Radon, die Gefahr aus dem Erdboden

RADIOAKTIVITÄT ⋅ Das radioaktive Gas Radon kann, wenn es in grösserem Masse in Wohnräume gelangt, Krebs verursachen. Gefährdet sind vor allem Raucher und ältere Menschen. Breite Messkampagnen bringen laut Radon-Experten aber nicht viel.
17. Juni 2017, 04:39

Andreas Lorenz-Meyer

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Röntgenstrahlen, Alpha- und Betastrahlung – sie gehören zu den ionisierenden Strahlen. Diese bestehen aus elektromagnetischen Wellen, die genügend Energie haben, um Elektronen aus Atomen oder Molekülen herauszulösen. Was zurückbleibt, sind Ionen, die im Körper chemische Reaktionen auslösen können. Das führt unter Umständen zu Zellschäden und, wenn es ganz schlimm kommt, zu einer «strahleninduzierten» Krebserkrankung. Der Dosisgrenzwert für die allgemeine Schweizer Bevölkerung liegt hierzulande bei 1 Millisievert pro Jahr.

Doch woher kommt die Strahlung? Starke Strahlung kann vom Radon in Wohn- und Arbeitsräumen ausgehen. Das natürliche radioaktive Gas entsteht im Erdboden als Teil der Uranzerfalls­reihe. Durch undichte Stellen – Risse in Wänden und Böden, Kabelöffnungen – gelangt es ins Hausinnere. Hauptverantwortlich dafür ist der Kamineffekt: Aufsteigende warme Luft sorgt im Keller für Unterdruck, dadurch wird das Radon nach oben gesaugt. Ventilatoren oder Cheminées verstärken die Sogwirkung, welche im Winter bei eingeschalteter Heizung noch zunimmt.

Grösseres Lungenkrebsrisiko

Das Ganze kann böse Folgen haben. Die radioaktiven Radon-Folgeprodukte, unter anderem Wismut, gelangen über die Atemluft in den Körper, wo sie sich auf dem Lungengewebe ablagern und es bestrahlen. Von den jährlich 3200 Lungenkrebstoten in der Schweiz sind laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) 200 bis 300 dem Radon zuzuschreiben. Wobei klar zwischen Rauchern und Nichtrauchern unterschieden werden muss. Von den 200 bis 300 Radon-Toten sind statistisch nur 13 Nichtraucher. Das heisst, Lungenkrebsfälle durch Radon betreffen überwiegend Raucher, deren viel grösseres Lungenkrebsrisiko sich durch die Radon-Belastung noch einmal erhöht. Wer dagegen nicht raucht oder damit aufhört, senkt das Risiko erheblich.

Die Konzentration in der Luft wird in Becquerel pro Kubikmeter (Bq/m3) gemessen. Die aktuell geltenden Richt- und Grenzwerte für Wohn- und Aufenthaltsräume wurden im Jahr 1994 festgelegt. Gemäss Strahlenschutzverordnung (StSV) dürfen es bei Altbauten nicht mehr als 1000 Bq/m3 sein. Für Neu- und Umbauten sowie Sanierungen gilt ein Richtwert von 400 Bq/m3. So war es bisher. Am 1. Januar 2018 tritt die überarbeitete StSV in Kraft. Als Referenzwert gelten neu 300 Bq/m3, wie es die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, und zwar in Räumen, in denen sich Personen regelmässig während mehrerer Stunden pro Tag aufhalten. Neu- und Umbauten müssen den Richtwert einhalten. Der Kanton kann vom Gebäudeeigentümer eine Radon-Messung verlangen. Bei Überschreiten des Wertes muss er sanieren, etwa erdberührende Gebäudeteile abdichten. Die Dringlichkeit der Sanierung lässt sich danach einstufen, wie weit der erlaubte Wert überschritten wird. Hier gibt es einen Ermessensspielraum.

