Kesb – Mythos und Wahrheiten

HORBEN/MURI ⋅ Ist die verbreitete Angst vor der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) berechtigt? Wie ist diese organisiert, und was tut sie genau? Diese Fragen beantwortete ein Vortrag auf dem Horben.
14. Oktober 2017, 04:39

Über 125 wissbegierige ältere Frauen und Männer fanden sich am Donnerstag in der Alpwirtschaft Horben ein, um dem Gerichtspräsidenten des Bezirks Muri, Benno Weber, zuzuhören. «Die Kesb – Was sie tut!» lautete der Titel des Referats, zu dem die Vereinigung Info 60+ geladen hatte. Aufgrund des unerwarteten Publikumsandrangs musste improvisiert und rasch ein Mikrofon installiert werden. Info 60+ ist eine lose Gruppe von ehemaligen CVP-Mandatsträgern. Befragt über die Ziele, formulierte ihr Sprecher Erwin Berger: «Wir finden es wichtig, die ältere Bevölkerung über politische und ­gesellschaftliche Fragen zu orientieren. Dazu organisieren wir zwei Anlässe pro Jahr, im Frühling und im Herbst. In der Regel werden sie von 60 bis 80 Personen besucht.» Bisherige Themen waren beispielsweise Finanzen im Alter, Demenz, Ernährung, Heimpflege, Jugend und Alter oder Migration. Aber auch Lesungen, ein Bundeshausbesuch oder die Einladung des Abtes Christian Meyer, der vom Engelberger Klosterleben erzählte.

Dieses Mal ging es um die aktuellen Ereignisse rund um die Kesb. Josef Villiger, Obmann der Info 60+, meinte bei seinem Willkommensgruss dazu: «Über die Kesb wird in den Medien und zum Teil auch in den Parteien hoch emotional diskutiert. Und im Alter kommt man eventuell selber in die Lage, nicht mehr eigenständig entscheiden zu können. Daher ist es wichtig, in Form eines Überblicks eine objektive Orientierung zu erhalten.»

Entscheide sind eine Herausforderung

«Die Angst vor der Kesb ist unnötig», war die Anfangsbotschaft des Referenten. Zwei Fragen strukturierten seinen Vortrag: Wie ist die Kesb organisiert, und was sind ihre Aufgaben? Seit dem 1. Januar 2013 hat die Behörde die Vormundschaftsbehörde der Gemeinden abgelöst, die aus Laien bestand. Sie setzt sich zusammen aus einem Juristen, einer in Psychologie ausgebildeten Fachperson und einer Sozialarbeiterin. Im Kanton Aargau ist sie den Bezirksgerichten angegliedert, was bedeutet, dass Scheidungs- und Kinderschutzverfahren am selben Ort bearbeitet werden.

Beim Kinderschutz gilt, dass grundsätzlich die Eltern die Verantwortung für ihre Kinder tragen. Benno Weber schilderte die gesetzlichen Vorgaben und Schritte, welche das allfällige Einschreiten der Kesb leiten: Vom ersten Gespräch über Beratung, Klärung des Besuchsrechts und Verfügen eines Beistands bis zu Zwangsmassnahmen in schweren Fällen von Gewalt oder sexuellem Missbrauch. Immer zum Schutz des Kindes, immer unter Einbezug aller Beteiligten. Selber Mitglied der Kesb Muri, hob Weber hervor, wie herausfordernd es oft sei, die richtigen Entscheide zu treffen. «Komplexe Fälle haben mich am Anfang den Schlaf gekostet. Es ist ungeheuer wichtig, professionell ausgebildete Psychologinnen und Sozialarbeiter zu haben – weil diese mit ihrem Wissen und aus objektiver Distanz besser entscheiden können als nahe Angehörige.»

Keine Gelegenheit zur Rechtfertigung

Auch im Bereich des Erwachsenenschutzes betonte Weber, dass Selbstbestimmung oberstes Ziel bleibe. «Ehegatten vertreten einander eh per Gesetz; und wenn Vollmachten vorgängig geklärt wurden, ist keine Kesb nötig.» Nach einer Abhandlung der Punkte «Patientenverfügung» und «Vorsorgeauftrag» fasste er zusammen: «Die Kesb hat ein Image-Problem, weil in heiklen zwischenmenschlichen Bereichen schnell Fehler passieren und oft an die Medien getragen werden. Die Kesb aber ist an das Amtsgeheimnis gebunden, darf keine Gegendarstellung publizieren und hat somit nie Gelegenheit, sich zu rechtfertigen.» Das Publikum war zufrieden mit den sorgfältigen Ausführungen und der anschliessenden Fragerunde und bedankte sich klatschend.

 

Dorotea Bitterli

redaktion@zugerzeitung.ch


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