Die Arbeit ist sein Lebensmotor

KUNST ⋅ Der Luzerner Maler, Zeichner und Bildhauer Hans Erni feiert am Samstag seinen 106. Geburtstag. Noch immer voller Tatendrang sitzt er täglich im Atelier und zeichnet. Im vergangenen Jahr kreierte er das Farbschema für das neue PC-12 NG Demoflugzeug von Pilatus.

Kurt Beck

Heute ist er 106 Jahre alt und damit der zweitälteste Luzerner. Doch das ist für Hans Erni kaum der Rede wert. Die Langlebigkeit liege in der Familie und sei wohl genetisch bedingt, meint er. Dass seine moderat asketische Lebensweise ohne Nikotin, mit wenig Alkohol und einfachem Essen dem Alter zuträglich ist, schliesst er nicht aus. Viel wichtiger ist ihm jedoch die Arbeit, die er als Künstler noch zu bewältigen hat. All die Ideen, Gedanken, Beobachtungen und Eindrücke, die er noch in Bilder fassen, denen er mit geübter Hand mit Stift und Pinsel eine gültige künstlerische Form geben will. Täglich sitzt Hans Erni zeichnend und malend am Arbeitstisch. Acht Stunden, unterbrochen nur von einem leichten Mittagessen.

  • Hans Erni

Der Luzerner Künstler und Maler Hans Erni feiert heute seinen 106. Geburtstag. Einen kleinen Rückblick auf die vergangen 10 Jahre seinen Lebens sehen Sie hier.

Hans Erni feierte am 21. Februar seinen 106. Geburtstag. (Tele 1, 20.02.2015)

Als wir den Künstler am Aschermittwoch um 11 Uhr zum Gespräch treffen, hat er ein Dutzend Zeichnungen vor sich, die er an diesem Vormittag bereits zu Papier gebracht hat. Es sind bewegte Bilder von jungen Männern und Frauen, einmal erscheinen sie ganz­figurig, in einem Reigen tanzen sie übers Blatt. Die anderen Blätter zeigen Doppelporträts, allerdings sind die Köpfe nicht nebeneinander, sondern gespiegelt untereinander. Das Gegenpolige von männlich und weiblich wird damit besonders betont. Der Künstler zieht ein Blatt heraus: «Das ist gut, das könnte gerahmt und im Museum ausgestellt werden.» Oder in der Zeitung abgebildet werden? Hans Erni gefällt die Idee und stellt das Blatt spontan als Illustration zur Verfügung.

Offen für Neues

Wie bei früheren Begegnungen mit dem Künstler sitzt Hans Erni im weissen Trainingsanzug am Tisch. Eine Reverenz an seine vielseitige sportliche Karriere? Möglich wärs, denn an seine sportlichen Leistungen als Leichtathlet, Skifahrer und Landhockeyspieler erinnert er sich gerne, aber ohne Wehmut.

Anders als noch vor einem Jahr arbeitet der Künstler nicht mehr in seinem Atelier, in dem in den letzen 50 Jahren ein Grossteil seines riesigen OEuvres entstanden ist. Weil ihm das Treppensteigen zu beschwerlich ist, hat er den Arbeitsplatz in die Bibliothek verlegt. Gewohnheiten zu durchbrechen, ist für den Künstler kein Problem. Der Atelierwechsel hat keinen Einfluss auf sein Schaffen: «Ich bin überall zu Hause», sagt er und fügt hinzu: «Ich bin offen für alles, was kommt. Wer sich der Veränderung verschliesst, hat das Ende erreicht.»

Alles fliesst

Veränderung und Erneuerung sind es, die Hans Erni antreiben. Dass alles in Bewegung ist, nichts stillsteht oder im Moment verharrt, fordert den Künstler und hält ihn geistig beweglich. «Kein Augenblick wiederholt sich, es gilt, das Einzigartige zu dokumentieren und die Wahrheit des Moments festzuhalten.»

