Nachhaltigkeitschefin: «Manchmal sind die Erwartungen zu hoch»

GLENCORE ⋅ Seit eineinhalb Jahren ist Anna Krutikov beim Rohstoffgiganten Glencore für die Nachhaltigkeit zuständig. In ihrem ersten Interview nimmt sie Stellung zu diversen Vorwürfen und sagt, warum Transparenz nicht immer einfach sei.
11. Oktober 2017, 05:00

Interview: Livio Brandenberg und Christopher Gilb
 

Anna Krutikov, wie ist es, als Nachhaltigkeitschefin eines Konzerns zu arbeiten, der immer wieder hart kritisiert wird für seine Tätigkeit und seinen Umgang mit der Natur?

Ich finde den Job spannend! Sehen Sie: Der Bergbau ist eine schwierige, herausfordernde Branche. Das war schon immer so. Doch wir, auch als Branche, haben eine riesige Chance, Positives zu bewirken in den Ländern, in denen wir tätig sind. Ich weiss, jeder sagt das, doch daran glaube ich wirklich. Wir schaffen Jobs, wir bauen Infrastruktur auf, wir helfen lokalen Geschäften – Dinge, die es in vielen Ländern vorher nicht gab. 
 

Wie gehen Sie mit der Kritik um?

Es wird immer Kritiker geben, die fundamental gegen Minen und den Rohstoffabbau sind. Doch was wir in unseren Gesprächen mit allen Beteiligten und Betroffenen merken, ist, dass der Dialog und dadurch das Verständnis füreinander zunehmen. Das betrifft alle Involvierten: uns, unsere Kunden, die Bevölkerung, Nichtregierungsorganisationen, also NGO, lokale Behörden und so weiter. Das ist ermutigend.
 

Sie sprechen die fundamentalen Kritiker an. Im neuen Dokumentarfilm «Trading Paradise» wird Glencore stark kritisiert für seine Aktivitäten, etwa in Peru und Sambia. Haben Sie den Film gesehen?

Ja.
 

Was sagen Sie zu den Vorwürfen?

Zuerst: Wir waren sehr offen mit dem Filmteam. Sie haben mit unseren Mitarbeitern in Peru und in Sambia gesprochen und sie haben unserem CEO Ivan Glasenberg interviewt. Ich kritisiere zwei Dinge: Aus unserer Sicht ist der Film nicht ausgewogen, was wir bedauern. Wir haben dem Regisseur diverse Projekte, wo wir vor Ort Positives tun, gezeigt, die nun nicht vorkommen, beispielsweise eine Trainingsanlage für Lehrlinge in Sambia. Das ist schade. Zweitens: Der Film ist drei Jahre alt. Gefilmt wurde 2014. Und drei Jahre sind eine lange Zeit, in der viel passiert.
 

Und zu den konkreten Vorwürfen, dass eine Glencore-Kupfermine in der peruanischen Provinz Espinar das Wasser verschmutze und dass es dadurch zu Missbildungen bei Tieren und Krankheiten bei Menschen gekommen sei?

In dieser Region gibt es zwei Flüsse, einer ist der Rio Salado. Wie es der Name sagt, ist dieser salzhaltig, daher ist dieses Wasser nicht geeignet für den menschlichen Konsum, das war es nie. Sondern für den Ackerbau und das Vieh. Die Quelle des Flusses ist in der Nähe einer Thermalquelle, daher enthält das Wasser natürlicherweise Schwermetalle. Diese Werte bewegen sich allerdings nicht auf einem giftigen Level. Daher verursachen sie auch keine Krankheiten beim Vieh oder bei anderen Tieren. Sie sterben auch nicht deswegen.  Wir haben zusammen mit der peruanischen Umweltbehörde mehrfach untersucht, ob die Mine einen Einfluss auf die Qualität des Wassers des Rio Salado hat. Und was die Auswirkungen auf den Ackerbau, die Gesundheit der Menschen und jene der Tiere sind. Dabei wurden keine Anhaltspunkte gefunden, die auf einen Einfluss der Mine hindeuten.
 

