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Gesellschaft im Stresstest - «Idioten» am Theater Luzern

Mit einer Bühnenversion von Lars von Triers Film «Idioten» von 1998 hat das Theater Luzern am Samstag die Saison eröffnet: Das Stück über eine Gruppe von Leuten, die «Spasti spielen», um die Gesellschaft auf die Probe zu stellen, ist auch ein Stresstest fürs Publikum.

Die berühmte Rudelbums-Szene aus dem Film bleibt dem Zuschauer in Luzern zwar erspart, aber ein paar Nackedeis wuseln schon herum. Und das ausgerechnet, während Kommunen-Führer Stoffer seine zentrale These darlegt: Dem Idioten gehört die Zukunft, weil er reinen Herzens ist - kein schlechtes Motto in einer Zeit, die immer noch unter den Untaten von Bankern leidet.

«Worin liegt der Sinn einer Gesellschaft, die immer reicher wird, aber niemanden glücklicher macht?» fragt Stoffer; währenddessen versucht das Publikum krampfhaft, sich nicht von den Blüttlern ablenken zu lassen - eine von vielen provokativ inszenierten Unbehaglichkeiten.

Behinderung als Erholungskur

Ob Stoffers Sozialexperiment viel bringt, ist von Anfang an fraglich. Wenn die sieben Kommunarden ausschwärmen, um als Behindertengruppe sabbernd, zappelnd und grimassierend im Restaurant, im Schwimmbad oder auf einer Werksbesichtigung die Gesellschaft bei Intoleranz zu ertappen, endet das selten entlarvend.

Einzig dass eine Gemeindevertreterin die Wohngemeinschaft bittet, in die Nachbargemeinde zu ziehen - gegen entsprechendes Entgelt, versteht sich - ist annähernd skandalös. Aber zu diesem Zeitpunkt ist Stoffers Versuchsanordnung bereits ihrer Wirkungslosigkeit überführt.

Der Besuch eines echten Behinderten macht klar, dass die meisten in Stoffers Clique Arrivierte sind, die beim «auf Gaga machen» keineswegs ihren «inneren Idioten» aufspüren, sondern sich nur eine Auszeit nehmen wollen vom Familien- und Arbeitsstress. Als Stoffer von seinen Leuten fordert, in ihrem normalen Umfeld Idioten zu spielen, steigen die meisten aus. Ausser Karen, die als letzte zur Gruppe gestossen ist und als einzige ein wirklich grosses Problem hat.

Auf die Pelle gerückt

Regisseur Krzysztof Minkowski inszeniert mit wenig Versatzstücken. Im breiten Bühnenbild zentral ist ein Esstisch mit acht Gedecken; er gemahnt wohl nicht zufällig an das letzte Abendmahl. Die «Idioten» geben das Erlebte wieder, indem einige die Rollen von Aussenstehenden - Kellner, Werksleiter, Rocker etwa - annehmen. Die Rahmenhandlung in der Wohngemeinschaft und Episoden von ausserhalb gehen fliessend ineinander über. Da die Rollenwechsel kaum markiert werden - etwa durch Verkleidung - ist das mitunter etwas verwirrend.

Störend - aber auf gewollte Weise - ist die intime Ansprache des Publikums: Die acht Darsteller nehmen Einzelne der etwa 60 Zuschauer gezielt ins Visier, versuchen ihnen Basteleien zu verkaufen oder simulieren in direktem Blickkontakt Orgasmen. Vielmehr als ungemütlich ist das freilich nicht. «Idioten» sagt nicht wirklich etwas aus über den Umgang der Gesellschaft mit den Schwachen. Das Stück karikiert vielmehr eine wirtschaftlich gut gestellte Menschengruppe, der nichts zu blöd ist, um darin den verlorenen Lebenssinn wiederzufinden.

Weitere Vorstellungen: 30.8., 6., 7., 8., 13., 14., 15., 20., 21., 26. und 27.9.

sda

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