2016 wird das Schicksalsjahr der Telefonkabine

Die guten alten Telefonkabinen sind akut vom Aussterben bedroht. Rasant nimmt ihre Zahl ab, allein in den letzten fünf Jahren um fast 40 Prozent. Schweizweit gibt es noch 4211 öffentliche Fernsprechanlagen, in der Stadt Luzern sind es noch 20.

03. Januar 2016, 05:00

Immerhin, muss man sagen. Wer heute in Luzern vom Bundesplatz zum Grendel spaziert, läuft an nicht weniger als fünf «Publifonen» vorbei, wie die UFO-mässig beleuchteten Glaskabinen auch genannt werden. Doch mögen sie noch futuristisch aussehen, die digitale Evolution schreitet unerbittlich voran – und es gilt auch hier das Recht des Stärkeren. Handys sind lange nicht mehr nur auf dem Vormarsch, sie haben sich flächendeckend durchgesetzt und machen die Nutzung der Sprechzellen «faktisch obsolet», wie die Swisscom das nennt. Der Bund plant, den Telefonzellen dieses Jahr den Todesstoss zu versetzen. Mitte 2016 wird die Verordnung über Fernmeldedienste angepasst, Telefonkabinen sollen dann nicht mehr zur Grundversorgung gehören. Absehbar, dass sie dann ganz verschwinden werden.

Natürlich wirken die Kabäuschen heute wie aus der Zeit gefallen. Sie stammen aus einer Ära, in der man genaue Zeit- und Treffpunkte abmachen musste, wenn man sich verabreden wollte. Kurzfristige Absagen waren nicht möglich. Das hatte sein Gutes: denn mittlerweile scheint die Verbindlichkeit von Dates ein ebenso verstaubtes Relikt zu sein wie die Telefonzelle selbst. Mit der Folge, dass so manches Rendez-vous ganz spontan doch noch abgeblasen wird.

Es war eben gerade die Unerreichbarkeit, die früher überhaupt Romantik entstehen liess. Wenn der andere immer nur ein SMS weit entfernt ist, kann echte Sehnsucht gar nicht aufkommen. Als es noch keine Flat Rates gab, setzten zumindest die horrenden Kosten der mobilen Telefonie klare Grenzen. In meinem Fall wurden diese von meinem Vater aufgestellt. In einem abgelegenen Bergdorf in den Ferien untersagte er es mir mit 13 Jahren strikte, meinen Jugendschatz vom «Natel» aus in Spanien aufs Handy anzurufen. Auch die Zahl der SMS war unter diesen Umständen streng limitiert. Was blieb dem verliebten Grünschnabel also übrig, als mit einer Thermoskanne warmen Tees auf den verschneiten Dorfplatz zur Telefonkabine zu pilgern? Bei den stundenlangen Gesprächen mit dem Jungen meines Herzens ging selbstredend auch so das ganze Taschengeld drauf – meines wie seines. Aber das war es wert.

Die Telefonkabine in besagtem Bergdorf steht lange nicht mehr. Sollte ich je Kinder haben, werden sie für derlei Romantik wohl kein Verständnis mehr haben. Und doch lässt sich die Geschichte meiner ersten Liebe nicht ohne diesen Fernsprecher erzählen. Und das gilt nicht nur für diese, sondern auch für ganz viele andere Geschichten.

Der unvergessliche Alfred Hitchcock dürfte mir da zugestimmt haben. Er soll einst gesagt haben: «Eine Szene in einer Telefonzelle lässt dem Filmregisseur dieselbe Freiheit wie das weisse Blatt dem Romancier.» Und tatsächlich finden sich in seinen Werken so einige Szenen, in denen eine Telefonzelle der eigentliche Star ist. Das Mitlauschen von Telefongesprächen machte den Zuschauer nicht nur in «Bei Anruf Mord» zu einem heimlichen Komplizen des Mörders. Der Wissensvorsprung des Publikums gegenüber den Protagonisten machte bei Hitchcock oft die Spannung aus. Einen grossen Auftritt hatte aber auch die Telefonzelle in «Die Vögel», die der einzige Schutz vor den blutrünstigen Raubvögeln war.

Und Hitchcock war mit seiner Faszination nicht alleine. So liess Regisseur Don Siegel im Klassiker «Dirty Harry» Clint Eastwood von einem Wahnsinnigen von einer Telefonzelle zur anderen jagen. Genauso erging es Colin Farrell in «Nicht auflegen». Mit dem Ende der Telefonkabinen wird also auch ein Kapitel in der Filmgeschichte geschlossen.

Anonyme Anrufe haben sich Kriminelle aber auch in der Realität zu Nutze gemacht. So etwa Arno Funke, der in den 80er- und 90er-Jahren als Kaufhauserpresser «Dagobert» für Schlagzeilen sorgte. Über Jahre führte er die deutsche Polizei an der Nase herum, bis er schliesslich in einer Telefonzelle gefasst wurde. Die Polizei hatte sich nicht gescheut, alle öffentlichen Fernsprecher im Süden Berlins observieren zu lassen, um ihn endlich zu erwischen.


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