Und wie kam es dann zu den Missbildungen der Tiere?

Dazu gab es eine spezielle Untersuchung. Herausgekommen ist, dass die Missbildungen mit schlechter Zucht und schlechter Ernährung zu tun hatten.

 

Mit dem Wasser ist also alles OK?

Alle Untersuchungsresultate, die wir je erhalten haben, zeigen, dass die Mine keinen negativen Einfluss auf das Wasser hat.
 

Im «Schattenreport» über die Aktivitäten Glencores in Südamerika, der diesen Sommer veröffentlich wurde, steht allerdings, dass die peruanische Umweltbehörde mehrere Strafen gegen Glencore verhängt hat, auch wegen des Wassers.

Mir sind keine solchen Strafen oder Bussen im Zusammenhang mit der Wasserqualität des Flusses bekannt. Was wir aber anerkennen, ist, dass die Gemeinde Mühe hat, an trinkbares Wasser zu kommen. Nicht aufgrund der Mine, sondern weil es, wie vorher erwähnt, kein Trinkwasser ist. Also haben wir dort vor ein paar Jahren eine Kläranlage gebaut. Bevor die Anlage lief, hatten die Leute vor Ort rund zwei Stunden Zugang zu klarem Wasser. Jetzt sind es zehn Stunden. Wir arbeiten mit den Behörden daran, die Verfügbarkeit auf 24 Stunden zu erweitern. Als grosse Firma, die dort tätig ist, sehen wir es als unsere Verantwortung an, hier zu helfen. In «Trading Paradise» wird dies leider nicht gezeigt.

 

Im Film kritisiert eine lokale Bäuerin Glencore und sagt, sie fürchte um ihr Leben, wenn sie sich zu stark wehre.

Wir kennen diese Frau ziemlich gut. Wir haben Abmachungen mit den Bauern dort. Wir kaufen ihnen Wolle oder Milch ab. Und diese Bäuerin hat uns auch schon ihre Produkte verkauft. Sie spricht häufig mit uns, ich glaube also nicht, dass sie um ihr Leben fürchtet. Es hat mich erstaunt, dass sie das gesagt hat. Übrigens: Die Rohprodukte, die wir den Bauern dort abkaufen, werden in der Molkerei D’Altura weiterverarbeitet, etwa zu Joghurt oder zu Käse. Diese Lebensmittel werden dann in grossen Supermärkten in ganz Peru verkauft. Dieser Herstellungsprozess untersteht strengen Qualitätskontrollen. Und die Tiere, welche die Milch geben, trinken aus dem Fluss. Hätte es also ein Problem mit dem Wasser gegeben, hätten diese Lebensmittel nie die Qualitätstests bestanden.

 

Wenn alles so schön wäre, wie Sie sagen, warum sollten dann diese Leute Glencore so stark kritisieren. Diese Anschuldigungen müssen doch eine gewisse Basis haben?

Ich habe nicht gesagt, alles wäre schön und gut. Peru ist kein einfaches Land und die Mine ist in einer Region, die hoch gelegen in den Bergen und relativ arm ist. Es ist kein einfaches Leben, welches die Leute dort haben. Ich war vor drei Wochen gerade dort. Ich verstehe, dass diese Leute teilweise das Gefühl haben, vernachlässigt worden zu sein.

 

Sie sprechen die Vernachlässigung der lokalen Bevölkerung an. Ein Vorwurf an Glencore ist, dass vor allem die eigenen Leute von den Investitionen vor Ort profitieren.

