«Die Freizeitarena Wald ist nicht gratis»

WALDWIRTSCHAFT ⋅ Die Volksinitiative «Ja! für euse Wald» erlitt beim Regierungsrat Schiffbruch, obwohl über 10000 Unterschriften eingereicht wurden. Der Kanton will nun die Gemeinden stärker in die Pflicht nehmen.
13. Januar 2018, 08:06

Genau 10 568 beglaubigte Unterschriften waren es, die das Initiativkomitee, bestehend aus Vertretern von Politik, Waldwirtschaft und Forstdienst des Kantons Aargau, am 14. Februar 2017 bei der Staatskanzlei eingereicht hat. Die Initianten wollten damit erreichen, dass künftig genug Mittel bereitgestellt werden für die Pflege und die Bewirtschaftung des Waldes.

Am 21. März 2016, dem internationalen Tag des Waldes, wurde die Unterschriftensammlung mit einem Medienanlass in der Biberburg lanciert. «Im Juni 2016 waren nach nur elf Wochen 3000 Unterschriften zusammengekommen», berichtet Theo Kern, Geschäftsführer von Wald Aargau und Gemeinderat von Dietwil. Ein Jahr später, im Herbst 2017, wurde zum Endspurt aufgerufen, damit das hochgesteckte Ziel von über 10'000 Unterschriften erreicht werden konnte. «Der Durchschnitt der letzten zehn eingereichten Initiativen liegt bei knapp 3500 Unterschriften», weiss Kern. Ein grosser Erfolg also für die Initianten.

Der Regierungsrat allerdings liess sich davon wenig beeindrucken. Er anerkennt zwar die Leistungen, welche die Waldeigentümer zugunsten der Öffentlichkeit erbringen, ist aber der Meinung, dass für deren Entschädigung die Gemeinden zuständig seien, weil die lokale Bevölkerung unmittelbar davon profitiere. «Da es sich um kommunale Aufgaben handelt, ist aus Sicht des Regierungrats eine Aufgaben- und Lastenverschiebung hin zum Kanton nicht gerechtfertigt», heisst es in einer Medienmitteilung des Kantons. Rund zwei Drittel des Aargauer Waldes gehören den Ortsbürgergemeinden. Diese hätten laut Gesetz in erster Linie selbst für den Erhalt und die Verwaltung ihres Vermögens zu sorgen.

In dieser Form nicht finanzierbar

Letztlich sind es aber wohl vor allem Kostengründe, die den Regierungsrat dazu bewogen haben, die Initiative ohne Gegenvorschlag zur Ablehnung zu empfehlen. «In den letzten zehn Jahren belief sich der Beitrag des Kantons auf jährlich 4,5 Millionen Franken oder rund 6.80 Franken pro Einwohner», wird in der Medienmitteilung erläutert. Mit einem Beitrag von 25 Franken pro Kopf, wie es die Initiative fordere, würden sich die Kosten vervierfachen, was einem ganzen Steuerprozent entspreche. «In Anbetracht des strukturellen Defizits in der Staatsrechnung des Kantons kommt die Forderung der Initiative zur Unzeit und ist nicht finanzierbar», lautet die Begründung des Regierungsrats. Abgestimmt wird voraussichtlich am 23. September.

«Aufgrund von Gesprächen hat das Initiativkomitee mit der ablehnenden Haltung des Regierungsrats gerechnet», sagt Kern. «Der Druck auf den Wald nimmt laufend zu. Uns stimmen die zahlreichen Unterschriften zuversichtlich, dass das Volk in diesem Punkt die Lage anders einschätzt und der Initiative zustimmt.»

Seltene Tiere und Pflanzen werden geschützt

Das Komitee wird sich in den nächsten Wochen mit der Abstimmungskampagne befassen. «Es ist noch ganz viel Überzeugungsarbeit zu leisten», so Kern. «Wir müssen der Bevölkerung klar machen, dass die Freizeitarena Wald mit 4000 Kilometern Waldwegen zum Spazieren, Joggen oder Biken nicht gratis ist.» Die heute überall geschätzten Waldbilder seien das Ergebnis von gezielten forstlichen Eingriffen. Damit würden auch seltene Tiere und Pflanzen geschützt. «Durch die Filterfunktion des Waldbodens entsteht wertvolles Trinkwasser. 40 Prozent des im Aargau genutzten Trinkwassers stammen aus einer der 367 Quellen im Wald.» Mehr als ein Drittel des Kantons Aargau sei mit Wald bedeckt. «Keine andere Landnutzung prägt die hiesige Landschaft so umfassend.» Für die Aargauer Bevölkerung sei der Wald von grosser Bedeutung.

«Der Regierungsrat stellt in seiner Botschaft selbst fest, dass seit dem Inkrafttreten des kantonalen Waldgesetzes die Bedeutung des Waldes als Naherholungsraum weiter zugenommen hat.» Gemäss einer Erhebung aus dem Jahr 2010 besuchen jährlich 41,7 Millionen Menschen den Wald, Tendenz steigend. «Der Kanton rechnet mit einem Bevölkerungswachstum von 22 Prozent bis im Jahr 2035. Dies entspricht einer Zunahme von 145 000 Einwohnern, was der Grösse der Stadt Bern entspricht», stellt Kern fest. Der Dichtestress im Wald nehme also stetig zu und mit ihm die Aufwendungen für die Forstbetriebe.

Cornelia Bisch

cornelia.bisch@zugerzeitung.ch


Anzeige: