Er macht aus Milch Plastik

KUNSTSTOFFE ⋅ Plastik ist praktisch, aber eine Belastung für die Umwelt. In Fribourg tüfteln Forscher jetzt an einem biologisch abbaubaren Kunststoff.
23. Juli 2017, 10:45

Dominik Buholzer

Einen Zapfhahn gibt es noch immer in den ehemaligen Hallen der Brauerei Cardinal in Fribourg. «Ich muss Sie enttäuschen. Der funktioniert leider nicht mehr», sagt Rudolf J. Koopmans. Dort, wo früher Bier gebraut worden ist, tüfteln heute unter der Leitung des Doktors für Physik und Makromolekularchemie Forscher an einem neuartigen, biobasierten und kompostierbaren Plastik.

Heute werden jährlich mehr als 300 Millionen Tonnen des Kunststoffes produziert. Und es wird immer mehr. Das Wachstum beträgt jährlich zwischen 3 bis 5 Prozent oder rund 15 Millionen Tonnen Plastik. «Wir können fast nicht mehr ohne diese Produkte leben», sagt Koopmans. Dies ist auch auf das Wachstum in den Schwellenländern zurückzuführen. Dies führt aber zu immer grösseren Problemen. Jede Minute gelangt ein Kehrichtwagen voller Plastik in die Ozeane; Forscher befürchten, dass es bald mehr Plastik als Fische in unseren Meeren gibt.

Tests mit Abfallsäcken aus Milchsäure

Rudolf J. Koopmans will mit seinem Team am Plastics Innovation Competence Center in Fribourg einen Beitrag leisten, dass es soweit schon gar nicht kommt. Die Lösung dazu kann Milch sein. Oder auch Rapsöl. Oder Äpfel und Birnen, kurz: Biomasse. Denn Plastik besteht vereinfacht ausgedrückt aus synthetisch ­produzierten Riesenmolekülen. «Solche Polymere beziehungsweise Kunststoffe finden wir in allen organischen Abfällen, also auch in Milch, Früchten oder Rapsöl. Nur haben sie den Vorteil, dass sie biologisch abbaubar sind», sagt Koopmans. Plastik aus Milch? «Das hört sich jetzt vielleicht ein wenig verrückt an, ist es aber nicht», sagt der gebürtige Belgier. Es gebe bereits Versuche mit Abfallsäcken aus Milchsäure. Das Problem sei bei denen nur, dass sie sich, wenn sie bei Regen auf dem Balkon stehen, aufzulösen beginnen.

Vor dem Erdöl-Boom war Milch als Plastikrohstoff ernsthaft im Gespräch. Aus Angst vor einer Milchknappheit wurden die Bestrebungen aber eingestellt. Jetzt ist Milch angesichts der Umweltprobleme und des sich abzeichnenden Endes der Erdölreserve plötzlich wieder ein Thema. Auch am Plastics Innovation Competence Center in Fribourg (PICC).

Koopmans leitet das Center, das im Oktober 2016 gegründet worden ist. Das PICC ist der Hochschule für Technik und Architektur Freiburg angegliedert und wird vom Kanton Fribourg sowie von Swiss Plastics Cluster unterstützt. Koopmans war damals gerade 60 Jahre alt und blickte auf eine über 33-jährige Karriere bei einem US-amerikanischen Kunststoffproduzenten zurück. Er war in der Forschung tätig und je länger desto unzufriedener. «Ich war an einen Punkt angelangt, an dem man sich fragt, was man im Leben eigentlich noch machen will.» Um etwas in Sachen Nachhaltigkeit zu bewegen, waren bei dieser Stelle die Voraussetzungen nicht gegeben. «Es geht zu lange, bis in solch einem Betrieb die gewohnten Pfade verlassen werden», betont er. Die neu geschaffene Stelle in Fribourg kam gerade richtig.

Das Plastics Innovation Competence Center forscht nicht nur nach Lösungen im Kunststoffbereich für unterschiedliche Industriezweige, sondern berät auch Firmen. Wöchentlich mehrmals steht Koopmans in Kontakt mit Schweizer Unternehmen, die Probleme mit Kunststoffen haben. «Die Firmen verstehen sehr viel von ihren eigenen Produkten, bei der Verpackung fehlt ihnen aber das Know-how. Da kommen wir zum Zug.» Zusammen mit den Firmen erarbeitet er mit seinem Team Lösungen. «Oft sind es eigentlich ganz einfache», betont er.

Koopmans hat mit dem PICC Grosses vor. Heute umfasst das Team 15 Mitarbeitende. Bis Ende Jahr wird auf 20 aufgestockt. Bis 2020 strebt Koopmans einen Ausbau auf 50 Mitarbeitende an. Dazu will das PICC vermehrt über die Landesgrenzen hinaus tätig werden. Koopmans: «Jede neue Technologie ist am Anfang teurer als die herkömmliche Produktionsmethode. Je mehr sie Anwendung findet, desto günstiger wird sie. Erst dann wird sie für grosse Firmen interessant.»

Schweiz macht bei grosser europäischer Studie mit

Das Potenzial für neue Lösungen ist laut Koopmans riesig. Heute seien gerade mal 2 Millionen Tonnen des Plastik weltweit nachhaltig. «Und das ist noch eine gut gemeinte Schätzung.» Aus diesem Grund beteiligt sich das PICC seit Juni an einer grossen europäischen Entwicklungsstudie. Bei dem Projekt soll Verpackungsmaterial auf Basis von Zellulose entwickelt werden, das in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden kann sowie biobasiert und kompostierbar ist. Dabei arbeitet Koopmans’ Team mit Firmen wie Unilever oder Coop zusammen. Bis in einem Jahr sollen erste Ergebnisse vorliegen. Dass das Projekt scheitern könnte, glaubt er nicht: «Die Natur hat für ganz viele Probleme eine Lösung. Da staune ich immer wieder.»

Bis sich die neue Technologie durchsetzen wird, dauert es länger. Das Bewusstsein, dass etwas gegen die Flut von künstlichem Plastik getan werden müsse, existiere erst seit zwei, drei Jahren. «Bis wir am Markt etwas bewirken können, dauert es noch Jahre. Die Trendwende wird wohl nicht vor 2030 erfolgen», betont er. Gehandelt werden müsse aber heute. Koopmans: «Wir haben schon viel zu viel Zeit verloren.»

Hinweis

www.picc.center


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