Peter Bucher, Teamleiter der Abteilung Luft, Lärm und Strahlen im Amt für Umwelt und Energie des Kantons Luzern, hält den neuen Referenzwert für «ausreichend tief». Jedoch ist er bei Messungen und Sanierungen skeptisch: «Es kommt immer auf die Verhältnismässigkeit an. Die Kosten müssen abgeschätzt und in Relation zur möglichen risikomindernden Wirkung gesetzt werden.» Das Ganze sei eine komplexe Angelegenheit. Zwar sterben in der Schweiz jährlich bis zu 300 Menschen an Lungenkrebs infolge Radon-Exposition. Aber nur geschätzt zehn der Fälle betreffen Haushalte mit einer Radon-Konzentration über 300 Bq/m3. Die allermeisten der von Radon verursachten Lungenkrebsfälle würden durch Belastungen in Häusern verursacht, die den Grenzwert gar nicht erreichen. «Demnach können diese Haushalte von Messungen und Sanierungen auch nicht profitieren», so Bucher. Flächendeckende Sanierung würde pro Jahr höchstens zehn Schweizer vor dem Lungenkrebstod retten. Davon seien mehr als 95 Prozent Raucher. Buchers Schlussfolgerung: Breite Messkampa­gnen sind teuer und wirkungslos.

Betroffene Gebäude sind schwierig zu finden

Bei grob geschätzt 2 bis 4 Prozent aller Gebäude im Kanton Luzern vermutet die Dienststelle mehr als 300 Bq/m3 in bewohnten Räumen. Diese Gebäude müssten in Zukunft radonsaniert werden. Jedoch weiss man nicht, welche Gebäude es sind. «Sie zu finden, ist ein enormer Aufwand», sagt Bucher. Die meisten hätten auch Werte unter 600 Bq/m3, womit keine akute Gefahr für die Bewohner bestehe. Eine gezielte Suche sei darum nicht gerechtfertigt. Der Radon-Experte schlägt vor, stattdessen in die Ausbildung von Baufachleuten zu investieren. Die sollten sich mit Radon auskennen. Ein Beispiel sind thermische Sanierungen. Da werden oft neue, luftdichte Fenster eingesetzt. Hier braucht es Nachström­öffnungen mit Wärmetauscher, um genügend Lüftung und Druckausgleich auch bei geschlossenen Fenstern zu garantieren. Sonst strömt irgendwoher Luft nach, «im dümmsten Fall aus dem Keller mit Radon drin». Bucher ist überzeugt, dass die Belastung aller Häuser künftig sinkt, wenn es mehr Baufachleute im Land gibt, die auf solche Details achten.

Das Radon-Risiko hänge stark von der Aufenthaltszeit in den belasteten Räumen ab, sagt Christian Ruckstuhl, Geschäftsleiter der In Net Monitoring AG, die zu den Radon-Fachstellen im Kanton Luzern gehört. «Wer sich in einem radonbelasteten Keller einen Hobbyraum eingerichtet hat, wird stärker belastet als jemand, der ihn nur als Lagerraum nutzt.» Die Fachstelle bekommt Beratungsanfragen für Neubauten und Altbauten. «Bei einer richtigen Bauweise und der Berücksichtigung von einigen elementaren Massnahmen ist Radon in Neubauten in der Regel kein Problem», sagt Ruckstuhl.

Um Radon am Eintritt in das Gebäude zu hindern, muss die erdberührende Gebäudehülle dicht sein. Dazu braucht es eine durchgehende Bodenplatte. Die Wände sollten aus Beton bestehen. Sehr wichtig auch: luftdichte Zu- und Ableitungen für Strom, Wasser, Abwasser. Wer erdberührende Wohnräume im Gebäude hat, kann über eine Entlüftung unter dem Fundament nachdenken. Dadurch entsteht der Unterdruck nicht im Gebäude, sondern unterhalb. Bei Sanierungen empfiehlt Ruckstuhl eine genaue Bestandsaufnahme. «Oft gibt es in Altbauten ohne durchgehende Bodenplatten oder in Gebäuden mit Naturkellern ein Radon-Problem», so Ruckstuhl. Die Kosten für eine Radon-Sanierung übersteigen laut Ruckstuhl schnell 10 000 Franken. Bei Neubauten seien die Kosten für Massnahmen im Verhältnis zur gesamten Bausumme vernachlässigbar.


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