Schweizer zahlen weiterhin für Handynutzung in der EU

ROAMING ⋅ Am Donnerstag schafft die EU die Roaminggebühren innerhalb der Union ab. Die Schweiz bleibt aussen vor.
14. Juni 2017, 21:33

Wer im Ausland mit dem Handy telefoniert oder im Internet surft, der bezahlt Roaminggebühren. Diese stellen sich die Mobilfunkgesellschaften gegenseitig in Rechnung, damit sie zum Beispiel Anrufe ausländischer Nutzer auf ihren Netzen durchleiten. Wer sein Handy aber ohne Auslandoption oder Bündelangebote nutzt, erlebt nach den Ferien oder der Geschäftsreise eventuell sein blaues Wunder in Form einer gesalzenen Rechnung.

In der EU hat sich die Politik nach langem Ringen darauf geeinigt, die Roaminggebühren in der EU und im EWR per Donnerstag abzuschaffen. In der Schweiz hingegen sind alle Bemühungen zur Deckelung der Tarife am Widerstand von Politik und Telekombranche gescheitert. Damit bleibt die Schweiz das einzige Land weit und breit, wo die Roaminggebühren noch anfallen. Schweizer Telekomanbieter erhalten im Verkehr mit der EU nicht die regulierten Einkaufspreise, und Schweizer Handynutzer müssen weiterhin Roaminggebühren für die Nutzung des Handys über Mobilfunknetze in der EU zahlen.

Dabei geht es um eine erkleckliche Summe: Im Jahr 2015 beliefen sich die Roamingumsätze aller Schweizer Telekomanbieter auf 625 Mio. Franken. Der Grossteil davon entfalle auf die EU und den EWR, heisst es beim Bundesamt für Kommunikation (Bakom). Allerdings sind die Roamingumsätze in der Schweiz in den letzten Jahren markant gesunken. 2010 waren es noch 926 Mio. Franken. Neben Preissenkungen der Schweizer Telekomanbieter ist dafür auch die steigende Beliebtheit von Bündelangeboten verantwortlich, in denen eine gewisse Roamingbenutzung pauschal enthalten ist.

Roamingtarife schon lange ein Ärgernis

Schon 2004 bezeichnete der Preisüberwacher die Roamingtarife als «möglicherweise überhöht». 2007 forderte er den Bundesrat auf, ein Roamingabkommen mit der EU zu prüfen. Zuvor hatte diese erstmals Obergrenzen für die Nutzung des Handys im Ausland eingeführt. Mehrere politische Vorstösse scheiterten aber allesamt im Parlament. Ohne bilaterales Abkommen können die EU-Telekomfirmen nicht gezwungen werden, den Schweizer Mobilfunkgesellschaften die regulierten Grosshandelspreise anzubieten. «Die winden sich jetzt schon sehr stark im Hinblick auf die Abschaffung der Roaminggebühren in der EU», sagt der Präsident der eidg. Kommunikationskommission (Comcom), Stephan Netzle. Und laut Salt-Chef Andreas Schönenberger verlangen EU-Anbieter von den Schweizern eher wieder höhere Gebühren im Hinblick auf sinkende Einkünfte aus dem Roaming in der EU.

Lukratives Geschäft für Schweizer Telekomfirmen

Ein bilaterales Roamingabkommen mit der EU steht aber nicht weit oben auf der Agenda des Bundesrats. Denn einerseits seien die Schweizer Roamingpreise in den letzten Jahren schon markant gesunken. Andererseits komme eine isolierte bilaterale Vereinbarung derzeit nicht in Frage, sagt Netzle. Würde die Politik wiederum einseitig Höchstpreise für Swisscom, Salt und Sunrise einführen, ginge das voll zu Lasten der Schweizer Anbieter. Denn die ausländischen Telekomfirmen würden weiterhin Roaminggebühren verlangen. Auch wäre eine verordnete Preisobergrenze, wie sie Konsumentenschutzorganisationen fordern, laut Netzle rechtlich und politisch nicht durchsetzbar, weil ein Eingriff in die Vertragsfreiheit. «Wir sind der Meinung, dass Preise das Resultat des Wettbewerbs sind.»

Die Schweizer Telekombranche selber ist gegen eine Abschaffung der für sie lukrativen Roaminggebühren durch eine Regelung wie in der EU. «Eingriffe sind unnötig, die Marktkräfte spielen, und die Roamingpreise der Swisscom sinken auch ohne Regulierung seit Jahren massiv», sagt Swisscom-Sprecher Sepp Huber. Bei vielen Kunden sei Roaming schon in den Pauschalabos enthalten. Auch politisch ist eine Abschaffung in Bern nicht mehrheitsfähig. Denn diese würde den Gewinn der Swisscom drücken, deren Dividende zur Hälfte in die Bundeskasse fliesst.

Johannes Brinkmann/SDA

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