Wir unterscheiden zwei Arten von Infrastruktur: die eine ist jene, die wir für unsere Aktivitäten bauen und dann für die lokale Bevölkerung noch ausbauen. Ein Beispiel: Wir bauen eine Strasse, die wir brauchen um beispielsweise zu einer Mine fahren zu können. Wir sehen dann, dass, wenn wir diese Strasse noch um 5 Kilometer verlängern, ein Dorf direkten Zugang zu einem anderen Dorf erhält. Dann erweitern wir sie. In erster Linie brauchen also wir die Strasse, aber wir stellen sicher, dass auch die Öffentlichkeit sie nutzen kann. Die zweite Art sind grössere Projekte für eine ganze Region. Dafür haben wir Rahmenabkommen, so auch in Peru, die besagen, dass 3 Prozent unseres vorsteuerlichen Gewinns in einen Gemeinde-Fonds bezahlt werden muss. Dieses Geld wird dann investiert etwa in Spitäler, Kläranlagen oder eben die bereits erwähnte, Molkerei. Also auch Infrastruktur, aber nicht solche, die wir zwingend brauchen, sondern sie kommt vollständig der Bevölkerung zu Gute. Das Ganze wird von einer Stiftung überwacht, in dessen Rat acht Leute sitzen, unter anderem aus der Gemeinde und der Lokalregierung. Wir haben einen Sitz. Klar, wir wollen mitreden, wie das Geld ausgegeben werden soll. Doch bestimmen können wir nicht. Jede Person hat eine Stimme.

 

Lassen Sie uns über die Mopani-Mine in Sambia reden, die auch im Film vorkommt. Durch Schwefeldioxid verschmutzte Luft soll dort ganze Ernten vernichtet haben.

Auch diese Bilder wurden im Frühling 2014 gefilmt. Einige Monate danach nahmen wir eine moderne Entgiftungsanlage in Betrieb. Denn die Mopani-Mine gibt es seit 1933, sie ist also sehr alt. Als wir sie im Jahr 2000 übernahmen, wollten wir sie vorübergehend stilllegen und aufrüsten. Doch die Sambische Regierung verbot dies, weil sie um die Arbeitsplätze fürchtete. Also mussten wir die Mine auf einen neueren Stand bringen während sie in Betrieb war. Das ist enorm schwierig. Wir konnten kontinuierlich mehr Giftstoffe auffangen. Jetzt haben wir diese neue Anlage, die 95 Prozent der giftigen Stoffe auffängt.

 

Die Bewohner des an die Mine angrenzenden Dorfes berichten aber von anhaltenden Giftausstössen.

Was der Film ausser Acht lässt, ist, dass in Sambia regelmässig der Strom ausfällt. Wenn dies passiert, muss die Mine jedes Mal von Grund auf wieder raufgefahren werden, bis sie gewisse Temperaturen erreicht. Da kann es zu Emissionen kommen, etwa wie wenn ein Auto gestartet wird. Muss also die Mine «neu gestartet» werden, informieren wir die Bevölkerung und stellen medizinisches Personal zur Verfügung, darunter ein Notfallteam, falls sich jemand unwohl fühlen sollte. Manchmal sind auch die Erwartungen an Glencore ein wenig zu hoch.

 

Wie meinen Sie das?

In Sambia beispielsweise erwartet die Gemeinde, dass die Mopani-Mine alle Probleme löst. Man ist etwa zu uns gekommen und hat verlangt, dass wir die Müllabfuhr übernehmen. Doch wir sagten, das sei Aufgabe der Gemeinde, dafür ist sie ja da. Wir boten aber auch an zu helfen, indem die Müllabfuhrlastwagen gratis an unserer Tankstelle tanken können. Wir wollen aber ganz grundsätzlich, dass die Leute vor Ort nicht zu sehr von den Minen abhängig sind, denn die Minen werden irgendwann verschwinden.

 

Was tun Sie, um dies zu erreichen?

Wir sagen ihnen, dass sie sich Gedanken machen sollen, was sie tun wollen, um Geld zu verdienen, unabhängig zu sein und vorwärts zu kommen. Bei einer Kohlemine in Kolumbien, die noch maximal 15 Jahre laufen wird, haben wir ein Programm gestartet, um herauszufinden, was diese Leute danach machen wollen. Das ist ein schmerzhafter Prozess, doch sie sind zum Schluss gekommen, dass sie professionelle Landwirtschaft betreiben wollen. Jetzt unterstützen wir sie, zeigen ihnen unter anderem, was es heisst, einen Betrieb wirtschaftlich zu führen.

