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Kommts am Gnagi-Essen zum grossen Eklat?

FASNACHT ⋅ Was für eine – Pardon! – Schweinerei! Ausgerechnet am Gnagi-Essen heute Abend im Grand Casino Luzern, wo traditionsgemäss Luzerns honorige Männerwelt genüsslich Schweinsfüsse, eben Gnagi, verzehrt, droht ein Eklat von fast schon apokalyptischem Ausmass.

Doch davon später. Vorab ein paar Erläuterungen für Nicht-Gnagi-Essen-Erprobte: Der Anlass findet heuer zum 94. Mal statt. Einst aus kirchlicher Wohlfahrt entstanden, hat er sich zum vorfasnächtlichen Gesellschaftsevent erster Güte entwickelt. «Venedig sehen und ...» Dieses Diktum könnte man heute fast schon aufs Luzerner Gnagi-Essen anwenden.

Jedenfalls: Rund 500 Männer im besten Alter – darunter Regierungs-, Gemeinde-, Stadträte sowie weitere tragende Säulen der Gesellschaft – vertilgen am Gnagi-Essen jeweils genüsslich schmatzend weit über 1000 gekochte Schweinsfüsse (mit oder ohne Schwarte, je nach Gusto). Dazwischen ergötzen sie sich an allerlei rhetorischen Darbietungen. Was und wer da schon alles durch den Gaggo gezogen wurde, geht auf keine Kuh- respektive Schweinshaut. Altgediente Gnagi-Esser schwören, das Niveau der dargebotenen Schnitzelbänke und Kalauer sei Nobelpreis-würdig.

Seis drum. Tatsache ist, dass auch schon ganz hohe Tiere hier brillierten. Luzerns Stapi Stefan Roth etwa riss mit flotten Sprüchen und seinen noch viel flotteren «Money Girls» – weibliche Mitglieder seines stadträtlichen Staffs – den Saal zu Begeisterungsstürmen hin. Auf der Kabarettbühne sei Roth um Klassen besser als auf der Politbühne, munkelten danach böse Zungen. Übrigens: Das Gnagi-Essen ist Männern vorbehalten; einzige Frauen im Saal sind das adrett gekleidete Servierpersonal, Stapi Roths tanzende «Money Girls» oder mal eine verirrte Fotografin unserer Zeitung, die in schweiss- und alkoholgeschwängerter Atmosphäre tapfer vor sich hinknipst.

Der Eintritt kostet 36 Franken pro Person, es gibt maximal 2 Tickets. Der Andrang ist gross, das Chaos im Vorverkauf legendär, der Anlass rasch ausverkauft. Stets das gleiche Essen wird aufgetischt (Gnagi mit Sauerkraut und Härdöpfu). Dazu wird getrunken, und es gibt musikalische und verbale Darbietungen mit viel Lokalkolorit. Auch Wetterfrosch Thomas Bucheli hat hier schon knapp und knackig seinen Senf, also ein gereimtes Värsli abgeliefert.

Nun zum Wesentlichen:Über Jahre hinweg prägte Ruedi Bürgi, auf Lebenszeit gewählter Gnagivater, den Anlass. Ein Mann mit Charisma. Blumenhändler, Rosenkavalier, Verteidiger der Operette, Grossstadtrat, Heinrich-Heine-Kenner (in Mäni ­Webers legendärem Fernsehquiz «Wer gwünnt?» räumte er damit gross ab). Bürgis Einzug mit Gefolge im Casino-Saal war unnachahmlich.

Das Gnagi-Essen 2014 war Bürgis letzter Auftritt. Kurz darauf starb er 86-jährig. Das Vakuum, das er hinterlässt, ist riesig. Sein Platz bleibt heute aus Pietätsgründen leer – zu Recht. Doch wie alles Wichtige in dieser Welt muss auch das Gnagi-Essen irgendwie weitergehen. Und hier sind wir nun beim zu Beginn angesprochenen Dilemma. In Bürgis Fussstapfen treten kann niemand. Dennoch: Ein Nachfolger muss her.

Viele Namen fielen, darunter gar jener von Stefan Roth. Ja, ja, wenn man mit «Money Girls» plagiert, wird einem schnell von allen Seiten hofiert ... Roth winkte dezidiert ab. Nun solls Urs Liechti richten. Der langjährige Weggefährte Bürgis und Gnagi-Landschryber hatte mit seinen satirischen Epigrammen die Lacher stets auf seiner Seite. Gnagivater aber will er partout nicht werden. «Ich will diesem Klamauk nicht vorstehen», sagte der knapp 50-Jährige unserer Zeitung klipp und klar.

Nur aus Freundschaft zu seinem Ziehvater Bürgi habe er beim Gnagi-Essen mitgemacht, sagt Liechti. Von Beruf ist er Postbeamter. «Ech mus am Morge am drü go bögle», betont er. Wer ihn näher kennt, weiss zudem: Liechti ist ein Feingeist. In der Freizeit geht er in die Oper oder liest – Kästner, Tucholsky, Dürrenmatt sind seine Vorbilder.

Heute Abend nimmt Liechti letztmals am Gnagi-Essen teil – um sich von Ruedi Bürgi zu verabschieden. Doch gleich danach könnte es drunter- und drübergehen, denn klammheimlich – so wollen es aktuelle Gerüchte – ist Liechtis Wahl per Akklamation zum neuen Gnagi-Vater schon geplant. Wie wird er darauf reagieren? «Ich werde Nichtannahme der Wahl erklären», sagt Liechti. Was für ein Eklat, der sich da anbahnt!

Hugo Bischof

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Leserkommentare
  • lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet ()
    geschrieben am 02.02.2015 09:55

    Auf der ganzen Welt verhungern jeden Tag Kinder!

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