Scharfe Medizin für Monsieur Prix

MEDIKAMENTENPREISE ⋅ Generikafirmen und Apotheker lassen kein gutes Haar an den Vorschlägen des Preisüberwachers. Sie fordern gleich lange Spiesse statt neuer Regulierungen.
15. November 2017, 07:42

Balz Bruder

Der Chef der Generika-Vereinigung findet deutliche Worte an die Adresse des Preisüberwachers: «Mit seinem Auslandpreisvergleich handelt Stefan Meierhans einmal mehr fahrlässig», sagt Axel Müller. Hintergrund der Kritik des Chefs der führenden Generikafirmen der Schweiz ist die Feststellung des Preisüberwachers, dass die Generikapreise der jeweils günstigsten Medikamente hierzulande mehr als doppelt so hoch sind als im Durchschnitt von 15 europaischen Vergleichslandern.

Müller moniert, der Vergleich berücksichtige nur die Preise und stelle sie nicht in Relation zur Leistung. Was der Intergenerika-Geschäftsführer damit meint: «Statt wie bei den patentfreien Originalpräparaten Gleiches mit Gleichem zu vergleichen, werden unterschiedliche Produkte nur aufgrund der Wirkstoffmenge verglichen.» Das sei methodisch schlicht falsch. Ganz abgesehen davon, dass das Preisniveau in der Schweiz – nicht nur bei den Medikamenten – generell höher sei als in den EU-Vergleichsländern.

«Patienten werden verunsichert»

Der Preisvergleich von Monsieur Prix ist das eine, der Forderungskatalog, den er daraus ableitet, das andere. Kern desselben ist die Einführung eines Referenzpreissystems, das Höchstbeiträge für die Erstattung von Medikamentenpreisen durch die Krankenkassen festschreiben soll. «Ungeeignet und nicht erforderlich», sagt Müller. Zwar würden die Medikamenten­preise kurzfristig gesenkt, die Gesundheitskosten mittel- und langfristig aber wieder angehoben, weil Ärzte teilweise auf die Verschreibung von patentierten Originalpräparaten auswichen, um den Patienten die Zuzahlung in der Apotheke zu ersparen.

An diesem Punkt treffen sich die Argumentationen von In­tergenerika und Pharmasuisse: «Erfahrungen aus Ländern mit Referenzpreissystem zeigen, dass erstens der Medikamentenverbrauch steigt, weil Preissenkungen zu Mengenausweitungen bei Generika führen – und zweitens der Gebrauch von patentierten, teureren Medikamenten ­zunimmt, die nicht dem Me­­­­cha­nismus des Referenzpreises unterliegen», sagt Pharma­suisse-Präsident Fabian Vaucher. Für ihn ist klar: «Patienten werden durch den ständigen Wechsel der Medikamente verunsichert. Dies hat zur Folge, dass sie die Medikamente entweder schlechter einnehmen oder mehrfach, weil sie unterschiedliche mit dem gleichen Wirkstoff zur Hand haben.» Das sei der falsche Weg, betont Vaucher.

Doch das ist nicht die einzige Kritik an den Forderungen des Preisüberwachers. Ebenso auf dem Magen liegt den Generikafirmen und Apotheken die Abschaffung des Territorialprinzips. Sie würde bedeuten, dass vom Arzt verschriebene Medikamente aus der EU ohne Zulassung des Heilmittelinstituts Swissmedic importiert werden könnten. Pharmasuisse-Generalsekretär Marcel Mesnil sagt: «Es kann nicht sein, das die Behörden uns die gleichen Ein- und Verkaufsmöglichkeiten wie die der EU-Apotheken verwehren und gleichzeitig den Einkauf im Ausland fördern.»

«Für heimische Industrie schädlich»

Noch weiter geht Intergenerika-Chef Müller: «Der Preisüberwacher stellt indirekt die Zulassungsbehörde in Frage.» Das sei für einen souveränen Staat wie die Schweiz fatal und für die heimische Industrie schädlich. «Die Abhängigkeit vom Ausland in der Medikamentenversorgung würde massiv zunehmen», sagt Müller mit Verweis auf die «selbstverschuldete Antibiotika-Falle», die das Resultat des Rufs nach immer billigeren Medikamenten sei und die Schweiz in die Abhängigkeit von indischen und chinesischen Herstellern geführt habe.

Keine gute Entwicklung: Die Patientensicherheit und die Gewähr, dass keine illegalen Medikamente abgegeben werden, stehen für PharmaSuisse bei den vom Preisüberwacher gestellten Forderungen auf dem Spiel. Der Weg müsse ein anderer sein, findet Intergenerika.

Dass Apotheker und selbstdispensierende Ärzte heute bestraft würden, wenn sie günstigere Generika abgeben, sei ein Unding. «Wir fordern gleich lange Spiesse für alle, egal ob Arzt oder Apotheker», sagt Axel Müller, «denn ihre Dienstleistung hängt nicht davon ab, ob ein Originalpräparat oder ein Generikum verschrieben wird.»


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