Die Suche nach der Wahrheit in einer sich stetig verändernden Welt und diese Wahrheit auch bildlich zum Ausdruck zu bringen, das ist die wesentliche Aufgabe, die den Künstler Hans Erni seit seinen malerischen Anfängen beschäftigt und der er sich täglich neu stellt. «Ich versuche, an den Aufgaben zu wachsen», erklärt der Künstler und meint: «Je besser ich eine Aufgabe löse, desto schöner ist es zu leben.» Das ist der Motor seiner künstlerischen Existenz, daraus schöpft er seine Energie und Schaffenskraft. Wahrheit ist ein zentraler Begriff in Leben und Werk von Hans Erni, der erklärt: «Der Glaube an die Wahrheit ist der einzige Glaube, den wir wirklich brauchen.»

Aus dieser Perspektive erklärt sich auch, woher der Künstler seine Inspiration bezieht und wo er seine Ideen findet. Es sind keine Musen, die ihm einflüstern, was er zu tun hat, sondern es ist das Leben selbst, das ihm den Weg weist. «Das Leben ist so reich, jeden Tag bringt es neue Begegnungen und überrascht uns stets aufs Neue.» Der 106-Jährige lässt sich gern überraschen, auch von dem, was beim Entstehungsprozess eines eigenen Werkes entsteht.

Verlässliche Hand

Tausende von Werken, Bildern, Zeichnungen, Wandgemälden, Grafiken, Keramiken, Skulpturen, Medaillen, Plakaten, Buchillustrationen, Glasmalereien, Fresken und Briefmarken hat der Künstler in den mehr als 80 Jahren geschaffen. Die Übersicht über sein gesamtes OEuvre hat auch der Künstler verloren: «Ich kann mich nicht an alles erinnern, was ich je realisiert habe, meine Hand weiss es wahrscheinlich noch.» Auf seine Hand kann sich der Künstler immer noch verlassen, sie hat ihre Beweglichkeit, Präzision und Sicherheit erhalten.

Die grosse bildnerische Erfahrung erleichtert die Arbeit des Künstlers, lässt Bilder geschmeidig aus der Hand fliessen könnte man meinen. Doch das Gegenteil ist der Fall: «Die Arbeit fällt mir schwerer. Ich muss mich für jedes Werk neu und mehr verausgaben. Denn es geht nicht nur darum, die stimmige Form aufs Papier oder auf die Leinwand zu bringen, es geht auch um Haltung und Inhalt, um die ich jedes Mal neu ringen muss und die die Arbeit an sich selbst erfordern», erklärt Erni. Für Routine ist da kein Platz. Kunst braucht eine originäre Botschaft. «Kunst muss aufklären, sonst ist ein Bild bloss Dekoration.»

Hans Ernis humanistisch geprägtes Engagement für eine sozialere Welt schlägt sich auch in seiner Kunst nieder und hat den Künstler auch Anfein­dungen ausgesetzt. «Wahrheit war immer gefährlich, doch die Kunst kann und darf nicht darauf verzichten, auch wenn sie für gewisse Leute schwer erträglich ist. Doch das rechtfertigt es niemals, jemanden umzubringen», erklärt Hans Erni mit Blick auf das mörderische Attentat auf die Künstler von «Charlie Hebdo».

Dass Kunst die Welt unmittelbar verbessern kann, das bezweifelt Hans Erni: Doch er ist überzeugt, «dass Kunst die Haltung der Menschen verändern kann». Darauf baut er. Doch ist die Welt besser geworden? Wer, wenn nicht der 106-Jährige, könnte es besser wissen? «In vielen Bereichen ist sie vernünftiger geworden und hat vom technischen Fortschritt profitiert. Doch besser? Ich weiss nicht. Ich wünschte, sie wäre besser ge­worden.»

Hinweis

Aktuelle Ausstellung: «Selbstporträts», Hans-Erni-Museum, im Verkehrshaus, Luzern. Ausführliche Biografie unter: www.hans-erni.ch


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