 

Wie oft sind Sie persönlich vor Ort, um sich ein Bild zu machen?

Etwa einmal im Monat bin ich unterwegs und besuche einen unserer Standorte.

 

Wollen Sie als Nachhaltigkeitschefin auch mehr in die Öffentlichkeit treten, mehr kommunizieren?

Wir sind so offen, wie wir können und sprechen mit allen Interessensvertretern, auch den NGO und den Leuten vor Ort. Doch offen zu sein, ist ein Prozess, der nicht immer einfach ist. Man wacht nicht eines Morgens auf und ist transparent. Und klar: Wenn man immer wieder das Ziel von Kritik ist, die man selber als ungerechtfertigt wahrnimmt, dann kann es schwierig sein, sich hinzustellen und zu sagen: «Komm, lasst uns reden». Zugegeben: Wir haben wohl eine gewisse Zeit gebraucht, um in diese Rolle hineinzuwachsen. Wir haben aber gesehen, wie positiv sich das auswirken kann. Gerade, wenn man mit den Leuten vor Ort spricht. Das sind gute Partnerschaften, doch es braucht Zeit, solche aufzubauen. Wir haben in den letzten Jahren hart daran gearbeitet, um transparenter zu werden. Und das nicht nur, wenn es gut läuft, sondern auch bezüglich jenen Bereichen, wo es Probleme gibt.

 

Wo gibt es am meisten Verbesserungspotenzial?

Bei den Partnerschaften mit den lokalen Gemeinden. Wir wollen sie noch stärker unterstützen. Wir sind beispielsweise keine Landwirtschaftsexperten, doch wir können noch mehr mit Organisationen zusammenarbeiten, die das Wissen haben, und dieses dann der lokalen Bevölkerung zugänglich machen. Hier ist es auch wichtig, dass das Geld nicht in der Korruption versandet. Wir unterstützen die EITI, eine internationale Initiative, die Transparenz fordert. Wir veröffentlichen also die Zahlungen, die wir an Regierungen leisten, und die Regierungen müssen diese Beträge ebenfalls ausweisen. Idealerweise stimmen die Summen überein. Tun sie es nicht, sieht man schnell, wo das Problem liegt.

 

Wie gross ist der Interessenkonflikt zwischen der Einhaltung der Menschenrechte und der Maximierung des Gewinns?

Ich verstehe nicht, warum diese Frage immer wieder aufkommt. Wir machen keine Zugeständnisse, was die Einhaltung von Menschenrechten angeht. Punkt. Das würde langfristig auch keinen Sinn ergeben, denn dann hat man eine wütende Bevölkerung auf der Türschwelle. Es gibt also keinen Interessenkonflikt zwischen der Achtung der Menschenrechte und dem Betreiben von Minen. Wir befolgen hier strikt alle Regeln der UNO-Richtlinien.

 

Kommen wir noch zur Konzernverantwortungsinitiative: Glencore stellte klar, dass man die Initiative «grundsätzlich gut» finde, aber denke, sie nütze nichts. Wieso?

Wir unterstützen das Ziel hinter der Initiative «Für verantwortungsvolle Unternehmen», namentlich die Umsetzung von internationalen Richtlinien im Bereich der Corporate Social Responsibility, aber nicht die angedachten Massnahmen. Die Schweiz ist im internationalen Vergleich bereits sehr stark, wenn es um die Umsetzung solcher Richtlinien geht.

 
Hinweis
Anna Krutikov (37), geboren in Moskau, wuchs in New York auf. Sie studierte Internationale Beziehungen und Entwicklungsforschung. Bevor sie 2012 zu Xstrata in Zug und dann durch die Fusion 2013 zu Glencore kam, arbeitete Krutikov in London als Finanzanalystin im Bereich Bergbau mit Fokus auf Nachhaltigkeit. Seit eineinhalb Jahren ist sie Nachhaltigkeitschefin von Glencore.
 

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