Genmais-Streit: Syngenta wirft das Handtuch

AGROCHEMIE ⋅ In einem Genmais-Streit mit amerikanischen Bauern will der Agrochemiekonzern nun zahlen. Die Vergleichssumme wird mit knapp 1,5 Milliarden Dollar beziffert.
29. September 2017, 07:29

Daniel Zulauf

Bei Chemchina kann sich die Freude über die erfolgreiche Übernahme des Agrochemiekonzerns Syngenta nicht so richtig entfalten. Die Basler Firma gab dieser Tage einen mutmasslich 1,5 Milliarden Dollar teuren Vergleich bekannt, mit dem ein seit vier Jahren hängiger Rechtsstreit mit amerikanischen Bauern um verfrühte Genmais-Lieferungen beigelegt werden soll.

Der Vergleich wurde 15 Tage nach Beginn der Gerichtsverhandlung über eine Sammelklage in Minneapolis angekündigt. Die Gültigkeit des Vergleichs muss noch richterlich bestätigt werden. Die Streitparteien wollen noch im laufenden Jahr dem zuständigen Gericht den Antrag dazu unterbreiten. Der Umfang des Vergleichs könne erst bei dieser Gelegenheit öffentlich bekanntgegeben werden, teilte Syngenta gestern auf Anfrage mit.

Hunderttausende Bauern beteiligen sich

Die Nachrichtenagentur Bloomberg hatte die Vergleichssumme ohne Quellenhinweis mit knapp 1,5 Milliarden Dollar beziffert und eine Beteiligung von 100 000 Bauern erwähnt. Die Informationen wurden von Syngenta aber nicht bestätigt. Stattdessen teilte der Konzern auf Nachfrage mit, es könnten sich nach aktuellen Schätzungen potenziell 350 000 bis 400 000 Bauern an dem Vergleich beteiligen. Genauere Zahlen könne es nicht geben, weil es den Bauern freigestellt sei, den Vergleich anzunehmen.

Gemäss der auf Nachhaltigkeitsanalysen spezialisierten Research-Agentur Sustainalytics sieht sich Syngenta mit insgesamt 440 000 amerikanischen Klägern konfrontiert. Diese stellen gemäss Syngenta-Geschäftsbericht Schadenersatzansprüche in der Höhe von mehr als 5 Milliarden Dollar. Hinzu kommen Klagen von grossen Handelsgesellschaften wie Cargill und anderen Exporteuren, die gemäss Ge-schäftsbericht auf Schadenersatz in Höhe von insgesamt 130 Millionen Dollar klagen. Auch kanadische Bauern stellen Forderungen von rund 300 Millionen Dollar. Ein erstes Urteil in dem Genmais-Streit fiel im Juni, als ein Geschworenengericht in Kansas einer Sammelklage von 7300 Bauern stattgegeben und den Klägern einen Schadenersatz in der Höhe von 218 Millionen Dollar zugesprochen hatte. Die finanzielle Dimension des Streits scheint für Syngenta also in hohem Mass relevant zu sein. 2016 veröffentlichte das Unternehmen einen Reingewinn von 1,18 Milliarden Dollar. Die bilanzierten Rückstellungen für offene Rechtsstreitigkeiten beliefen sich gemäss Geschäftsbericht per En­de Jahr auf 113 Millionen Dollar. Der ohnehin schon sehr sport­liche Preis von 43 Milliarden Dollar, den Chemchina für die Schweizer Chemiefirma auf den Tisch legte, könnte sich als Folge der Altlast also weiter erhöhen.

Ironischerweise sind die Chinesen am Problem von Syngenta direkt beteiligt. Bei den Klägern handelt es sich um Bauern und Exporteure, die ihren Mais nicht wie gewohnt nach China ausführen konnten. Syngenta hatte mit Blick auf die Erntesaison 2011 den Verkauf einer neuen Genmais-Sorte namens Viptera lanciert. Doch China liess den Import dieser Sorte erst im Dezember 2014 zu. Die Kläger machen geltend, sie seien von Syngenta falsch informiert worden. Tatsächlich befand das Geschworenengericht in Kansas, Syngenta habe die Maissorte mit aggres­siven Methoden vermarktet. Die Kläger machen Syngenta für Ertragsausfälle verantwortlich, und sie klagen, dass die ausgefallenen Exporte zu einem Überangebot an Mais und zu tieferen Preisen geführt hätten. Der Streit wirft ein Schlaglicht auf Altlasten der Agrochemiekonzerne, wie sie auch Monsanto vor sich herschiebt.


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