Raiffeisen wird durchleuchtet

ST. GALLEN ⋅ Unabhängige Ermittler unter der Leitung von Bruno Gehrig nehmen Raiffeisen Schweiz genau unter die Lupe. Im Zentrum stehen die zahlreichen Beteiligungskäufe seit 2005.
12. April 2018, 07:44

Noch immer sitzt der ehemalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz in Untersuchungshaft. Sie dauert bereits seit Anfang März.

Unterdessen will die drittgrösste Bank der Schweiz Vertrauen von Kunden zurückgewinnen und ihr Image aufpolieren. Dafür sind nun unabhängige Ermittler auf den Plan gerufen worden, die interne Untersuchungen anstellen sollen. Die Leitung ist dem ehemaligen Swiss-Life-Präsidenten Bruno Gehrig übertragen worden. Er wird unterstützt von der Zürcher Anwaltskanzlei Homburger. Gehrig ist ein Mann mit Gewicht am Finanzplatz. Schliesslich war er Mitglied der Eidgenössischen Bankenkommission, einer Vorläuferin der ­Finanzmarktaufsicht, Mitglied im Direktorium der Schweizer Nationalbank, Verwaltungsrat bei der UBS. Aktuell ist er Verwaltungsrat der Bank Maerki Baumann, der Investec Bank und der Zürcher Wirz-Gruppe.

Der Wirtschaftsprofessor verspricht Unabhängigkeit und schonungslose Aufklärung bei seinen Untersuchungen. In einem Schreiben heisst es: «Meiner Rolle kommt eine besondere Bedeutung zu, da auch der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung Teil des Prüfgegenstandes sind. Ich werde die Resultate der Untersuchung unabhängig und ohne Rücksicht auf interne Betroffenheit würdigen können.»

Im Zentrum der Untersuchung stehe ausserdem die Frage, ob es beim Erwerb von Be­teiligungen durch Raiffeisen Schweiz oder ihrer Tochtergesellschaften seit 2005 zu Unregelmässigkeiten gekommen sei. Zu diesem Zweck würden alle rund 100 Beteiligungen wie Leonteq, Avaloq, Investnet oder das Nicht-US-Geschäft Wegelins einer Risi­koanalyse unterzogen und gegebenenfalls detailliert analysiert, schreibt Raiffeisen.

Ob es bei Lippenbekenntnissen und vollmundigen Ankündigungen bleibt, wird der Untersuchungsbericht aufzeigen. Immerhin hat Raiffeisen schon zuvor drei Gutachten erstellen lassen, um Firmenbeteiligungen unter Chef Vincenz zu untersuchen. Zu grösseren Konsequenzen kam es dabei aber nicht. Die neuerliche Untersuchung betrifft nun auch die Rolle des aktuellen Chefs und vormaligen Stellvertreters von Vincenz, Patrik Gisel. Der begeisterte Triathlet kennt sich mit Ausdauer und Durchhaltewillen aus. Bislang rüttelt der Verwaltungsrat nicht an seiner Position.

Stefan Borkert


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