Diese Unternehmen trifft der Klimawandel am härtesten

RISIKOANALYSE ⋅ Die Folgen des Klimawandels können die Börsenkurse von Unternehmen beeinflussen. Ein Jungunternehmen aus Zürich hat dazu eine Art Stresstest entwickelt. Dieser zeigt: Gewisse Firmen könnten mit hohen Kosten konfrontiert sein.
09. Oktober 2017, 05:00

Andreas Lorenz-Meyer

Tropische Wirbelstürme entstehen über dem Meer ab einer bestimmten Wassertemperatur. Sie gefährden Menschenleben und richten grossen wirtschaftlichen Schaden an. Bei den Hurrikans Harvey und Irma, die den Süden der USA heimsuchten, sollen es bis zu 200 Milliarden US-Dollar sein. Man schätzt, dass «Irma» allein die Versicherer bis zu 50 Milliarden US-Dollar kostet.

Keine Frage, der Klimawandel wirkt sich auf Unternehmen und Finanzmärkte aus. In Zukunft noch stärker als heute. Denn die Ozeane erwärmen sich wohl weiter, dadurch treten häufiger tropische Wirbelstürme auf. Auch dürfte es an Land öfter Dürren geben, und die haben genauso ökonomische Folgen. Wird China, grösster Baumwollproduzent, von Trockenheit heimgesucht, schiesst der Preis für den Rohstoff in die Höhe. Auch staatliche Regulationen treffen Unternehmen. Ein Gesetz zur Besteuerung von CO2-Emissionen kostet Mineralölkonzerne viel Geld.

Bald so normal wie ein Kreditrating

Investoren, die sich fragen, was die Veränderungen für ihr Portfolio bedeuten, können sich an das Zürcher Start-up Carbon Delta wenden. Es berechnet, welches Risiko der Klimawandel für den Unternehmenswert darstellt. «Climate Value-at-Risk» heisst das Produkt. Die Analyse zeigt dem Investor, ob es ratsam ist, das Unternehmen im Portfolio zu behalten. Unternehmen fragen nach der Bewertung ihrer eigenen Klimawandel-Resilienz. Was aus Sicht von Oliver Marchand, CEO und Mitgründer von Carbon Delta, die Legitimität der Analysen bestätigt. «Für Unternehmen ist es oft schwierig, ihre eigene Position zu beurteilen und genug Arbeitskraft für das Thema Klimawandel zu bündeln.» Carbon Delta arbeitet mit dem Potsdam Institut für Klimafolgenforschung zusammen, die Finanzdaten kommen hauptsächlich von der US-amerikanischen Firma Factset. Durch Verbindung der Daten berechnet man die Klimarisiken von über 25 000 weltweit tätigen Konzernen. Die Berechnungen bestehen aus Millionen von Datenpunkten und fast 300 000 Zeilen Computercode.

So etwas findet man bei den wenigsten ESG-Datenprovidern, betont Marchand. ESG steht für «environmental and social governance» und beschreibt die zentralen Faktoren, die zur Messung von Nachhaltigkeit eines Investments oder eines Unternehmens herangezogen werden. Entscheidend für Marchand ist die Datenausrichtung: «Wir produzieren nur in die Zukunft gerichtete Kennzahlen. Historische Daten betrachten wir sehr wenig.» Zudem analysiere man den Klimawandel von allen Seiten: Extremwetter, Klimatrends wie Wasserknappheit, Technologien und Klimaschutzregulationen.

Voraussagen macht Carbon Delta keine. Es geht um einen Stresstest, bei dem man den Einfluss eines bestimmten Klimaszenarios auf den Börsenkurs ausrechnet. Ein Beispiel: Die Erderwärmung wird auf 2 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau begrenzt. Nun wird die notwendige Menge CO2 berechnet, die jedes Unternehmen in der Datenbank reduzieren müsste, um die 2 Grad zu erreichen. Danach multipliziert man das Ergebnis mit dem wahrscheinlichsten Marktpreis von CO2 unter den Marktbedingungen, die bei Einhaltung der 2-Grad-Marke gelten. Marchand: «Das gibt uns einen Anhaltspunkt, wie sich die Kosten im Vergleich zu den Finanzen des Unternehmens bewegen und wie die Kosten den Börsenkurs beeinflussen.»

Marchand hat früher als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Meteo Schweiz ein Gewitterwarnsystem entwickelt. Da gibt es tatsächlich Gemeinsamkeiten mit der heutigen Klimarisikoanalyse, obwohl «Climate Value-at-Risk» eher ein ökonomisches Modell ist. Eines, das zu bitteren Erkenntnissen führen kann. Marchand: «Wir haben Unternehmen in unserem System, die unter einem 2-Grad-Szenario so gut wie wertlos wären.»

Doch wen trifft der Klimawandel am härtesten? Oft werden Kohle und Öl/Gas-Unternehmen genannt, auch Energieproduzenten. Laut Marchand trifft es aber viel mehr Industrien. Dazu gehören grosse CO2-Emittenten – Zement, Stahl, Aluminium. Und Unternehmen, die von den physischen Folgen des Klimawandels betroffen sind: Landwirtschaft, Immobilien, Versicherungen. Auch Airlines müssen aufpassen. Marchand glaubt, dass sich Klimarisikoanalysen durchsetzen: In wenigen Jahren würden sie so normal sein wie ein Kreditrating.


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