Firma bekämpft Würmer mit Viren

PFLANZENSCHUTZ ⋅ Ein invasiver Schädling frisst sich derzeit durch die Getreidefelder Afrikas und gefährdet die Ernten. Eine umweltverträgliche Lösung bietet die Andermatt Biocontrol AG aus Grossdietwil.
07. Dezember 2017, 05:00

Raphael Bühlmann

Schädlinge in landwirtschaftlichen Kulturen sind zu bekämpfen. Weltweit kommen Pestizide, Gentechnik oder wahlweise auch Nützlinge oder Mikroorganismen zum Einsatz. Letztere spielen insbesondere im biologischen Landbau eine zentrale Rolle, da der Einsatz von Spritzmitteln eingeschränkt ist. Und da Bio derzeit in aller Munde ist, ist dieser natürliche Pflanzenschutz gefragter denn je. Wobei nicht nur, wie ein Beispiel in Afrika zeigt.

Der Fall «Armyworm» oder Herbst-Heerwurm macht seinem Namen derzeit alle Ehre. Von den amerikanischen Kontinenten her überquerte das Insekt den Atlantik, wo es südlich der Sahara, mangels natürlicher Fressfeinde, zur biologischen Invasion ansetzte. Binnen weniger Monate frassen sich die Raupen durch die Plantagen des halben Kontinents. Anfang 2016 erstmals an der Westküste dokumentiert, kämpfen heute Bauern in 28 afrikanischen Ländern auf breiter Front gegen den Schädling.

20 Prozent der Maisernte in Südafrika sind bedroht

Denn der Schädling ist nicht wählerisch. Hirse, Kartoffeln, Soja, Erdnüsse oder Reis stehen auf seinem Speiseplan. Vor allem aber Mais, ein wichtiges Grundnahrungsmittel in Afrika. Das Centre for Agriculture and Bioscience International im englischen Wallingford rechnet damit, dass 2018 rund 20 Prozent der gesamten Maisproduktion im südlichen Afrika vom Herbst-Heerwurm betroffen sein werden. Dies entspräche einem Schaden von 2,2 bis 5,5 Milliarden US-Dollar. Eine grosse Lücke in der Ernährungssicherheit wäre zu erwarten.

Die Welternährungsorganisation (FAO) hat deshalb unlängst eine Krisensitzung einberufen und über mögliche Massnahmen diskutiert. Dabei unter anderem empfohlen wurde eine biologische Bekämpfungsstrategie, weil man bei synthetischen und grossflächig eingesetzten Pflanzenschutzmitteln Resistenzen und gesundheitliche Konsequenzen für die Bauern fürchtet.

Das «Arsenal» für diese biologischen Bekämpfungsmassnahmen ist bereits vorhanden und wird unter anderem bei einer Zentralschweizer Firma entwickelt. Die Andermatt Biocontrol AG aus Grossdietwil LU, spezialisiert auf die biologische Schädlingsbekämpfung, hatte es bereits vor Jahren mit einem nahen Verwandten des Herbst-Heerwurms zu tun. «Das damals entwickelte Virus wirkt auch gegen den Herbst-Heerwurm», erklärt Philip Kessler, Bereichsleiter für internationale Marktentwicklung bei Andermatt Biocontrol. Bei Feldversuchen in Kamerun hätte der Schaden um 50 Prozent reduziert werden können. Nun hofft man in Afrika und Grossdietwil auf eine rasche und unbürokratische Genehmigung für den Einsatz in den betroffenen Gebieten.

Eine solche Genehmigung im Schnellverfahren gab es für Andermatt Biocontrol bereits vor vier Jahren. 2013 sprang man in die Bresche und veranlasste eine Notregistrierung in Brasilien. Damals erhielt man die Genehmigung für Insektenviren zur Bekämpfung der Baumwollkapselraupe, welche in Südamerika binnen weniger Monate Milliardenschäden verursachte. In Afrika seien die Voraussetzungen ­allerdings ungleich schwieriger.

«In Brasilien mussten wir Grossgrundbesitzer, die Tausende von Hektaren bewirtschaften, beliefern. In Afrika geht es um Kleinstbauern. Der Zugang und die Distribution sind eine Herausforderung. Zudem wollen wir vor dem Hintergrund einer drohenden Hungerkrise Lösungen anbieten können, die für die Bauern nachhaltig und erschwinglich sind», so Kessler. Deshalb sei man in Afrika auch auf die Unterstützung der FAO angewiesen. Gleich sei allerdings, dass sowohl in Brasilien als auch in Afrika die Angst vor Resistenzen gross ist. Andermatt Biocontrol, die sich bereits seit 30 Jahren dem biologischen Pflanzenschutz verschrieben hat, rechnet auch in Zukunft damit, dass biologische Lösungen in der grossflächigen Landwirtschaft immer bedeutender werden.

100 Mitarbeiter setzen 20 Millionen Franken um

«Bio ist heute nicht mehr das einzige Argument. Immer wichtiger ist, dass viele synthetische Mittel schlicht nicht mehr ­wirken.» ­ Für Philip Kessler sind die gegen chemische Pflanzenschutzmittel resistenten Schädlinge eine der grossen Herausforderungen der industrialisierten Landwirtschaft. Ein zwar bedenklicher Umstand, der sich aber für Andermatt Biocontrol auszuzahlen scheint. Durch die «brasilianische Baumwollkrise» verdoppelte man in Grossdietwil Umsatz und Belegschaft.

Knapp 100 Vollzeitbeschäftigte setzen heute pro Jahr rund 20 Millionen Franken um, Tendenz steigend.


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