Unfallprävention 2.0

LUZERN ⋅ Die Suva investiert in Prognosesysteme und beschäftigt sich mit der dezentralen Datenbank Blockchain. Um Mittel freizuschaufeln, halbiert sie jetzt die Zahl der externen IT-Mitarbeiter.
29. Juni 2017, 07:46

Maurizio Minetti

maurizio.minetti@luzernerzeitung.ch

Im Science-Fiction-Thriller «Minority Report» blicken Hellseher in die Zukunft, um Verbrechen rechtzeitig zu verhindern. Stefan Scherrer ist nicht Hauptdarsteller Tom Cruise, aber der Informatikchef des Unfallversicherers Suva möchte dereinst ebenfalls den einen oder anderen Blick in die Kristallkugel werfen. «Wir wollen verstärkt in die Prävention von Berufs- und Freizeitunfällen investieren», sagt der 52-jährige Immenseer bei einem Gespräch am Sitz der Suva in Luzern.

Schon heute kann die Suva dank IT-Systemen die Versicherungsprämie eines Betriebs risikogerecht errechnen. «In Zukunft werden wir dies noch präziser machen können», prophezeit Scherrer. Eines der Ziele der Suva ist es, die prämienrelevanten Tätigkeiten der Betriebe detaillierter zu erfassen und daraus Prognosesysteme abzuleiten. «Im Weiteren wird uns die Digitalisierung helfen, die Prävention noch personalisierter anbieten zu können.»

Big Data machts möglich

Möglich wird dies durch die systematische Auswertung riesiger Datenmengen. Für die Suva ist das nichts Neues, denn bei strukturierten Daten setzt sie schon lange auf das, was man im Fachjargon Big Data nennt. Strukturierte Daten sind zum Beispiel Adressen oder andere Daten in tabellarischer Form, die man auswerten kann.

Künftig möchte der Unfallversicherer aber auch unstrukturierte Daten besser auswerten und gleichzeitig neue Datenquellen erschliessen. «Dazu gehören auch öffentliche Daten oder Kommentare in Unfallmeldungen», erklärt Scherrer. Aus den Daten will die Suva dann Erkenntnisse gewinnen, die für die Kunden der Suva nützlich sein können. Der Datenschutz sei dabei gewährleistet, sagt Scherrer.

Die Verbesserung der Unfallprävention ist nur eines der Projekte, die der Chief Information Officer derzeit vorantreibt. Zu den Innovationen, die Scherrer verfolgt, gehört unter anderem die Blockchain. Diese Technologie könnte dereinst nicht nur den Zahlungsverkehr auf den Kopf stellen, sondern auch die Art und Weise verändern, wie zwischen verschiedenen Parteien vertraglich interagiert wird. Die Versicherungswirtschaft ist prädestiniert dafür, von diesem mög­lichen Paradigmenwechsel voll erfasst zu werden. Scherrer erklärt: «Heute kontrollieren wir, ob jemand zum Beispiel im Spital gewesen ist, die Behandlung durchgeführt hat oder die Rechnung bezahlt wurde.» Mit der Blockchain werden vorgelagerte Intermediäre allenfalls ausgeschaltet. «Es wird dezentral gespeichert, ob eine Transaktion durchgeführt wurde. Das erhöht die Transparenz und macht einen Mittelsmann obsolet», sagt Scherrer. Die Herausforderungen daran: Derartige technologische Entwicklungen haben immer einen direkten Einfluss auf bewährte Abläufe und Prozesse, auch auf jene der Suva. «Wir wollen diese Entwicklungen aktiv beobachten und die Chancen und Risiken, die sich für die Suva ergeben, beurteilen, bevor wir davon überrollt werden.»

Das ist mit ein Grund, warum sich die Suva neben anderen Versicherern wie Helsana oder Mobiliar in der ersten «Blockchain Competition» engagiert. An dem Wettbewerb sollen innovative Geschäftsideen für die Versicherungsindustrie auf der Basis der Blockchain-Technologie gefunden werden. «So können wir vom Wissen in diesem Bereich direkt profitieren und müssen nicht einmal viel investieren», erklärt Scherrer. «Es ist wie im Kino: Wir sitzen in der vordersten Reihe und lassen die Ideen auf uns wirken. Am Ende entscheiden wir, was wir davon mitnehmen.»

Die besten zehn Teams präsentieren ihre Ideen am 22. November 2017 im Theater Casino Zug. Der Austragungsort ist nicht zufällig gewählt: Wegen der Ballung vieler Firmen, die sich mit Blockchain und Kryptowährungen beschäftigen, gilt Zug seit längerem als «Crypto Valley».


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