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Einst dinierte er mit Sepp Herberger

Frank Marti feierte gestern im «Vogelsang» in Eich mit Frau Hildegard und Familie seinen 90. Geburtstag. Er war von 1974 bis 1991 Sportredaktor beim damaligen «Vaterland», zuvor und danach freier Journalist. Marti schreibt heute noch für unsere Zeitung über Tennis, Curling und Tischtennis.

Frank Marti, 90 Jahre! Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Frank Marti: Ich habe das grosse Glück und die Gnade, von schweren Erkrankungen verschont geblieben zu sein. Abgesehen von gängigen, sich ständig häufenden Altersbeschwerden geht es mir recht gut. Dass halt schon bei kleinsten körperlichen Anstrengungen die Luft immer dünner wird, gibt mir aber schon zu denken.

Apropos «dünne Luft». Sie haben seinerzeit mit Ihrer Frau Hildegard regelmässig Bergtouren und Bergwanderungen unternommen.

Marti: Nun, mit 75 habe ich die Ski an den Nagel gehängt, mit 80 habe ich mich vom Tennisspielen im Lido verabschiedet. Der Verzicht auf die Bergtouren- und Wanderungen mit Hildegard ist mir aber viel schwerer gefallen. Den Führerschein habe ich vor drei Jahren abgegeben. Ich bin insgesamt zehn Autos gefahren, immer Citroën. Meinen ersten «Dö­schwo» habe ich mir 1962 gekauft, für 5800 Franken. Übrigens: Das Skifahren begleitet mich unbewusst bis heute. In meinen Träumen fahre ich die schwierigsten Weltcup-Pisten schneller runter als damals in der Praxis bei den jeweiligen Pistenbesichtigungen mit der Presse.

Nun haben Sie hingegen eine frühere Muse wieder entdeckt ...

Marti: Tatsächlich spiele ich nach sehr langer Pause jetzt wieder regelmässig Klavier. Das schwere Burger & Jacobi-Piano, bei dessen Ankauf 1933 auch mein Sparschwein und die Sparbüchsen meiner fünf älteren Geschwister geleert werden mussten, verfügt nach wie vor über einen weichen, vollen Klang. Ich versuche, dem mir am Konservatorium in Fribourg beigebrachten Können einigermassen gerecht zu werden. Meine zwölfjährige Enkelin Sheela spielt Violine, nicht zuletzt ihretwegen habe ich nach jahrzehntelangem Unterbruch das Musizieren wieder entdeckt (Marti setzt sich auf den Klavierstuhl und spielt uns einen Choral von Bach sowie Kinderszenen von Schumann vor; Anm. d. Red).

Wie kamen Sie zum Sportjournalismus?

Marti: Erste Berichte über musikalische und kulturelle Anlässe dienten mir als Sprungbrett zum hauptberuflichen Journalismus. Als unterbezahlter Leiter diverser Chöre und als Organist in den Pfarreien Bruder Klaus in Kriens, St. Josef Maihof und in der St.-Peters-Kapelle in Luzern kam mir der schriftlich verdiente Zustupf ganz gelegen. Als Aufgebote zu Sportanlässen hinzukamen, war der Schritt schnell vollzogen.

Welches waren Ihre Hauptsportarten?

Marti: Fussball, Ski alpin, Rudern. Später kam Tennis dazu. Im Fussball stieg ich gleich auf höchster Stufe ein. Am 20. Juni 1954 besuchte ich das erste Länderspiel. Die Schweiz unterlag an der WM England mit 0:2. Von der legendären, nach schneller 3:0-Führung gegen Österreich noch 5:7 verlorenen Hitzeschlacht auf der Lausanner Pontaise berichtete ich dann erstmals solo.

Sie sind als Sportreporter um die Welt gereist.

Marti: Ich war von 1964 bis 1976 an den Olympischen Spielen von Innsbruck, Grenoble, Sapporo, München und nochmals Innsbruck. Ich habe zwei Fussball-WM, 1954 in der Schweiz und 1966 in England, live miterlebt. Dazu habe ich diverse WM und EM in den Sportarten Ski alpin, Rudern und Eishockey besucht. Über den FC Luzern und die Schweizer Fussball-Nati habe ich ab 1954 zirka 25 Jahre lang berichtet.

Von den grossen Anlässen haben Sie dann jeweils für mehrere Zeitungen gleichzeitig berichtet.

Marti: Ja, für fünf bis sieben Zeitungen, zu Tagespauschalen von je 30 bis 50 Franken. In den Fünfzigerjahren gab es in Luzern sogar vier Tageszeitungen. Die Nummer 4 nach «Vaterland», «Tagblatt» und LNN war die der SP nahestehende «Freie Innerschweiz». Für diese Zeitung habe ich jeweils denselben FCL-Matchbericht abgeliefert wie fürs «Vaterland». Ich musste dazu nur das Kohleblatt in die Schreibmaschine schieben.

