Reiselustige buchen wieder früher

TOURISMUS ⋅ Die Reiselust der Schweizer Bevölkerung ist ungebrochen. Besonders die Baby-Boomer verhelfen dem gebeutelten Wirtschaftszweig der Reisebüros zu einem zweiten Frühling.
13. September 2017, 05:04

Daniel Zulauf

Das grosse Reisebürosterben ist vorbei. Diese Prognose wagt Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbandes, im zweiten Jahr, in dem sich die Branche nach einer langen Durststrecke nicht mehr nur nach hinten orientieren muss. Kunz präsentierte gestern in Zürich die jährliche Lageanalyse der im Endkundengeschäft (Retail) tätigen Schweizer Reiseveranstalter, und diese gibt den breit definiert immer noch rund 10000 Angestellten in dem Wirtschaftszweig Grund zu mehr Zuversicht – vor allem mit Blick auf die Erfahrungen aus der zurückliegenden Dekade. In den vergangenen zehn Jahren hat in der Schweiz fast jedes zweite Reisebüro den Betrieb eingestellt. Die Konsolidierung werde in den nächsten Jahren zwar weitergehen, weil manche ältere Reisebürounternehmer keine Nachfolger fänden, sagte Kunz. Doch auf keinen Fall werde sich der Schrumpfungsprozess im bisherigen Ausmass fortsetzen.

In der mittleren Zukunft können die verbleibenden Reisebüros sogar auf ­einen zweiten Frühling hoffen. Die Branche profitiert nämlich in zunehmendem Mass von der Baby-Boomer-Generation, die sich nach einem finanziell oft erfolgreichen Berufsleben langsam mit der Pensionierung beschäftigt oder teilweise bereits dort angekommen ist. «Die älteren Leute reisen viel häufiger als früher, und sie möchten dieses Vergnügen im Gegensatz zu den einst beliebten Seniorenreisen nicht mehr nur mit ihren Altersgenossen erleben», sagt Kunz. «Die demografische Entwicklung ist für das Geschäft der Reisebranche sehr hilfreich», bestätigt Christian Laesser, Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St. Gallen. «Ich gehe von einer steigenden Nachfrage aus.»

Kunden wollen Wahl selber treffen

Solche Aussagen lassen sich indirekt auch aus den Umfrageergebnissen des Reiseverbandes herauslesen. Zwar ist der durchschnittliche Umsatz eines Reisebüros im Jahr 2016 von 3,1 Millionen Franken auf 2,9 Millionen Franken gesunken, und der Umsatz pro Mitarbeiter schrumpfte gleichzeitig von 970000 Franken auf 880000 Franken. Doch die Büros haben es im Durchschnitt verstanden, ihr Renditeniveau bei 1,2 Prozent zu verteidigen. Daraus kann abgeleitet werden, dass die Veranstalter im Durchschnitt mehr an jeder verkauften Reise verdienen als im Vorjahr. Die Feststellung geht einher mit der anhaltend rückläufigen Nachfrage nach Pauschalreisen.

Eine wachsende Mehrheit der Reisebüro-Kunden lässt sich bei der Auswahl von Hotels und Transportwegen offenbar zwar weiter gerne beraten, will aber die Wahl letztlich selber treffen. Solche «Individualreisen» decken gemäss der Umfrage bereits 69 Pozent der Nachfrage ab und sind für die Vermittler deutlich lukrativer als Pauschalangebote.

Die abenteuerlustigen Seniorinnen und Senioren gehen allerdings auch beträchtliche Risiken ein. Das zeigt sich unter anderem daran, dass die Prämien für umfassende Reiserversicherungen in den vergangenen zehn Jahren um rund 30 Prozent gestiegen sind, wie Thomas Tanner, Chef der zum Helvetia-Konzern gehörenden Europäischen Reiseversicherung in Basel, erklärt. «Menschen aus der Baby-Boomer-Generation trauen sich zwar oft noch grosse Reisen zu, aber in der Realität ist ihre Rücktrittsrate wesentlich höher als jene jüngerer Generationen.» Der Versicherer hat deshalb für Menschen ab Alter 65 einen Selbstbehalt von 10 Prozent auf annulierte Reiseleistungen infolge Krankheit oder Unfall eingeführt. Gemäss Angelo Eggli von Allianz Global Assistance hat die emsige Reisetätigkeit der Silber-Generation sowohl die Schadenhäufigkeit als auch die durchschnittliche Schadenlast pro Fall deutlich nach oben getrieben. So wie die Margen der Reisebüros steigen, dürften auch die Prämien der Versicherer weiter zunehmen.

Video: Schweizer gönnen sich jedes Jahr drei Mal Ferien

Der Schweizer Reise-Verband untersuchte in zwei Studien das Reiseverhalten der Schweizer Bevölkerung 2016/17. Individualreisen liegen bei Schweizerinnen und Schweizern im Trend. (Silva Schnurrenberger/sda, 12. September 2017)




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