CSS hat noch Spielraum nach oben

LUZERN ⋅ Im ersten vollen Geschäftsjahr unter CEO Philomena Colatrella wächst die Zahl der Versicherten bei der CSS stark an. Abgeschwächt hat sich dafür das Wachstum der Leistungskosten.
Aktualisiert: 
12.04.2018, 14:00
12. April 2018, 09:17

Roman Schenkel


roman.schenkel@luzernerzeitung.ch

Um 4,5 Prozent schlugen vergangenes Jahr die Krankenkassenprämien in der Schweiz auf. Bei der CSS stiegen die Prämien im Schnitt mit 2,2 Prozent deutlich unter dem Benchmark. Mit positiven Folgen: «Wir hatten ein starkes organisches Wachstum», sagt CEO Philomena Colatrella. Der tiefe Prämienanstieg hat sozusagen als Magnet gewirkt. Per 1.1.2018 kamen im obligatorischen Bereich über 45000 neue Kundinnen und Kunden hinzu – ein Plus von 3,4 Prozent. «Damit haben wir unsere führende Marktstellung nicht nur verteidigt, sondern auch ausgebaut», sagt Colatrella.

Insgesamt sind bei der CSS im obligatorischen Bereich 1,376 Millionen Kunden versichert. Das sind so viele wie noch nie in der Geschichte der Krankenversicherung. Vor zehn Jahren, 2008 nach Übernahme der Intras, lag die Zahl ähnlich hoch. Durch die Sanierung der im Tessin und der Westschweiz stark verankerten Kasse ging in den Folgejahren die Zahl der Versicherten bis 2012 signifikant zurück. Seither hat die CSS aber Jahr zu Jahr wieder zugelegt. «Stets etwas mehr als der Markt», betont Colatrella. Zusammen mit dem Zusatzversicherungsgeschäft kommt die CSS insgesamt auf 1,7 Millionen Versicherte.

Mit ihrem ersten vollen Jahr als CEO der CSS kann Colatrella mehr als zufrieden sein. Die Krankenversicherung steht gefestigt da. Unter dem Strich resultierte für 2017 ein Gewinn von 153,6 Millionen Franken (Vorjahr: 98,1 Millionen Franken). Im Zusatzversicherungsgeschäft erwirtschaftete die CSS einen Gewinn von 71 Millionen Franken (Vorjahr: 69,6 Millionen). In der Grundversicherung verblieb ein Überschuss von 4,8 Millionen Franken, der in die Reserven fliesst.

Der Gewinn in der Grundversicherung ist eigentlich noch um 80 Millionen Franken höher ausgefallen. Aufgrund eines Rechtsstreits mit dem Bundesamt für Gesundheit wurde dieser Betrag quasi als Rückstellung von der Grundversicherung in die Holding verschoben (siehe Zweittext).

4 Rappen pro Prämienfranken für die Verwaltung

Im vergangenen Jahr gelang es der CSS erneut die Verwaltungskosten zu senken. Mit 4 Prozent Verwaltungskosten in der Grundversicherung (2016: 4,2 Prozent; 2015: 4,5 Prozent) gehört die CSS laut Finanzchef Armin Suter zu den effizientesten Akteuren der Branche. «In Geld übersetzt heisst dies, dass bei der CSS pro eingesetztem Prämienfranken 4 Rappen für Verwaltungskosten verwendet werden», erklärt Suter. Über die ganze Gruppe gesehen liegt der Kostensatz bei 8 Prozent (2016: 8,2 Prozent). Dank einer noch strikteren Rechnungskontrolle wurden nach den Worten von Colatrella 654 Millionen Franken an Kosten vermieden. Insgesamt hat die CSS 16 Millionen Rechnungen überprüft. Weitere 400 Millionen Franken konnte der Krankenversicherer durch Patientensteuerung vermeiden.

Nach einem Anstieg im Jahr 2016 um 5 Prozent, nahmen die Leistungskosten 2017 für einmal vergleichsweise geringfügig um 2,2 Prozent (Vorjahr 5 Prozent) von 4,98 Milliarden auf 5,09 Milliarden Franken zu. Das tiefere Wachstum ist insbesondere auf die rückläufigen Kosten bei den stationären Spitalleistungen zurückzuführen. «Hier schlägt der neue Kostenteiler zwischen Kantonen und Krankenversicherungen voll durch», sagt Colatrella. Seit Anfang 2017 müssen die Kantone bei den stationären Spitalkosten mindestens 55 Prozent übernehmen. Abgesehen von einzelnen Kantonen wie Basel, Baselland, Tessin oder Graubünden, die schon 2012 55 Prozent übernahmen, haben die meisten den Kostenteiler erst im letzten Moment angepasst.

Weniger Prämien, mehr Steuern?

