Apotheker wollen selbst zur Spritze greifen

GESUNDHEIT ⋅ Immer mehr Kantone lassen Apotheker Impfungen vornehmen. Nun wollen auch die Luzerner Apotheker mitziehen. Die Ärzte sind skeptisch.

Roseline Troxler

Spontan in die nächste Apotheke gehen und sich schnell gegen die Grippe impfen lassen. Dies soll im Kanton Luzern künftig möglich sein – zumindest wenn es nach den Apothekern geht. Apothekerin Karin Häfliger, beim Luzerner Apotheker-Verein zuständig für die Kommunikation, bestätigt die Recherchen unserer Zeitung. Aktuell führen Apotheker zwar Impfberatungen durch, für die Impfung selber fehlt ihnen jedoch die rechtliche Grundlage. Der Berufsverband hat deshalb beim Gesundheits- und Sozialdepartement vor gut einem Jahr einen Antrag gestellt.

Impfen in der Apotheke ist zurzeit in zehn Kantonen möglich. In der Zentralschweiz dürfen dies nur die Apotheker im Kanton Schwyz. Im Kanton Luzern bieten zwar bereits heute vereinzelte Apotheken für eine bestimmte Zeit Impfungen an, doch müssen diese unter der Aufsicht eines Arztes oder von Pflegefachpersonen durchgeführt werden. Neu sollen Apotheker selber impfen können, wenn sie über einen entsprechenden Fähigkeitsausweis verfügen, für den es eine Zusatzausbildung braucht. Geht es nach dem Willen der Luzerner Apotheker, sollen sie künftig auch einzelne weitere Impfungen wie die FSME-Folge­impfung vornehmen können. Diese schützt gegen das Virus, das Zecken übertragen und eine Hirnhautentzündung auslösen kann. Das Zielpublikum für die Apotheker sind gesunde Erwachsene. Kinder sind von Impfungen in der Apotheke ausgeschlossen. Diese Auflage gilt in allen Kantonen.

«Einvernehmliche Lösung geplant»

Laut Kantonsarzt Roger Harstall hat das Gesundheits- und Sozialdepartement mit dem Luzerner Apotheker-Verein und der kantonalen Ärztegesellschaft das Gespräch gesucht: «Das Departement strebt eine einvernehmliche Lösung an.» Über die laufenden Diskussionen werde aber nicht informiert.

Bei der kantonalen Ärztegesellschaft führen die Pläne der Apotheker zu Fragezeichen. Deren Präsident Aldo Kramis sagt: «Wir haben erst vor kurzem von dieser Anfrage gehört und konnten diese noch nicht intern diskutieren.» Die Ärztegesellschaft kündigt an, umgehend ein Treffen mit den Apothekern zu organisieren. «Wir haben keine Ahnung, an welche Bedingungen die Bewilligung geknüpft ist, welche Ausbildung nötig ist oder welche Impfungen künftig verabreicht werden dürfen.» Kramis rechnet damit, dass das geplante Angebot der Apotheker die Hausärzte kaum entlastet, da Impfungen in den Praxen «oft durch medizinisches Praxispersonal unter Aufsicht eines Arztes vorgenommen werden».

Laut dem Schweizerischen Apothekerverband Pharmasuisse haben die meisten Ärztegesellschaften in den Kantonen, in denen in den Apotheken geimpft werden kann, ihr Einverständnis gegeben, da das Impfen in der Apotheke nicht den Arzt konkurriere, sondern eine Ergänzung darstellte.

Karin Häfliger ist von den Vorteilen eines Impfangebots in den Apotheken überzeugt: «Es hat sich gezeigt, dass dies ein Bedürfnis der Bevölkerung ist.» Viele hätten heute keinen Hausarzt mehr. Für andere sei die Tatsache, dass sie extra für die Impfung in einer Praxis einen Termin vereinbaren müssten, ein Hindernis. «In der Apotheke können Kunden spontan vorbeikommen. Viele Apotheken haben lange Öffnungszeiten.» Diesen Aspekt betont auch Pharmasuisse. Stephanie Balliana-Rohrer, Leiterin Kommunikation, sagt: «Mit täglich 300 000 Kundenkontakten haben Apotheken einen guten Zugang, auch zur gesunden Bevölkerung.» Die Apotheker rechnen daher mit einem positiven Effekt auf die Impfrate. Dies hätten Erfahrungen aus anderen Ländern gezeigt. «Insbesondere Kunden, die kaum beim Arzt sind, würden profitieren», sagt Karin Häfliger. Zudem sieht sie auch einen volkswirtschaft­lichen Nutzen. «Steigt die Impfrate für die Grippe, reduziert sich die Anzahl der Krankheitstage.»

Kosten tragen die Patienten

Die Kosten für die Grippeimpfung, rund 30 Franken, werden nicht von den Krankenkassen getragen, egal wo die Impfung durchgeführt wird. Einzige Ausnahme sind Risikopatienten. Es gibt allerdings Zusatzversicherungen, die diese als Präventionsleistung auch bei gesunden Erwachsenen übernehmen. Auch bei anderen Impfungen in der Apotheke müssen die Patienten diese selber berappen. Oft hat das Zielpublikum, die gesunden Erwachsenen, sowieso eine hohe Franchise, so Häfliger.

Pharmasuisse strebt an, dass Apotheker in allen Kantonen gesunde Erwachsene gegen Krankheiten gemäss dem schweizerischen Impfplan impfen können. «Damit sollen auch Folgeimpfungen wie die Masernimpfung künftig möglich sein», sagt Stephanie Balliana. Ausgeschlossen seien hingegen Impfungen im Kindesalter.

Zurzeit nicht kostendeckend

Laut Karin Häfliger wäre das Impf­angebot für die Apotheker «finanziell gesehen eher uninteressant». Die Impfung sei günstig und die Kosten für die Ausbildung – rund 3000 Franken – und die nötige Infrastruktur höher als der zu erwartende Ertrag. Trotzdem haben im Kanton Luzern laut Pharmasuisse bereits 13 Apotheker die fürs Impfen nötige Zusatzausbildung abgeschlossen, 8 Luzerner Apotheker sind derzeit in Weiterbildung. Schweizweit sind knapp 530 Apotheker mit dem Fähigkeitsausweis zertifiziert. «Sobald die Grundlagen geschaffen sind, gibt es sicher weitere Apotheker, welche die kostenintensive Ausbildung absolvieren», ist Häfliger überzeugt. Pharmasuisse hofft, dass das Impfen für die Apotheken künftig kostendeckend ist.


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