Neue Zürcher Zeitung, 12. Mai 2012, 00:00
Bremsspuren am chinesischen Wirtschaftswachstum
Schwache Industrieproduktion verstärkt Ruf nach Kurswechsel
Schanghai: Chinas Teuerung ist erneut zurückgegangen. (Keystone/Kim Ludbrook)
Chinas Teuerung ist erneut zurückgegangen. Weil die Industrieproduktion aber nur sehr langsam wächst, werden geldpolitische Lockerungen gefordert.
mac. Schanghai
Die überraschend schwachen chinesischen Aussenhandelszahlen für April kommen nicht allein. Weitere Wirtschaftsdaten des vergangenen Monats, die das nationale Statistikamt am Freitag veröffentlicht hat, verweisen auf immer deutlicher sichtbare Bremsspuren am chinesischen Wirtschaftswachstum. Vor allem die Industrieproduktion wuchs im April gegenüber dem Vorjahresmonat weniger als erwartet und fiel mit 9,3% so tief aus wie seit knapp drei Jahren nicht mehr.
Geringere Investitionen
Der Vergleich mit dem Vormonat, als das Wachstum noch 11,9% betragen hatte, fällt ernüchternd aus, zumal Prognostiker mit einem besseren Ergebnis als im März gerechnet hatten. Geringer als im Vormonat war zudem das Wachstum der Detailhandelsverkäufe; mit 14,1% gegenüber der Vorjahresperiode lag es leicht unter dem Vormonat und unter den Erwartungen der Prognostiker. Auch im rückläufigen Produzentenpreisindex (–0,7% gegenüber dem Vorjahresmonat) spiegelt sich die Schwäche in den produzierenden Branchen. Weniger stark gewachsen als in den Monaten zuvor sind schliesslich auch die Anlageinvestitionen (+20,2% in den ersten vier Monaten gegenüber der Vorjahresperiode) und die Immobilieninvestitionen. Letztere legten in den ersten vier Monaten 2012 um 18,7% zu; zwischen Januar und März hatte der Wert noch bei 23,5% gelegen.
Die geringeren Investitionen sowohl in Infrastrukturprojekte als auch in den Immobiliensektor mögen zwar den Gang der Konjunktur spiegeln, gehen aber auch in eine von der Regierung angestrebte Richtung. Im vergangenen Jahr war allenthalben vor einer Immobilienblase gewarnt worden, und das Kabinett hatte verschiedene, meist lokal begrenzte administrative Massnahmen eingeführt, um der ungestümen Preisbildung ein Ende zu setzen. Dass dies auch die Lust, in neue Projekte zu investieren, gedämpft hat, hatte zwar Auswirkungen auf den für die wirtschaftliche Gesamtleistung wichtigen Bausektor, wurde aber in Kauf genommen. Der Markt hat sich etwas stabilisiert. Infrastrukturinvestitionen haben in Krisenzeiten Rückgänge in anderen Branchen aufgefangen. Mittelfristig ist es aber das Ziel der Regierung, deren Anteil am Bruttoinlandprodukt zu verringern, um die Wirtschaft stärker durch den Konsum ankurbeln zu lassen.
Inflation keine Sorge mehr
Die jüngsten Zahlen zeigen, dass dieser sich nur schwach entwickelt, trotz fiskalpolitischen Massnahmen und obwohl die Konsumentenpreise im Schnitt nur noch um 3,4% gegenüber der Vorjahresperiode angestiegen sind. Die Lebensmittelpreise machten weiterhin den grössten Anteil daran aus, ein Rückwärtstrend deutet sich aber auch hier an. Beobachter sehen nun immer deutlicher den Zeitpunkt für aktivere Stimulierungsmassnahmen gekommen, weil sich die Bremsspuren verstärken und die Inflation gleichzeitig immer geringere Sorgen bereitet.
Dadurch, so der Tenor, sei die Gefahr negativer Einflüsse einer lockereren Geldpolitik geringer. Gefordert werden weitere Verringerungen des Mindestreservesatzes für Banken, der nach wie vor mit 20,5% hoch ist. Analytiker verweisen auch auf die jüngsten Entwicklungen am Erdölmarkt und in der europäischen Schuldenkrise. Beide Faktoren deuteten eher schlechtere Zeiten an. Die Kreditvergabe lag unter den Erwartungen. Die neuen Kredite beliefen sich im April nur auf 682 Mrd. Yuan (108 Mrd. $), die UBS hatte mit 780 Mrd. Yuan gerechnet.
Gleichwohl dürfte sich die Regierung davor hüten, allzu forsche Schritte zur Wachstumsstimulierung einzuleiten, die erreichte Korrekturen (Immobilienpreise, Inflation) gefährden würden.
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