Händler über Kurseinbussen: «Wir sind weit entfernt von Panik»

BÖRSE ⋅ Auf den Tag genau zehn Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise kam es am Mittwoch an den Aktienmärkten erneut zu Verunsicherung unter den Anlegern. Kommt es wieder zu einer schmerzhaften Korrektur?
09. August 2017, 22:32

Ernst Meier

Monatelang kannten die US-Aktien nur noch den Weg nach oben. Die drei wichtigsten Börsenindizes Dow Jones, S & P und Nasdaq erreichten am 8. August ein neues Rekordhoch. Auch in der Schweiz sorgten starke Halbjahreszahlen für stetig steigende Kurse. Und in Europa liessen gute Wirtschaftsdaten und ein sich erholender Euro die Hoffnung aufkeimen, dass die Krise schon bald der Vergangenheit angehört.

Der 9. August hat dem Optimismus der vergangenen Wochen nun einen Dämpfer versetzt. Das Säbelrasseln zwischen Nordkorea und den USA löste unter den Anlegern das aus, was hohe Aktienbewertungen und steigende US-Zinsen bisher nicht vermochten: eine Verunsicherung, die zur Vorsicht mahnt. Plötzlich verzeichnen die Märkte wieder grössere Verluste. Der Schweizer Aktienmarkt lag am Mittwoch den ganzen Tag deutlich im Minus. Der SMI schloss bei –1,48 Prozent. In den USA gab der Dow-Jones-Index um 0,34 Prozent nach.

Schweizer Aktien legten heuer über 10 Prozent zu

Experten wollen die Kurseinbussen aber nicht überbewerten. «Wir sind weit entfernt von einer Panik», meinte ein Händler am Mittwoch. Christian Gattiker, Leiter Research bei der Bank Julius Bär, erklärte auf Anfrage: «Die Drohgebärden zwischen den USA und Nordkorea treffen die Märkte nach einer sehr starken Phase.» Der SMI und der SPI haben 2017 über 10 Prozent zugelegt, in Ländern wie Italien und Spanien stiegen die Aktienindizes sogar noch stärker, während sich der Euro klar erholen konnte. «Es ist bei so einem fantastischen Lauf verständlich, wenn Anleger nun etwas vorsichtiger werden und sogar Gewinne realisieren», sagt Christian Gattiker. Der geopolitische Konflikt zwischen den USA und Nordkorea sei ein ernstzunehmendes Risiko für die Weltwirtschaft, auch wenn man die Gefahr derzeit nicht beziffern könne. «Aus Nordkorea kamen in den letzten zwei Jahren immer mal wieder ähnliche Meldungen», weiss Christian Gattiker. «Es gibt deshalb keinen Grund, übereilt zu reagieren.»

Auch Daniel Kalt, Chefökonom der UBS Schweiz, sagt: «An unserer Einschätzung der Finanzmärkte hat sich fundamental nicht viel geändert. Wir gehen davon aus, dass die Gewinne der Unternehmen sich positiv entwickeln und die Zentralbanken weiter behutsam vorgehen.» Mit kleineren und mittleren Korrekturen an den Aktienmärkten müsse man aber jederzeit rechnen können. «Derzeit ist es vor allem die Trump-Rhetorik, die Anleger leicht verunsichert», erklärt Daniel Kalt. Die Reaktion beim Goldpreis zeige jedoch, dass die Angst vor einer Eskalation der diplomatischen Krise nicht allzu gross sei. Die in US-Dollar gehandelte Feinunze Gold verteuerte sich am Mittwoch nur um 1,17 Prozent, während der Dollar gegenüber dem Schweizer Franken 0,85 Prozent nachgab.

Anleger wenden sich wieder dem Franken zu

Beendet ist vorerst die Frankenschwäche, die in den letzten Tagen die hiesige Exportwirtschaft und die Tourismusbranche schon fast in Jubelstimmung versetzt hatte. Seit Dienstagnachmittag hat der Franken zum Euro 2 Prozent an Wert gewonnen. Er verbuchte am Dienstag den grössten Tagesgewinn seit der Aufhebung des Euromindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank im Januar 2015. «Wie üblich in unsicheren Zeiten laufen die Anleger sichere Häfen an», kommentierte Daniel Kalt. In diesem Jahr hat der Franken gegenüber dem Euro allerdings stark an Wert verloren. Seit Mitte April beträgt das Minus noch immer über 5 Prozent.

Die Reaktionen der Anleger auf die Kriegsrhetorik von Donald Trump und Kim Jong Un zeigen, dass trotz Anlagenotstand und weiterhin historisch tiefen Zinsen die Märkte nicht gegen Verluste resistent sind. Werden die Drohungen in die Tat umgesetzt, dann hat dies neben den wirtschaftlichen Auswirkungen (Rückgang des Konsums, Stopp von Handelsströmen, Ausbleiben von Investitionen u. a.) auch psychologische Folgen. Wenn Anleger tiefere Aktienpreise befürchten, verkaufen sie erst recht, wie ein Händler erklärt: «Die Situation kann dann mit einer Party verglichen werden, wo alle auf einmal zum Ausgang rennen.»

Kommt hinzu, dass viele Aktiengeschäfte von Computern getätigt werden, die automatisch beim Erreichen von Untergrenzen ausgelöst werden.


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