Schindler konzentriert Kräfte in China

AUFZÜGE ⋅ Der Luzerner Lifthersteller hat in einem Aussenbezirk von Schanghai einen riesigen Campus eröffnet. Wir haben uns vor Ort einen Eindruck verschafft.
16. Mai 2017, 05:00

Roman Schenkel, Jiading/Schanghai

roman.schenkel@luzernerzeitung.ch

Sechs Meter pro Sekunde. Ying Feng Cai weist stolz auf das Tempo des Aufzugs hin. Ohrensausen macht sich bemerkbar. In weniger als einer Minute ist das oberste Stockwerk, das 70., des 320-Meter-Hochhauses erreicht. Cai ist zufrieden. Er arbeitet bereits seit dem Jahr 2000 für Schindler und ist seit Oktober verantwortlich für das Neuinstalla­tionsgeschäft in der Provinz Schanghai. 88 Lifte und 56 Rolltreppen konnte er für dieses Hochhaus verkaufen. Zuoberst auf der Helikopterplattform bietet sich ein toller Blick auf die Sykline Schanghais. Cai zeigt auf zwei weitere Hoch­häuser, die in unmittelbarer Nähe in die Höhe wachsen. Auch sie werden mit Schindler-Liften ausgerüstet.

Obschon der Markt in China auch in diesem Jahr stockt, in der 24-Millionen-Metropole boomt das Liftgeschäft. Wie Pilze schiessen die Hochhäuser im Finanzviertel Pudong aus dem Boden. Sie sind meist nach demselben Muster konzipiert. Ein oder zwei Gebäude nebeneinander, die zu einem Teil oder ganz an Banken oder Versicherungen vermietet werden. In den untersten Geschossen oder einem Verbindungsbau gibt es Restaurants, Läden, Fitnesscenter, Kinos. Jedes Gebäude ist eine Art Stadt in der Stadt.

Eine der grössten Investitionen der Firmengeschichte

1980 ist Schindler mit dem ersten industriellen Joint Venture eines westlichen Unternehmens mit der Volksrepublik China überhaupt im chinesischen Markt gestartet. Einem erfolgreichen Start folgte die Ernüchterung. Wegen limitierter Entwicklungsmöglichkeiten als Staatsunternehmen zog sich Schindler später aus China zurück. Gleichzeitig nutzte die Konkurrenz das geebnete Terrain und verschaffte sich einen grossen Vorsprung. Erst 2001 wurde Schindler wieder im chinesischen Markt aktiv. 2008, als der heutige Schindler-Präsident Silvio Napoli die Verantwortung für das China-Geschäft übernahm, starteten die Schweizer ihre Aufholjagd. Zu bedeutend war der chinesische Markt geworden, um ihn links liegen zu lassen. «In China ist für die Liftbranche ein zweiter Planet entstanden», pflegt der im März als Präsident zurückgetretene Haupt­aktionär Alfred N. Schindler zu sagen. Zwei Drittel aller weltweit neuinstallierten Aufzüge werden hier verkauft.

Auf diesem zweiten Planeten will Schindler nun zum grossen Sprung ansetzen. Der Rückstand auf die Konkurrenz soll verringert werden. Für dieses Vorhaben hat Schindler viel Geld in die Hand genommen. In Jiading, einem Aussenbezirk von Schanghai, hat das Unternehmen für 240 Millionen Franken einen Campus errichtet. Sämtliche Produktionsaktivitäten in China werden hier zusammengezogen, die Forschung und Entwicklung, ein Ausbildungszentrum und der Hauptsitz von Schindler China sind ebenfalls in Jiading angesiedelt. Es ist eine der grössten Investitionen der über 140-jährigen Firmengeschichte.

Vergangene Woche wurde der Campus offiziell eröffnet. Die Dimensionen sind riesig. Auf einer Fläche so gross wie 50 Fussballfelder stehen eine Aufzugsfabrik, eine Fahrtreppenproduktion (laut Schindler die grösste ihrer Art) und eine Treppenstufenproduktion. Herz der «Schindler City» sind die vier Gebäude in der Mitte des Geländes: das Ausbildungszentrum, die Forschungs- und Entwicklungsabteilung, das Kundenzentrum und das Managementgebäude mit über 150 Ingenieuren. Insgesamt arbeiten in Jiading 2000 Leute für das Liftunternehmen. Der Testturm kann zwar mit den Wolkenkratzern von Pudong nicht mithalten, in Jiading ragt er mit seinen 200 Metern aber einsam in die Höhe.

Als Schindler 2012 mit den Bauarbeiten begonnen habe, sei ringsum alles noch grün gewesen, erzählt Jörg Mächler; er hat den Aufbau des neuen Schindler-Campus geleitet. Inzwischen hat die rasant wachsende Industrie Schanghais die Reisfelder verdrängt. «Viele unserer lokalen Mitarbeiter waren in ihrem früheren Leben Bauern», erzählt Mächler. Die Wahl auf den Standort fiel nicht zufällig. Mehr und mehr internationale Firmen bauen hier ihre Produktion auf. Volkswagen und Firestone sind die direkten Nachbarn. Auch Otis, der US-Konkurrent der Schweizer, will in der Nähe ein neues Forschungs- und Entwicklungszentrum aufbauen. In der näheren Umgebung sind auch die Zu­lieferer von Schindler. Und der Exporthafen Schanghais ist nur rund 40 Kilometer entfernt. «Bei den wachsenden Volumen ist eine effiziente Logistik der Schlüssel», sagt Mächler.

Schindler-Präsident Napoli ist stolz auf den Fortschritt in China. «Der Campus ist ein Kernstück in unserer Wachstumsstrategie hier, er ist so etwas wie das Mutterschiff für unsere Aktivitäten in China.» Schindler benötige die grösseren Kapazitäten, um das Wachstum zu unterstützen. «Entstanden ist ein echter Campus, der modern und traditionell zugleich ist», sagt Napoli. Modern, weil Schindler sich von den US-Techfirmen Google und Apple hat inspirieren lassen. Napoli hat sich dafür sogar die Apple-Büros in Cupertino angeschaut. Traditionell, weil Schindler für die Gebäude des Campus 2,5 Millionen Stück alte Backsteine verwendet hat. «Diese sind rund 300 Jahre alt und stammen von alten chinesischen Gebäuden», erzählt Napoli.

Lift mit dem Smartphone bestellen

Mit dem neuen Produktionsstandort sei Schindler ganz vorne im chinesischen Markt dabei, sagt Napoli. Noch ist der Rückstand auf die Konkurrenz beträchtlich. Der finnische Hersteller Kone, die US-Firma Otis und der japanische Mitbewerber Shanghai Mitsubishi liegen bezüglich Marktanteil laut der britischen Bank Barclays deutlich vor Schindler (siehe Grafik). Doch die Schweizer haben in den letzten Jahren Boden gutgemacht. Barclays schätzt den aktuellen Marktanteil von Schindler auf rund 10 Prozent. «Als ich 2008 in Schanghai begonnen habe, war das noch ganz anders», so Napoli. Schindler war damals ein Nischenplayer. Heute könne Schindler dank chinaspezifischer Produkte, des gutausgebildeten Teams, der geogra­fischen Abdeckung und der höheren Produktionskapazität stark wachsen, so Napoli.

In einem Land, in dem auf den Strassen Massen an lautlosen Elektromotorrädern herumsirren und im kleinsten Tante-Emma-Laden mit WeChat, der chinesischen, aber weiterentwickelten Kopie des US-Kurznachrichtendienstes WhatsApp, bezahlt werden kann, ist die Technologie von Schindler begehrt. «China hat eine führende Rolle in Sachen Innovation und Digitalisierung», sagt Schindler-CEO Thomas Oetterli. Das zeige sich auch bei den Aufzügen, die häufig mit technischen Spielereien ausgestattet seien. Die Port-Technologie von Schindler, welche die Fahrzeit mit Liften in Hochhäusern stark verringert, sei bei hiesigen Investoren hoch im Kurs. Doch alles muss schnell weiterentwickelt werden. «Der Lebenszyklus eines Produktes ist hier viel kürzer als in Europa. Wir müssen laufend in neue Technologien investieren», sagt Oetterli. In der neusten Version von Port lässt sich der Aufzug zum Beispiel schon mit dem Smartphone bestellen.

In China sei Schindler in der «Komfortzone», schreiben die Analysten von Barclays. Die Luzerner Firma scheint gerüstet, den «zweiten Planeten» im zweiten Anlauf definitiv zu erobern. Und danach? Wo liegt der dritte Planet? «Afrika hat wahrscheinlich viel Potenzial», meint Napoli, «aber das wird erst nach meiner Zeit passieren.»


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