Schweizerische Nationalbank

Krisenmodus und kein Ende

Balz Bruppacher über über die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank.
13. August 2017, 04:38

Ein breit abgestütztes Wirtschaftswachstum von gut anderthalb Prozent, eine Arbeitslosenquote, die gegen drei Prozent sinkt, und eine leicht steigende Teuerung. In normalen Zeiten würde man von einem sorgenfreien Wirtschaftsausblick sprechen. Und die Notenbank würde darauf achten, die geldpolitischen Zügel nicht allzu stark schleifen zu lassen, um eine Überhitzung der Konjunktur zu verhindern. Schön wär’s!

Denn zehn Jahre nach dem Beginn der Finanzkrise ist «business as usual» für die Schweizerische Nationalbank (SNB) nach wie vor ein Fremdwort. Zwar gab es für die Währungshüter in den letzten Wochen insofern einen Lichtblick, als sich der Franken gegenüber dem Euro seit Mitte Juli deutlich und überraschend schnell abschwächte. Das weckte nicht nur Hoffnungen in der Exportwirtschaft und im Tourismus. Sondern die Nationalbank konnte auch bei ihren Interventionen gegen die Frankenaufwertung eine höchst willkommene Pause einlegen.

Die letzten Tage zeigten aber, wie wenig es braucht, bis die internationalen Geldströme wieder Zuflucht in der Schweizer Valuta suchen. Der Franken machte innerhalb von 24 Stunden den grössten Kurssprung seit der Aufhebung der Euro-Untergrenze von Anfang 2015, nachdem sich die Präsidenten Nordkoreas und der USA mit verbalen Provokationen gegenseitig übertroffen hatten. Es ist mit anderen Worten alles andere als klar, wohin sich der Franken in Zukunft bewegt. Auch im Euroraum sind neue Krisen nicht ausgeschlossen.

Wäre bei einem Eurokurs von immer noch deutlichüber 1,10 Franken nicht der Zeitpunkt gekommen, den riesigen Devisenberg mit Verkäufen et­was abzubauen? Wohl kaum, denn solche Käufe von Franken gegen Euro würden den Franken tendenziell wieder stärken und wären ein falsches Signal an Spekulanten. Laut den jüngsten Daten hat sich der Bestand an Fremdwährungen nochmals deutlich erhöht, auf einen Ge­­gen­­­wert von 714 Milliarden Franken Ende Juli. Das sind 20 Milliarden mehr als einen Monat zuvor und hauptsächlich die Folge der Höherbewertung des Euro und anderer Devisen.

Ungemütlich ist die Lage für die Währungshüter vor allem deshalb, weil ein Ende des Krisenmodus erst dann in Sichtweite kommt, wenn die Europäische Zentralbank aus ihrer ultralockeren Geldpolitik aussteigt. Ein Alleingang der SNB würde die Attraktivität des Frankens umgehend wieder erhöhen. Experten rechnen auch 2018 mit Negativzinsen. Und die mit Devisenreserven aufgeblähte Bilanz wird für die Notenbank zur Nagelprobe für ihre Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit.

Politiker und Interessenvertreter überbieten sich mit Vorschlägen für eine «sinn­volle» Nutzung der SNB-­Gewinne und des «Volksvermögens». Auf den Finanzmärkten wird die Nationalbank angesichts ihres Anlagepotenzials als Hedge Fund apostrophiert.

Börsianer unterstellen der Notenbank, sie fördere die Blase auf den Aktienmärkten. «Was passiert, wenn die Schweizer verkaufen?», fragten angelsächsische Analysten nach dem Bekanntwerden der Milliardenbeteiligungen der SNB an US-Konzernen wie Apple, Google und Facebook (vergleiche auch Artikel auf Seite 9). Und hierzulande wird von der Nationalbank gefordert, sie solle ihre Anlagen auf die Klimaverträglichkeit prüfen und auf Investitionen in Rüstungskonzerne verzichten.

Balz Bruppacher


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