» Für Industrieunternehmen, welche die Digitalisierung verstehen und diese konsequent nutzen, entsteht dadurch die Chance, Produktionsverfahren der Zukunft entscheidend zu prägen und dadurch weltweit konkurrenzfähig zu sein.

Unnötige Angstmacherei

Die Digitalisierung entwickelt sich rasend schnell und hat spürbaren Einfluss auf das tägliche Leben der Menschen. Vieles wird damit leichter und einfacher, einiges kann aber auch Ängste auslösen. Erst recht, wenn der technische Fortschritt zur Bedrohung hochstilisiert und mit zunehmender Arbeitslosigkeit verbunden wird. Dass Jobs wegfallen werden, will Fehr von EY nicht beschönigen. Er ist aber überzeugt, dass dank des technischen Fortschritts auch Stellen in neuen Tätigkeitsfeldern entstehen werden. Die Angst vor einer Veränderung der menschlichen Arbeit ist für Fehr nicht ein Phänomen des 21. Jahrhunderts. «Schon frühere technisch-industrielle Revolutionen wie der Einsatz von Dampfmaschinen oder die Erfindung der Fliessbandproduktion haben unter dem Strich trotz damaliger Befürchtungen nicht zu Massenarbeitslosigkeit geführt. Ganz im Gegenteil», gibt Fehr zu verstehen, «diese Entwicklungen haben sogar zu mehr Produktivität und Wohlstand geführt.»

Unternehmen am Scheideweg

Eine von EY zu Jahresbeginn durchgeführte Umfrage hat gezeigt, dass die Digitalisierung auch bei Schweizer Unternehmen längst Einzug gehalten hat und rasant voranschreitet. Gleichzeitig verstärkt die Entwicklung die Unterschiede zwischen den einzelnen Betrieben. Dass heute erfolgreiche Unternehmen deutlich stärker auf die Digitalisierung setzen als Unternehmen mit schlechter Geschäftslage und negativen Geschäftsaussichten liegt nicht am fehlenden Willen, sondern an den beschränkten finanziellen Möglichkeiten. «Viele mittelständische Unternehmen stehen heute an einem Scheideweg», lautet der Befund von Edgar Christen, Partner und Sitzleiter Zug bei EY. Den mutigen Schritt hin zu Neuem wagt nicht jeder. Während ein Teil der Unternehmen es schafft, ihr Geschäftsmodell durch innovative Produkte und Dienstleistungen weiterzuentwickeln, verlieren andere Unternehmen den Anschluss. «Dadurch droht der Schweizer Wirtschaft eine digitale Zweiklassengesellschaft», ist Christen überzeugt.

Das eigene Geschäftsmodell hinterfragen und die richtigen Schlüsse daraus ziehen – das ist gefordert. Was auf den ersten Blick banal tönt, entpuppt sich in der wirtschaftlichen Realität als Knackpunkt. Selbst Weltkonzerne tun sich schwer damit; Nokia beispielsweise oder auch Kodak. Beide Unternehmen gehörten mit ihren jeweiligen Produkten zu den Weltmarktführern. Sowohl Nokia wie auch Kodak haben es geschafft, ihre Schlüsselposition zu verlieren. «Wie soll es erst einem mittelständischen KMU in der Zentralschweiz ergehen», fragt sich Christen. «Die Optimierung der eigenen Prozesse und Produkte kann ein möglicher Lösungsweg sein, ist aber kein Patentrezept.»

Digitale Agenda vorantreiben

Die Schweiz ist netzwerkmässig zwar bereit, um die digitalen Anforderungen zu bewältigen, doch müssen die Unternehmen ihre Umsetzung jetzt vorantreiben. Zumal sich Innovationen und digitale Veränderungen rasch vollziehen. Denn die Konkurrenz schläft nicht und ist wegen der Digitalisierung nicht mehr «bloss» der Mitbewerber aus dem Nachbardorf. «Firmen müssen die digitale Agenda weiter vorantreiben, um ihre globale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten», schlussfolgert Christen und erteilt den Rat, dass sich Unternehmen die digitale Affinität der Schweizer Kunden stärker zunutze machen und sich noch mehr auf die Verbesserung der Kundenerlebnisse konzentrieren müssen.


Leserkommentare

Anzeige: