Goldgräberstimmung behagt Fintech-Experte nicht

KRYPTOWÄHRUNG ⋅ Der Schweizer Spiros Margaris hat mit Fintech-Investments ein Vermögen gemacht. Die aktuelle Goldgräberstimmung behagt ihm aber nicht.
09. November 2017, 08:22

Daniel Zulauf

«Die Schweiz ist das falsche Land für eine erfolgreiche Fintech-Industrie», sagt Spiros Margaris, den wir kürzlich an der Jubiläumstagung der Schweizerischen Gesellschaft für Organisation in Zürich trafen. Normalerweise gibt der 52-jährige Ostschweizer seine Meinungen per Twitter weiter, schliesslich wusste er schon lange vor Donald Trump, dass diese Form der Kommunikation weit effizienter ist als lange Gespräche mit einzelnen Journalisten.

Margaris gehört nach Massgabe der Messmethode einer ­einschlägigen Online-Marketing­firma (Onalytica) zu den wichtigsten «Influencern», den einflussreichsten Stimmen, in der weltweiten Fintech-Industrie. Das Twitter-Konto des Einzelunternehmers zählt 36'000 Follower, und unter diesen sollen sich besonders viele Personen mit weitgehender Entscheidungsmacht befinden. Was Margaris zwitschert, hallt fünf Millionen Mal pro Monat zurück.

Unternehmen läuft die Zeit davon

«In der Schweiz ist Bescheidenheit eine Tugend. In meiner Welt kommt man damit aber nirgends hin», sagt er und verweist auf die USA, wo die grosse Mehrheit der erfolgreichsten Internetfirmen beheimatet ist. «Ich sage dort sofort, wie wichtig ich im Fintech-Umfeld bin.» In der Schweiz oder in Deutschland komme Zurückhaltung besser an. «Man sagt zum Beispiel, man habe viel Glück gehabt und lässt den Gesprächspartner sich selber überraschen, wenn er die Bedeutung seines Gegenübers erkennt.»

Ein erfolgreiches Marketing in eigener Sache ist in Margaris’ Geschäft offensichtlich bares Geld wert. Ende September wurde er von der jungen kanadischen Internetfirma Glance Pay als Berater angeheuert. Damals notierte die ausserbörslich gehandelte Aktie noch bei 35 Cents. Inzwischen wird der Titel zu über 1 Dollar gehandelt. Die kanadische Online-Investorenpublikation Baystreet.ca spricht von einem «Celebrity Boost», welche die Ankunft des Schweizer Risikokapitalgebers dem Start-up-Unternehmen gegeben habe.

«Es gibt unzählige von kleinen Fintech-Firmen, die ans Licht streben», sagt Margaris. «Manche haben gute Ideen, aber es fehlt an der nötigen Publicity.» Vielen Unternehmen läuft die Zeit davon. «Der Markt ist selektiver geworden. Das Geld fliesst nicht mehr so leicht wie auch schon.» Die Anschubfinanzierung für ein Fintech-Unternehmen reicht im Durchschnitt für etwa zwei Jahre.

Danach braucht die Firma entweder ein marktfähiges Produkt, das bereits Erträge bringt, oder die Investoren müssen nochmals in die Tasche greifen. Mit der App von Glance Pay lässt sich die Zahlung einer Restaurantrechnung quasi mit einem Fotoklick am Smartphone erledigen – eine einleuchtende Idee, mit der Restaurantbetreiber ihr Servierpersonal entlasten können. Doch der Charme einer Geschäftsidee geht schnell verloren, wenn es um deren Kommerzialisierung geht. Wie lässt sich die App von Glance Pay über Vancouver hinaus verbreiten? «Viele Gründer wünschen sich insgeheim, dass ihre Firma von einer grossen Bank oder Versicherung übernommen wird», weiss Margaris. Übernahmen und Fusionen sind in jüngerer Zeit denn auch gehäuft zu beobachten. Im Sommer liess sich der digitale Schweizer Versicherungsmakler Knip von der niederländischen Technologiefirma Komparu übernehmen. Knip war eine Vorzeige­firma der Schweizer Fintech-­Industrie, die vor zwei Jahren mit 15 Millionen Franken die bislang grösste Anschubfinanzierung in der Schweiz erhalten hatte. Erst vor wenigen Tagen liess sich die hochgelobte Software-Spezialistin Bexio von Swiss Life umarmen. Margaris will nicht ausschliessen, dass solche Transaktionen in Zukunft häufiger zu beobachten sein werden. Nach der ersten Welle scheint die Fintech-Branche in eine erste Konsolidierungsphase einzutreten.

Wer weder schnell genug den Weg zum Markt noch den Anschluss an einen starken Partner findet, riskiert, ins Gras zu beissen. Im Zuger Crypto Valley geben die Probleme des einstigen Flaggschiffs Monetas zu reden. Die Firma baut an einer Technologie, die den Zahlungsverkehr ohne Banken revolutionieren soll. Gründer Johann Gevers entliess im vergangenen Jahr alle Mitarbeiter. Ein ähnliches Schicksal erlebte auch die Zürcher Centralway, die sich 2012 ganz unbescheiden aufgemacht hatte, die erste Mobile-Banking-App zu bauen. Die Firma hat im Sommer 50 Leute entlassen.

Die in die Ecke gedrängten Fintech-Unternehmer hoffen derweil, ihre Finanzierungsengpässe auf dem Markt für neue Kryptowährungen decken zu können. Mit Blick auf die Vorgänge rund um Tezos im Zuger Crypto Valley wird es selbst dem Berufsoptimisten Margaris etwas mulmig. Ohne die Hintergründe zu kennen, sagt der Investor: «Ich will nicht spüren, dass es primär ums Geld geht. Sonst werde ich misstrauisch.»


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