Sie heissen ja eigentlich Franz und nicht Frank. Ihre Zeitungsartikel haben Sie aber immer mit Frank unterschrieben. Wieso das?

Marti: Gleich vorweg: Mit Frank Sinatra hat das nichts zu tun. Der Grund ist eigentlich völlig trivial. Als Bub verbrachte ich die Ferien öfters bei Verwandten im Elsass, dem Geburtsort meiner Mutter. Für die Mithilfe in seinem Kolonialwarengeschäft gab mir Onkel Otto jeweils einige französische Francs mit auf die Heimreise. Diese, so erzählte man, soll ich meinen Spielkameraden daheim prahlend unter die Nase gehalten haben. Aus Franzi wurde Fränkli, aus Fränkli Frank.

Wie haben Sie die gravierenden Veränderungen im Zeitungswesen miterlebt?

Marti: Wesentlich erleichtert hat sich für die Reporter die Übermittlung der Berichte in die jeweilige Redaktion. Heute werden die Kommentare direkt in das Computersystem der Zeitung eingegeben. Die früheren Übertragungsarten per Expressbrief, Telefon, Telex-Lochstreifen und Telefax war äusserst mühsam, zeitraubend und teuer. Und an Ort angelangt, mussten die Texte von der sogenannten Setzerei erst noch neu erfasst werden.

Wer ist in Ihren Augen der grösste Sportler, wer die grösste Sportlerin aller Zeiten?

Marti: Ganz klar Roger Federer und Steffi Graf. Geografisch enger gezogen, würde ich Bernard Russi und Erika Hess nominieren. Zu beeindrucken vermochten mich zu meiner aktiven Zeit aber auch Paul Wolfisberg, Walter Tresch oder der Langläufer Sepp Haas.

Und wer ist die prominenteste Persönlichkeit, die Sie je getroffen haben?

Marti: Das war die deutsche Fussball-Trainerlegende Sepp Herberger. FCL-Trainer Franz Linken hatte mich damals zum Mittagessen mit dem deutschen Bundestrainer ins Hotel Hermitage in Luzern eingeladen. Hauptthema war allerdings nicht der Rückblick auf das ‹Wunder von Bern›. Linken drohte die Freistellung vom FCL, Herberger vermittelte ihn zu Tennis Borussia Berlin.

Weitere Anekdoten, bitte.

Marti: Die Schweizer Fussballlegende Karl Odermatt habe ich ebenfalls in der Hermitage zum Essen getroffen. Er war als Spieler beim FC Luzern im Gespräch, letztendlich aber zu teuer für den FCL.

Skilegende Ingemar Stenmark soll Ihnen einen Dankesbrief für Ihre Berichterstattung geschickt haben ...

Marti: Das ist ein Gerücht, davon weiss ich nichts. Stenmark hat ja sowieso fast nie gesprochen. Man sagte über ihn: Stenmark schweigt in sieben Sprachen. Dafür habe ich dem ehemaligen FCL-Trainer Rudi Gutendorf vor seinem Wechsel von Luzern nach Tunesien Französischunterricht gegeben. Unvergesslich bleiben für mich auch die englischen Sportstätten – das Nonplusultra. Während meiner Reportagen von den Ruderregatten im sommerlichen England machte ich jeweils einen eintägigen Abstecher ans Tennisturnier in Wimbledon, wo ich immer in der Loge der «Times» sitzen durfte.

Die aufregendste Story, die Sie geschrieben oder betreut haben?

Marti: Als freier Journalist berichtete ich über Katastrophen wie beispielsweise den Hotelbrand auf Rigi Kaltbad, das Carun-glück am Lopper oder den Absturz der Caravelle in Dürrenäsch. Die Tragödie am elften Tag der Olympischen Spiele in München sowie das tragische Ende der Geiselnahme mit dem Blutbad in Fürstenfeldbruck erlebte ich von meinem Zimmer im Presseviertel aus nächster Nähe.

Was sagen Sie zum aktuellen FC ­Luzern?

Marti: Ich schaue mir am TV jedes Meisterschaftsspiel an. Die jetzigen Probleme und Dispute ähneln jenen der früheren Zeiten. Ich war oftmals Zielscheibe perfider Angriffe. Der ehemalige FCL-Trainer Otto Luttrop drohte mir und dem «Vaterland» sogar mit einem Prozess. Weil ich herausgefunden hatte, dass Luttrop mit dem FC Bellinzona verhandelte. Zum Prozess kam es aber nicht. Weil ich Recht und die Rückendeckung der Chefredaktion hatte.

Was wünscht sich der 90-jährige Frank Marti für die, sagen wir ... nächsten zehn Jahre?

Marti: Weiter so ... bis es so weit ist.

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