Laut Colatrella gehen allerdings auch die Fallzahlen bei den stationären Behandlungen im Spital zurück. Mit ein Grund dürften dafür die Verschiebungen vom stationären in den ambulanten Bereich sein. So legten die ambulanten Arztbehandlungen bei den Leistungskosten der CSS um 3,7 Prozent zu. Den positiven Nachrichten will die CSS allerdings nicht ganz trauen. Man wolle zuerst die Entwicklung im 2018 abwarten und die Zahlen gründlich analysieren.

Kommt hinzu, dass die Kosten übers Ganze nicht sinken dürften. Zwar werden die Prämienzahler etwas weniger bezahlen müssen, dafür aber müssen sie sich als Steuerzahler stärker an den Kosten beteiligen müssen. Für verfrühte Euphorie gebe es deshalb keinen Grund: «Die Kosten im Gesundheitswesen steigen seit 1996 praktisch ungebremst. Seither sind die Prämien um 158 Prozent gewachsen», erinnert CSS-Präsident Jodok Wyer. Die getroffenen Massnahmen gegen den Kostenanstieg seien nach wie vor ungenügend. «Fast könnte man sagen: das System hat versagt», sagt Wyer.

Nichtsdestrotz: Wenn in diesem Jahr die Teuerung des Gesundheitswesens fortschreiten wird, hat die CSS aufgrund des guten Geschäftsjahres etwas Spielraum. Die Anlageperformance von 4,7 Prozent ermöglichte eine weitere Stärkung der Wertschwankungsreserven um 175,2 Millionen Franken. Finanzchef Suter geht davon aus, dass die ganze Branche 2017 mit einem Überschuss abschliessen wird, der deutlich über dem Vorjahr liegt. «Daher dürften die Prämienanpassungen per 1.1.2019 ebenfalls tiefer liegen als noch 2018», sagt er. Die Konkurrenz um die Versicherten wird härter. Hier wolle auch die CSS wieder vorne mitspielen, mit «kompetitiven Preisen, nicht mit Dumpingpreisen», betont Colatrella.
 

Streitlustige Kasse

Schon als Generalsekretärin der CSS hat Philomena Colatrella den einen oder anderen Strauss mit den Aufsichtsbehörden ausgefochten. Von dieser Linie weicht die Anwältin auch als CEO nicht ab. «Wir haben grundsätzlich ein gutes Einvernehmen mit den Aufsichtsbehörden. Als führender Krankenversicherer wollen wir aber im Interesse unserer Kunden Grundsatzfragen auch einmal von einem Gericht prüfen lassen», erklärt Colatrella. Folgende drei Gerichtsentscheide zwischen der Krankenversicherung und dem Bund sind offen:

  • CSS vs. BAG: Mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) streitet die CSS über die Verwendung von 80 Millionen Franken. Das BAG hat die CSS aufgefordert worden, Kapitaleinschüsse von insgesamt 80 Millionen Franken in drei von vier Rechtsträgern der Grundversicherung (KVG) rückgängig zu machen. Die CSS-Gruppe hatte diese Gelder aus freien Mitteln der Holding zur Stärkung ihrer Gesellschaften im KVG-Bereich für 2014 eingeschossen. Gegen diesen Entscheid ist die CSS vor Gericht gegangen - und hat verloren. Die Krankenversicherung hat den Fall aber weitergezogen. Er ist vor Bundesgericht hängig. Aufgrund des guten Ergebnis 2017 hat sich die CSS entschieden die 80 Millionen vorsorglich wieder aus dem KVG-Bereich in die Holding zurück zu verschieben.
  • CSS vs. Finma: Gemäss Vorgaben der Finanzmarktaufsicht Finma darf eine Krankenversicherung im Zusatzversicherungsgeschäft im Schnitt nicht mehr als 10 Prozent Marge aufweisen. Diesen Durchschnittswert hält die CSS ein. Allerdings liegt die Marge bei einzelnen Kategorien und Altersgruppen über der 10-Prozent-Schwelle. Die Finma hat die CSS aufgefordert, die Angebote nach unten zu korrigieren. Die CSS stellt sich aber auf den Standpunkt, dass der Durchschnittswert entscheidend ist und nicht die einzelnen Kategorien. Diese Frage lässt die Versicherung nun von einem Gericht klären.
  • CSS vs. BAG: Um die Solvenz der Sanagate zu stärken, hat die CSS 2017 eine Kapitalerhöhung bei der Grundversicherung durchgeführt. Das sei laut CSS im Sinne der Kunden, ansonsten wären die Prämien wohl viel stärker angestiegen. Das BAG hat allerdings auch hier die CSS zurückgepfiffen. Eine Kapitalerhöhung sei «wettbewerbsverzerrend», andere Kassen, die keine Konzernstruktur vorweisen, würden so benachteiligt, argumentiert das BAG. Die CSS lässt diesen Streitpunkt nun ebenfalls vor Gericht prüfen. Die Krankenversicherung findet es widersprüchlich, dass bei der Gründung einer neuen Gesellschaft beliebig viel Kapital in die neue Gesellschaft gesteckt werden darf, bei einer bestehenden aber nicht.  (rom)

 


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