Wie ein Mönch die doppelte Buchführung erfand

FINANZEN ⋅ Um den Jahresabschluss haben Buchhalter Hochsaison, doch die Geschäftsbücher werden seit 500 Jahren nach dem gleichen Prinzip der «venezianischen Methode» geführt. Die doppelte Buchhaltung ist Segen und Fluch in einem.
07. Januar 2018, 07:53

Zunächst und vor allem sei «das bare Geld und jede andere Vermögenssubstanz» erforderlich, damit eine Geschäftsgründung gelingen kann, schreibt Luca Pacioli 1494 in seiner «Abhandlung über die Buchhaltung». Denn «ohne diese Hilfe kann man schwer Handel treiben».

Deshalb soll der Jungkaufmann auch ein «geschickter Buchhalter» und «ein guter Rechner» sein. Und dazu braucht er ein System, «damit man in aller Kürze von jedem Geschäft Kenntnis haben kann, sowohl von den Schulden als auch von den Guthaben, denn auf anderes erstreckt sich der Handel nicht».

System breitet sich über Italien in die Welt aus

In seiner grossen Enzyklopädie «Summa de Arithmetica Geometria Proportioni et Proportionalita» ist das Traktat über die Buchhaltung nur eines unter vielen ­Kapiteln, die den damaligen Kenntnisstand der Mathematik wiedergeben. Doch diesen 27 Seiten, auf denen Pacioli am Beispiel der Firmengründung eines Jungkaufmanns in Venedig die «venezianische Methode» der doppelten Buchhaltung schildert, verdankt der Professor und franziskanische Ordensbruder, dass er neben seinem ungleich berühmteren Weggefährten Leonardo da Vinci bis heute nicht in Vergessenheit geraten ist.

Es lässt sich zwar schwerlich behaupten, dass die doppelte Buchhaltung eine genuin venezianische Erfindung war. Ziemlich unbestritten ist aber, dass sich das System ausgehend von Italien über Europa und letztlich über die ganze Welt ausgebreitet hat. Kernstück der doppelten Buchhaltung ist das Kapitalkonto, das im Unterschied zur einfachen Buchhaltung beziehungsweise zur «Milchbüchleinrechnung» nicht nur den Überblick über die laufenden Einnahmen und Ausgaben erlaubt, sondern dem Kaufmann jederzeit Aufschluss über den Bestand des Vermögens gibt. «Die Entwicklung der doppelten Buchhaltung befähigte die Akteure im damaligen Wirtschaftsleben zu rationalen Entscheidungen, wie das zuvor systematisch nicht möglich war», sagt Bernd Roeck, Geschichtsprofessor und Spezialist für die Zeit der Renaissance. Die Ausbreitung der venezianischen Methode sei zwar nicht ursächlich für die wirtschaftliche Blüte der damaligen Zeit gewesen, sagt der Historiker, der die Renaissance in seinem Bestseller «Der Morgen der Welt» als revolutionäres Ergebnis einer Vielzahl von neuen und umwälzenden Ideen beschreibt. Doch zweifelsfrei waren die rechnerischen Fertigkeiten der italienischen Buchhalter eine Voraussetzung dafür, dass sich Familienunternehmen wie jene der Medici aus Florenz oder jene der Fugger aus Augsburg im 15. Jahrhundert erfolgreich zu hoch komplexen und geografisch weit verästelten Handelskonzernen entwickeln konnten.

Jakob Fugger, der später den Beinamen «der Reiche» erhielt, wurde bereits im Alter von 14 Jahren nach Venedig entsandt, wo er die modernsten kaufmännischen Fertigkeiten erwerben sollte. Als er mehr als zehn Jahre später zurückkehrte, liess er sogleich die «Goldene Schreibstube» einrichten, aus der die Fugger ihre Geschäfte fortan zentral lenken und verwalten sollten.

Vorzügliche Verschleierungsmethode

Während sich die habsburgischen Herrscher immer wieder von Liquiditätsengpässen überraschten liessen und für die Bezahlung der Gehälter im Staatsapparat regelmässig in Augsburg um Kredit nachsuchen mussten, wussten die Fugger haargenau, welche Sicherheiten sie für ihre Darlehen haben wollten. Die Monarchen verloren den Überblick in ihrem grossen Reich, dessen Finanzen nicht aus einer Hand, sondern dezentral über zahlreiche regionale Kassen gesteuert wurde. Es ist bestimmt kein Zufall, dass sich die privaten Händler die Prinzipien des modernen kaufmännischen Denkens rascher aneigneten als die «öffentliche» Hand zu seiner Zeit. Allein die Umrechnung der vielen Währungen, von denen es nur in Italien Dutzende gab, führte den Kaufleuten tagtäglich die Notwendigkeit einer akkuraten Finanzverwaltung vor Augen.

Gleichzeitig erweist sich die doppelte Buchhaltung aber auch immer wieder als Fluch, weil sie eine mathematische Präzision und Zuverlässigkeit suggeriert, die sie gar nicht haben kann. Die Wirtschaftsgeschichte ist voll von Finanzskandalen und betrügerischen Konkursen. Vom schwedischen Zündhölzerfabrikanten Kreuger (1929) bis zum italienischen Milchverarbeiter Parmalat (2003) und später natürlich die halbe internationale Bankenprominenz, Beispiele gibt es viele, die zeigen, wie sich ökonomischen Realitäten trotz oder gerade mit Hilfe der doppelten Buchhaltung vorzüglich verschleiern lassen.

 

Daniel Zulauf


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