Schweizer Bankiers scheuen die Freiheit

FINANZPLATZ ⋅ Zu viel Vertrauensvorschuss ist für die Banken nicht gut. Das haben die Finanzinstitute aus der Geschichte gelernt. Die Arroganz vergangener Jahre ist spätestens seit der Finanzkrise verflogen.
17. September 2017, 07:41

Daniel Zulauf

«Was unterscheidet den Menschen vom Schimpansen?», fragte einst der Berner Troubadour Mani Matter in einem seiner ­tiefgründigen Lieder. Es seien allein die Hemmungen, die uns daran hindern, gewisse Grenzen zu überschreiten, stellte er fest. 45 Jahre nach dem Tod des Sängers wird das Lied in der Schweiz auch von den nachkommenden Generationen weitergehört. Matters Ermahnung kam in einer Zeit, in der die rigide staatliche Autorität der Nachkriegsjahre gerade am Aufbrechen war. Es waren bleierne Jahre, die den damaligen Studenten genauso wie den seinerzeitigen Bankern in schlechter Erinnerung sind.

Oswald Grübel, der sich als Retter der UBS und der Credit Suisse selber ein Denkmal auf dem Schweizer Finanzplatz schuf, erzählte vor vier Jahren in einem Interview: «Als ich in den Sechzigerjahren bei der Deutschen Bank zu arbeiten anfing, gab es überall in der Finanzbranche diesen Beamtenmief.» Talentierte, kraftvolle und ehrgeizige junge Leute wie er, die nach einem selbstbestimmten Leben trachteten, erlebten ohne Zweifel eine lähmende, ungemein langweilige Zeit. «Erst mit der Globalisierung kam der frische Wind», erinnerte sich Grübel weiter. Über die zwanzig Jahre, die er ab 1971 für die CS in London verbrachte, sagte er: «Da konnte man spüren, wie schnell das Geschäft wuchs und die Welt immer kleiner und kleiner wurde.»

Kaum Forderungen an die Politik

Die Erinnerung an alles, was danach kam, ist in den Köpfen der heute noch tätigen Bankergeneration noch frisch vorhanden. Es folgten hemmungslose Jahre, in denen es den Banken gelang, die Regierungen vom Segen einer ­deregulierten Finanzbranche zu überzeugen. Im Fahrwasser Amerikas wurden rund um den Globus die Vorschriften gelockert und die Finanzmärkte befeuert. Selbst die Notenbanken liessen sich vor den Karren spannen.

In der Schweiz sind die angriffigen Töne, wie sie die Bankiers vor der Finanzkrise gegenüber Politik und Behörden mit Selbstverständlichkeit anzuschlagen pflegten, nicht mehr zu hören. Am Donnerstag zelebrierten sie ihren Bankiertag. Das jährliche Treffen unter der Ägide der Schweizerischen Bankiervereinigung war einst die Plattform, auf der die Branche ihre wirtschaftliche Macht demonstrierte, um ihren vielen Forderungen an die Politik mehr Geltung zu verschaffen.

Zurück zur Bürokratie

Es gab eine Zeit, in der die Schweizer Banken drohten, den Abschluss der heute als unverzichtbar geltenden bilateralen Verträge mit der EU zu torpedieren, wenn die Schengener Verträge nur schon an der Oberfläche das Bankgeheimnis anritzen könnten. Man kann sich eine derartige Arroganz des Finanzplatzes gegenüber allen anderen Wirtschaftszweigen im Land kaum mehr vorstellen. Heute gehört es zum guten Ton eines Schweizer Bankierpräsidenten, Asche über das eigene Haupt zu streuen. Das tat heuer auch Herbert Scheidt, der in Anwesenheit von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann wie schon sein Amtsvorgänger Patrick Odier die vielfältige Mitschuld der Banken an der Finanzkrise Revue passieren liess.

Was die im Zug der Krise notwendig gewordene Regulierung anbelangt, stellt der höchste Schweizer Bankier mit Bedauern «Übertreibungen und Masslosigkeit» auf Seiten der Behörden fest. Alles, was er daraus ableitete, war die Forderungen nach einem einstweiligen «Marschhalt» in der Regulierung. Die Schweizer Banken predigen den «partnerschaftlichen Dialog» (Scheidt) mit Regierung und Behörden und lassen Donald Trump im Weissen Haus den Deregulierungskanon allein singen. Warum? Es gibt dafür nur eine plausible Antwort: Die Schweizer Banken haben gelernt, dass ­ihnen zu viel Freiheit und zu viel Vertrauensvorschuss sehr schlecht bekommen kann. Sowohl im Streit um die vermissten Gelder der Holocaust-Opfer als auch in den noch nicht vollständig ausgestandenen Konflikten um das Bankgeheimnis hatten die Finanzinstitute erschreckend wenig Einsicht und noch viel weniger Weitsicht bewiesen.

Diese Erfahrung muss der Grund sein, dass die Branche heute insgeheim froh darüber ist, wenn sie in den Behörden und der Politik auf starke Figuren trifft, die ihr in einer komplexeren Welt auch ein Stück Führung versprechen. Die Welt, die einst Mani Matter besang, war eine homogene Welt, in der selbst die Hemmungslosen eine klare Vorstellung von den damals geltenden Normen hatten. In einer globalisierten Welt gilt es, diese Normen neu zu verstehen.

Wenn die Banken der Freiheit nun mit Scheu begegnen, ist dies gewiss eine gute Lektion aus vergangenen Fehlern. Doch es gibt auch ein Risiko, wie es Grübel in dem besagten Interview treffend beschreibt: «Weil es in Zukunft ganz generell für Regelverstösse drakonische Strafen hageln wird, wird automatisch eine Generation von Bankern herangezüchtet, die alle Regeln kennt und diese pedantisch einhält. Wir gehen also in eine Zeit, in der die Bürokratie aufleben wird.» So sah doch Grübels Welt in den Sechzigerjahren aus, bevor alles begann.


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