WIR-System auf dem Prüfstand

BANKEN ⋅ Die WIR-Bank versucht den Kreislauf ihres Geldsystems anzukurbeln. Damit sorgt sie für Unmut und Verunsicherung im Teilnehmerkreis.
18. Mai 2017, 20:39

Daniel Zulauf

daniel.zulauf@luzernerzeitung.ch

«Wir nehmen WIR.» Dieses Versprechen ist im alltäglichen Geschäftsverkehr unter Schweizer Gewerbebetrieben nicht mehr oft genug zu hören und zu lesen. Die Betreiberin des WIR-Systems, die in Basel domizilierte WIR-Bank, versucht das System anzukurbeln, stösst aber auf Widerspruch im Teilnehmerkreis. Die Komplementärwährung erlebt eine schwierige Zeit in ihrer über 80-jährigen Geschichte.

Die WIR-Bank wurde 1934 während der Wirtschaftskrise als Selbsthilfeaktion des Gewerbes gegründet mit dem Ziel, dass sich die Betriebe gegenseitig Geschäfte zuhalten. Die genossenschaftliche Bank vergibt Kredite und bestimmt damit auch die Menge der in Umlauf gebrachten WIR-Einheiten. Zudem fungiert die Bank als Verrechnungszentrale, indem sie die WIR-Konti aller Teilnehmer des Netzwerkes verwaltet.

Währung verliert an Bedeutung

Die Umsätze im WIR-System sind seit Jahren rückläufig. 2016 betrug der Umsatz weniger als 1,3 Milliarden Franken. Gemessen an der gesamten «Geldmenge» des WIR-Systems wechselt ein WIR-Franken jährlich nur noch etwa 1,5 Mal die Hand. Das ist nicht mehr als die Umschlagshäufigkeit des Frankens, den die Banken bekanntlich nolens volens im ganz grossen Stil auf ihren Girokonti bei der Nationalbank parkieren. «Die Umlaufgeschwindigkeit ist zu tief», räumt WIR-Sprecher Volker Strohm ein und verweist auf das ursprüngliche Minimalziel von 2 Mal. «Viel WIR-Geld liegt brach, weil es aufgrund der historischen Tiefzinsphase keinen Druck gibt, dieses auszugeben», sag Strohm.

Diesen Druck sollte das WIR-System im Prinzip selber erzeugen, indem die WIR-Konti nicht verzinst werden. Doch in Zeiten, in denen auch der Franken keinen Zins abwirft, ist dieser Druck wirkungslos. Hinzu kommt, dass die Bank aufgrund des Tiefzinsumfeldes aus dem natürlichen Zinsvorteil eines WIR-Kredites keinen Nutzen mehr ziehen kann. Eine WIR-Hypothek ist aktuell weniger als 1 Prozent billiger als eine normale Frankenhypothek. Dementsprechend stagniert der Bestand an WIR-Krediten seit zehn Jahren bei rund 840 Millionen WIR-Franken, während sich die seit den späten 1990er-Jahren von der WIR-Bank ebenfalls angebotenen normalen Frankenkredite auf 3,7 Milliarden Franken verdoppelt haben.

Um das Geschäft anzukurbeln, hat die WIR-Bank im Herbst vergangenen Jahres Massnahmen beschlossen, die die Teilnehmer stärker in das System einbinden sollen. Das System zählt nach Angaben von WIR-Sprecher Strohm rund 60 000 Teilnehmer, davon 45 000 Firmen (vorwiegend KMU) und etwa 15 000 Angestellte. Doch von den teilnehmenden Firmen sind gemäss Strohm nur etwa die Hälfte offiziell aktiv. Die anderen sind sogenannte stille Teilnehmer. Diese stillen Teilnehmer werben nach aussen nie mit dem Slogan «Wir nehmen WIR». Zwar kennt die Bank die Identität dieser «stillen Teilnehmer», weil sie deren Konti verwaltet, aber das Bankgeheimnis verbietet es der Bank, die Namen publik zu machen und sie so zu einer aktiven Teilnahme am System zu zwingen.

Eine der herbstlichen Schlüsselmassnahmen war es deshalb, den Kunden das Einverständnis zur Offenlegung ihrer Beziehung zur WIR-Bank abzuverlangen, beziehungsweise die stille Teilnahme am System öffentlich zu machen. Rund 10 000 Kunden seien dieser Aufforderung bereits gefolgt, sagt Strohm. Er hätte freilich genauso gut sagen können, dass mehr als 10 000 Kunden auch nach der dritten Aufforderung vom 2. Mai die neuen Geschäftsbedingungen noch nicht unterzeichnet haben, obwohl am 31. Mai die Frist abläuft.

Tiefer Preis im Schwarzhandel

Stattdessen haben zahlreiche Unternehmen ihre Teilnahme aufgekündigt. Die Abgänger seien grösstenteils Teilnehmer gewesen, die in den vergangenen Jahren ohnehin fast keinen oder gar keinen Umsatz mehr gebracht hätten, sagt Strohm. Doch es haben auch einige grosse Handelsfirmen und Importeure ihre Teilnahme am WIR-System aufgekündigt, weiss Andreas Steffes, Sekretär des Dachverbandes Handel Schweiz. Die Grosskunden hätten sich nicht nur als WIR-Teilnehmer outen müssen, sondern auch noch bei jedem Geschäft mindestens 3 Prozent WIR als Zahlung akzeptieren müssen.

Letztere Bedingung wurde für Unternehmen mit einem Umsatz von über 100 000 WIR im Jahr inzwischen aber fallen gelassen. «Wir haben den Hebeleffekt der Grossfirmen unterschätzt», räumt Strohm ein. Der WIR-Sprecher gibt sich indessen überzeugt, dass die geänderten Geschäftsbedingungen das aktive Netzwerk vergrössern und das WIR-System attraktiver machen werden. Die breite Kritik im Teilnehmerkreis will er freilich nicht negieren: «Wir haben zu lange gewartet», sagt er, angesprochen auf den langjährigen Umsatzrückgang.

Die Verunsicherung unter den WIR-Teilnehmern spüren auch die WIR-Händler im Schwarzmarkt. «Es besteht ein deutlicher Angebotsüberhang vor ­allem von Angestellten, die ihre Konti liquidieren möchten», sagt ein Händler. Der offizielle Wert eines WIR-Frankens entspricht einem gewöhnlichen Franken, und weil es einen Handel in der Währung ausserhalb des WIR-Systems offiziell nicht gibt, kann die WIR Bank auch auf der Parität bestehen. Den Händlern zufolge werden überschüssige WIR unter der Hand aber zu Preisen von 60 bis 70 Prozent des Frankens verkauft.


Leserkommentare

Anzeige: