Türkische Regierung lebt über ihre Verhältnisse

LIRA ⋅ Der Absturz der Lira, zurückhaltende Investoren oder das wachsende Handelsdefizit – in der Türkei drehen die Indikatoren auf Rezession. Die Situation könnte sich schnell verschärfen, falls die Regierung die nahenden Wahlen im Fokus behält.
12. April 2018, 07:50

Gerd Höhler, Athen

Die vergangene Woche endete schlecht für die türkische Lira, und die neue hat nicht gut begonnen. Seit letztem Mittwoch müssen die Türken für einen US-Dollar mehr als vier Lira bezahlen. Und an diesem Montag stieg der Euro erstmals über die Marke von fünf Lira. Binnen einer einzigen Woche hat die türkische Landeswährung im Vergleich zum Euro rund 3 Prozent verloren. Seit Januar sind es über 10 Prozent.

Am Dienstag setzte sich die Talfahrt der Währung fort. Die Lira gab zum Dollar um weitere 0,6 Prozent nach. Der Istanbuler Börsenindex fiel um 2,6 Prozent.

Nicht nur ausländische Anleger meiden die Lira. Auch immer mehr Türken tauschen ihr Geld in Euro oder Dollar, um ihre Ersparnisse zu retten. Nach Angaben des türkischen Bankenverbandes BDDK summierten sich die Fremdwährungsguthaben im Februar auf umgerechnet 215 Milliarden Dollar. Das waren immerhin 46 Prozent aller Einlagen. Dabei handelt es sich je zur Hälfte um Konten von Privatkunden und Firmenkonten.

Volkswirte warnen vor einer Rezession

Die Flucht aus der Lira signalisiert schwindendes Vertrauen in die türkische Wirtschaft. Zwar glänzte das Land im vergangenen Jahr mit einem Rekordwachstum von 7,4 Prozent und übertraf damit sogar China. Aber für viele Volkswirte ist der Boom ein Alarmsignal. Denn das Wachstum geht vor allem auf das Konto von Subventionen, Steuervergünstigungen und Kreditbürgschaften, mit denen die Regierung Produktion und Verbrauch ankurbelt. Der Preis dafür ist eine anhaltende Inflation, die seit acht Monaten nicht mehr unter 10 Prozent gefallen ist.

Aber nicht nur der Kaufkraftschwund schwächt die Lira. Die türkische Wirtschaft kämpft mit Strukturschwächen. Abzulesen sind diese vor allem an einer defizitären Handelsbilanz. Diese sank im März gegenüber dem Vorjahr um fast 28 Prozent auf 5,8 Milliarden Dollar. Obwohl die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr wieder steigen, erreichte das Leistungsbilanzdefizit im Januar auf Zwölfmonatssicht knapp 50 Milliarden Dollar, gegenüber 33,6 Milliarden ein Jahr zuvor. Die Zielvorgabe der Zentralbank, das Leistungsbilanzdefizit bis Ende dieses Jahres auf 40 Milliarden zu drücken, rückt damit schon jetzt in weite Ferne. Der wachsende Fehlbetrag zeigt: Die Türkei lebt über ihre Verhältnisse, sie importiert zu viel und exportiert zu wenig. Viele Volkswirte fürchten, dass die Überhitzung der Wirtschaft früher oder später zu einem Absturz in die Rezession führen wird. Verschärft werden die Probleme dadurch, dass weniger ausländisches Kapital in die Türkei fliesst. Investoren und Anleger halten sich zurück. Das hat auch politische Gründe. Letzte Woche kam die Lira unter starken Druck, als an den Finanzmärkten Gerüchte über eine Entlassung des für Wirtschaftsfragen zuständigen Vizepremiers Mehmet Simsek kursierten. Er habe sich mit Staatschef Recep Tayyip Erdogan überworfen, hiess es. Der frühere Investmentbanker gehört zu den wenigen Politikern der Erdogan-Regierung, die in Wirtschafts- und Finanzkreisen Ansehen geniessen. Die Regierung und Simsek selbst dementierten inzwischen das angebliche Zerwürfnis.

Erdogan hat kein Interesse, die Inflation zu senken

Aber die Verunsicherung bleibt. Dafür sorgt auch der Dauerstreit Erdogans mit der Zentralbank. Die Währungshüter könnten die heissgelaufene Konjunktur und den Lira-Verfall durch Zinserhöhungen bremsen. Aber Erdogan lässt das nicht zu. Er fordert sogar Zinssenkungen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Im nächsten Jahr stehen Kommunal-, Parlaments- und Präsidentenwahlen an. Zinserhöhungen, die das Wachstum dämpfen würden, kann Erdogan vor dem Superwahljahr nicht gebrauchen.

Stattdessen kündigte die Regierung ein neues Wachstumsprogramm an. Mit Steuervergünstigungen und Subventionen sollen 23 Entwicklungsprojekte gefördert werden, um die Innovationskraft und Wertschöpfung der türkischen Industrie zu steigern. So gut das langfristig auch klingt, den aktuellen Verfall der Lira wird die Regierung damit kaum bremsen können. Analysten veranschlagen, dass die türkische Währung trotz der massiven Kursverluste der vergangenen Wochen immer noch rund 15 Prozent überbewertet ist.


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