Wasserkraft verhinderte Blackout

ENERGIE ⋅ Kälte, wenig Sonne und abgeschaltete Kernkraftwerke: Wie sich jetzt zeigt, konnte im Januar in Europa ein Netzabsturz knapp verhindert werden – auch dank der Schweiz. Experten warnen vor steigender Blackout-Gefahr.
20. Mai 2017, 09:55

Kari Kälin

kari.kaelin@luzernerzeitung.ch

Und dann wird es am Morgen des 20. Januar plötzlich sehr kritisch: In Frankreich besteht Gefahr eines Blackouts. Ausgerechnet während der Kältewelle fallen bis zu 23 Kernkraftwerke (KKW) aus. Gleichzeitig sind weitere KKW in anderen europäischen Ländern, auch in der Schweiz, nicht in Betrieb. Wenn jetzt andere Staaten unserem westlichen Nachbarn nicht aushelfen, drohen ungeheizte Zimmer, stehende Züge und andere Unannehmlichkeiten, die ein Netzabsturz mit sich bringt. Frankreich braucht um 8.45 Uhr 93800 Megawatt Leistung – 4800 mehr, als das Land selber produzieren kann.

Die umliegenden Länder müssen aushelfen. Auch die Schweiz steuert mit ihren Speicherkraftwerken 900 Megawatt bei. Das entspricht knapp der Leistung des AKW Gösgen. Im Januar und Februar herrschte in Europa generell eine schwierige Situation. In der Schweiz präsentierte sich die Lage derweil während des vergangenen Winters durchgehend stabil, wie die Swissgrid schreibt. Die Swissgrid ist zuständig für einen sicheren Netzbetrieb in der Schweiz.

Es fällt mehr unregelmässiger Strom an

Christian Bircher ist Direktor des Elektrizitätswerks Nidwalden. Er befürchtet, dass es künftig häufiger zu kritischen Netzsituationen kommt. Oder anders formuliert: Die Blackout-Gefahr steigt. Den Grund sieht Bircher unter anderem im geplanten Wegfall von Kohle- und Kernkraftwerken in Deutschland. Und bekanntlich will sich auch die Schweiz über kurz oder lang aus der Kernenergie verabschieden.

Für die Netzstabilität sind solche Energieträger ein Segen. Sie produzieren immer so viel Strom, wie gebraucht wird (Bandenergie). Strom aus Wind- und Sonnenenergie, der in Deutschland und ganz allgemein in Europa massiv ausgebaut wird, fällt jedoch dann an, wenn die Sonne scheint und es windet. Da sich diese Energieträger im Januar rar­machten, trugen sie nur einen Bruchteil ihrer üblichen Strommenge bei. Das Stichwort dazu lautet «Dunkelflaute». Es braucht also zum Beispiel Speicherseen und verfügbare Generatoren, um die Netzstabilität angesichts des unregelmässig anfallenden Stroms zu gewährleisten. Bircher befürchtet, dass die vorhandenen Reserven in Schweizer Stauseen, die nötig sind, um Schwankungen auszugleichen, in ähnlichen Situationen künftig nicht mehr genügen werden – mit einem Blackout als Folge. Erschwerend komme hinzu, dass die Schweiz im Winter von Importstrom abhängig sei. Bircher plädiert für den Ausbau von Speicherkraftwerken. Ein Problem lautet derzeit: Die Wasserkraft ist unrentabel.

Samuel Bontadelli ist Leiter Handel bei Repower, einem international tätigen Energieunternehmen mit Hauptsitz in Poschiavo. Er teilt Birchers Einschätzung bezüglich der Blackout-Gefahr und sagt: «Die Wasserkraft hat am 20. Januar einen wesentlichen Beitrag zur Gewährleistung der Netzstabilität geleistet.» In Extremsituationen fehle es momentan noch an Flexibilität, die den unregelmässig anfallenden und schlecht voraussehbaren Strom aus Wind und Sonne insbesondere im Winter kompensieren könne. Die durch Subventionen geförderte Produktion dieses Stroms verschärfe das Problem der Netzstabilität, sagt Bontadelli.

Mit dem Thema beschäftigt sich auch Swissgrid. An ihrer Jahresmedienkonferenz im April sprach sie denn auch von «wachsenden Herausforderungen für einen sicheren Betrieb». Hohe Stromtransite durch die Schweiz, ungeplante Lastflüsse und insbesondere limitierte Grenzkapazitäten würden die Netzinfrastruktur zunehmend an ihre Belastungsgrenze bringen. Die strukturellen Engpässe im Schweizer Übertragungsnetz müssten dringend beseitigt werden.

Swissgrid geht auch davon aus, dass die Herausforderungen für einen sicheren Netzbetrieb durch den Wegfall von Bandenergie und die Zunahme der volatilen Produktion aus erneuerbaren Energiequellen zunehmen werden. Dazu kommt, dass die Schweiz mit 41 grenzüberschreitenden Leitungen eine Stromdrehschreibe und ein Transitland ist. Swissgrid-Sprecher ­Patrick Mauron sagt, was das bedeutet: «Steigender Transit aufgrund hoher Importe und Exporte aus Nachbarländern birgt die Gefahr von Überlastungen von Transformatoren und Leitungen in der Schweiz.» Für Swissgrid ist klar: Die enge Vermaschung im europäischen Verbundnetz trägt stark zur Netzstabilität bei. Um einen sicheren Netzbetrieb und die Versorgungssicherheit zu garantieren, müssen aber diverse Projekte im Rahmen des «Strategischen Netzes 2025» unverzüglich umgesetzt werden – unabhängig von der Energiewende 2050, über die das Volk morgen befindet.

Netzabsturz als Thema im Abstimmungskampf

Netzabstürze sind auch im Abstimmungskampf ein Thema. «Blackouts sind vorprogrammiert», schreibt das überparteiliche Gegnerkomitee mit der SVP an der Spitze in ihrem Argumentarium. Eric Nussbaumer, Baselbieter SP-Nationalrat und Verfechter des Atomausstiegs, hingegen sagte in einem Interview mit der «Basler Zeitung», mit grösster Wahrscheinlichkeit gebe es nie einen Blackout. «Die Netz- und Versorgungszuverlässigkeit ist eine lösbare Aufgabe.»


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