Nestlé wird zum Kaffeestar

ÜBERNAHME ⋅ Der Schweizer Nahrungsmittelgigant schluckt eine amerikanische Kaffeehauskette, die unter «Kaffee-Snobs» einen Kultstatus geniesst. Was steckt dahinter?
16. September 2017, 04:40

Renzo Ruf, Washington

Die ersten Kommentare der loyalen Kundschaft hatten einen bitteren Beigeschmack. «Eine weitere kleine Firma, die geschluckt wird», sagte ein Kunde der Kaffeehauskette Blue Bottle Coffee, als sich am Donnerstag eine findige Reporterin des «San Francisco Chronicle» erkundigte, was er denn von der neuen Mehrheitsbesitzerin Nestlé halte. «Es ist schade», sagte ein anderer Kaffeetrinker. Und eine dritte «Blue Bottle»-Kundin gab zu Protokoll, dass eine Firma mit Wurzeln im Grossraum San Francisco und ein anonymer Multi schlicht nicht zusammenpassten. Schliesslich legt man an der Westküste grossen Wert auf Authentizität und individuelle Betreuung. Auf den sozialen Netzwerken fielen die Reaktionen noch harscher aus. «Gratulation, dass Sie Ihre Seele verkauft haben», schrieb ein (ehemaliger) Stammkunde an die «Blue Bottle»-Besitzer.

James Freeman, Gründer der Kaffeehauskette, widersprach. Die Übernahme von 68 Prozent der «Blue Bottle»-Aktien durch Nestlé – für angeblich rund 500 Millionen Dollar – sei mehr oder weniger eine Garantie dafür, dass sein Unternehmen Kurs halten könne. «Wir müssen nicht an die Börse gehen. Wir müssen keine Mittel mehr aufbringen. Wir müssen nicht mehr mit den Bankern sprechen», sagte Freeman dem «Chronicle». Zudem habe Nestlé die Garantie abgegeben, dass «Blue Bottle» unter dem Konzerndach komplette Autonomie geniessen werde. Dazu passt: Freeman beantwortete die Fragen der Lokalzeitung, während er in einer «Blue Bottle»-Niederlassung in Oakland Kaffee ausschenkte.

Auf Marktlücke gestossen

Freeman, ein talentierter Klarinette-Spieler, gründete sein erstes Kaffeehaus im Jahr 2002 in Oakland (Kalifornien). Der Name war eine Hommage an Georg Frank Kolschitzky, der gemäss einer hartnäckigen Legende im 17. Jahrhundert eines der ersten Wiener Kaffeehäuser («Zur blauen Flasche») gründete.

Um gegen die Konkurrenz von Starbucks & Kompanie Bestand zu haben, gab Freeman seinen Kunden ein Versprechen ab: «Blue Bottle» werde nur qualitativ hochstehende Kaffeebohnen verwenden, die innerhalb der vergangenen 48 Stunden geröstet worden seien. Freeman fand rasch heraus, dass er auf eine Marktlücke gestossen war – und dass es in florierenden Grossstädten an der West- und Ostküste der USA genügend «Kaffee-Snobs» – so werden Kaffeeliebhaber in Amerika mehr oder weniger liebevoll genannt –, gebe. Heute betreibt «Blue Bottle» in den Metropolen San Francisco, New York, Los Angeles sowie in der Hauptstadt Washington insgesamt 35 Kaffeehäuser. Hinzu kommen sechs Niederlassungen in der japanischen Hauptstadt Tokio.

Gemäss einer Nestlé-Pressemitteilung will «Blue Bottle» an diesem Expansionskurs festhalten. Bis Ende des Jahres sollen rund ein Dutzend weitere Niederlassungen eröffnet werden, in Boston, Miami und gerüchteweise in Südkorea. Nestlé sagt, die Übernahme «unterstreiche» die Ausrichtung des Konzerns, der stärker in «wachstumsstarke Kategorien» investieren und Konsumententrends aufgreifen wolle, wie Konzernchef Mark Schneider sagte. Von der «Blue Bottle»-Übernahme profitieren übrigens auch die Investoren, die in den vergangenen Jahren Geld in das Unternehmen gesteckt hatten. Zu den prominentesten Anlegern gehören etwa der Schauspieler und Sänger Jared Leto, U2-Frontmann Bono, Instagram-CEO Kevin Systrom, Twitter-Co-Gründer Evan Williams und Skateboard-Legende Tony Hawk.


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