Ifolor-Chef Filip Schwarz: «Wir halten Emotionen fest»

FAMILIENUNTERNEHMEN ⋅ Filip Schwarz (34), seit 2015 Geschäftsführer des Kreuzlinger Fotoprodukteherstellers, erklärt im Interview, wie das Silicon Valley auf seine Firma aufmerksam wurde – und was Innovation für ihn bedeutet.
16. Juli 2017, 07:52

Interview: Michael Genova

Filip Schwarz, Apple will mit einem Familienunternehmen aus Kreuzlingen kooperieren. Wie haben Sie das geschafft?

Wir haben ehrlich gesagt nicht viel getan. Unsere Mitarbeiter, die für Apple zuständig sind, haben eine Anfrage aus dem Silicon Valley erhalten. Im ersten Moment dachten wir, es handle sich um Spam, eine Werbe-E-Mail.

Worum geht es bei der ­Zusammenarbeit?

Ab Herbst öffnet Apple seine «Fotos»-App für Drittanbieter. Ifolor ist einer von weltweit fünf Partnern. Ab Herbst werden Kunden direkt aus dieser App heraus unsere Fotobücher, Abzüge oder andere Produkte bestellen können. Wir erhalten dadurch die Chance, von der Marke Apple und deren Verbreitung zu profitieren. Bislang waren wir etwa in England nicht lieferfähig. Mit diesem Projekt können wir unsere Verbreitung relativ einfach auf weitere Länder ausdehnen.

Werden die Bestellungen nun sprunghaft ansteigen?

Wir schätzen, dass wir dank der Zusammenarbeit rund 20 Millionen Franken mehr Umsatz machen werden. Zurzeit liegt unser Jahresumsatz bei rund 150 Millionen Franken.

 

Fotobücher von Apple waren bislang relativ teuer. Müssen Sie nun die Preise erhöhen?

Wir werden nicht teurer. Die Kunden können unsere bestehenden Produkte bestellen. Das hat auch den Vorteil, dass alle Fotobücher im Regal der Kunden dieselbe Grösse haben. Denn nicht überall auf der Welt gilt das A4-Format.

Ifolor wurde 1961 als Photo­color Kreuzlingen von Ihrem Grossvater gegründet. Was hat sich seither verändert?

Früher haben wir Filme entwickelt, heute entwickeln wir Software. Deshalb ist Apple ja auf uns aufmerksam geworden. Wir drucken unsere Produkte bis heute selber, doch die Technologie hat sich komplett verändert. Der Digitaldruck hat das chemische Verfahren abgelöst.

Der Filmhersteller Kodak existiert nicht mehr. Was hat Ifolor besser gemacht?

Wir halten Emotionen fest, sodass der Kunde sie wieder erleben und verschenken kann. Dafür steht unsere Firma, und daran wird sich nie etwas ändern. Auch in der digitalen Welt haben die Menschen das Bedürfnis, Fotos zu besitzen. Kodak hat zwar die digitale Fotografie erfunden, dachte aber komplett anders. Sie waren in ihrem Kerngeschäft so erfolgreich, dass sie sich nicht vorstellen konnten, dass die digitale Technologie einmal alles dominieren würde.

Gab es auch Widerstände gegen die Digitalisierung?

Riesige Widerstände. Normalerweise greift man in einer solchen Phase auf altgediente Mitarbeiter zurück. Das machte Kodak – und scheiterte. Wir hielten uns hingegen an den Grundsatz: Trenne Neues von Altem. Denn die Mitarbeiter, die heute für den Grossteil des Umsatzes verantwortlich sind, haben einen komplett anderen Blick. Zu Beginn ist eine neue Technologie nie ausgereift. Viele Experten schüttelten deshalb ihre Köpfe, als sie die ersten Digitalfotos sahen. Heute fotografieren alle grossen Fotografen mit digitaler Technologie.

 

Wie lief das bei Ihnen?

Wir holten ein Expertenteam von aussen ins Unternehmen. Heute stehen wir wieder an einem ähnlichen Punkt. Vor zwei Monaten haben wir einen Direktor für neue Geschäftsfelder eingestellt und überlegen uns, was als Nächstes kommt. Das Geschäft mit digitalen Printprodukten befindet sich in Europa auf dem Höhepunkt. Jetzt geht es wieder um die Grundfrage: Wie will der Kunde in Zukunft seine Emotionen wieder erleben und verschenken?

Haben Sie Angst, dass die Menschen irgendwann keine Fotobücher mehr wollen?

Nein. Möglicherweise ist die Zukunft in fünf Jahren papierlos, vielleicht in zehn Jahren, vielleicht gar nie. Zum Glück haben wir eine gut gefüllte Kriegskasse, die es uns erlaubt, Fehler zu machen. Wenn Sie Angst vor dem Scheitern haben, können Sie aufgeben. Von zehn Ideen wird vielleicht eine erfolgreich sein.

Verraten Sie uns eine Idee?

Da muss ich Sie enttäuschen. Nur so viel: Wir wollen den Menschen helfen, die Lagerung ihrer wertvollsten Momente zu vereinfachen. Früher füllte man einen Film mit 24 oder 36 Aufnahmen. Heute kommt man mit Tausenden Aufnahmen aus den Ferien zurück und weiss nicht, welches die besten sind.

Sie haben die Firmenleitung von Ihrem Vater übernommen. Was machen Sie anders?

Ich versuche unternehmerische Grundsätze wie eine straffe Führung mit der neuen Welt zu verbinden. Unter meinem Vater war das Klima strenger. Es bringt nichts, sich aus Idealismus gegen die Zeit zu wehren. Heute kommen Mitarbeiter mit kurzen Hosen zur Arbeit. Das hätte es früher nie gegeben. Oder sie können sich ihre Arbeitszeit flexibel einteilen.


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